David Odonkor ist derzeit Co-Trainer des SC Verl © imago

David Odonkor spricht im SPORT1-Interview über seine unerwartete Nominierung und mögliche deutsche Überraschungen für die WM 2014.

Von Christian Geisler

Verl - Er war die Überraschung im WM-Kader 2006: Der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann nominierte unerwartet David Odonkor von Borussia Dortmund.

Ohne auch nur ein Länderspiel bestritten zu haben, stieß der damals 22 Jahre alte Flügelflitzer in den Kreis der A-Nationalmannschaft und sorgte gleich für Furore.

In seinem dritten Länderspiel flankte Odonkor den Ball im Vorrundenspiel gegen Polen auf Oliver Neuville, der zum entscheidenden 1:0 einnetzte. Die frühzeitige Qualifikation für das WM-Achtelfinale war damit perfekt. Die Euphorie im Land stieg ins Unermessliche.

Am Donnerstag gibt nun Klinsmanns damaliger "Co" und heutiger Bundestrainer Joachim Löw den erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien bekannt. Und dabei könnte er ebenso Namen auf der Liste haben, mit denen zuvor keiner gerechnet hat.

Odonkor spricht im SPORT1-Interview über seine damalige Nominierung, mögliche Überraschungen und seinen WM-Favoriten.

SPORT1: David Odonkor, mit Ihrer WM-Nominierung 2006 hat der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann für eine faustdicke Überraschung gesorgt. Wie war dieser Moment damals für Sie?

David Odonkor: Wenn der Bundestrainer anruft und dir sagt, dass man bei der Heim-WM dabei ist, ist das ein riesiges Erlebnis. Das ist etwas ganz Besonderes. Eine Weltmeisterschaft darf eben nicht jeder spielen. Nur die Besten aus dem Land werden ins Team berufen.

SPORT1: Was hat er Ihnen am Telefon gesagt?

Odonkor: Er hat gar nicht so viel erzählt: Ich dürfe mitfahren und wäre bei der Weltmeisterschaft dabei. Dann hat er mir noch Zeit und Ort für den Treffpunkt mit der Mannschaft genannt - das war's. Alles andere haben wir dann im Hotel besprochen.

SPORT1: Nach diesem unerwarteten Anruf: Was haben Sie zuerst gemacht?

Odonkor: Als Erstes habe ich meine damalige Freundin und heutige Ehefrau angerufen und ihr davon erzählt. Danach hat es meine Mutter erfahren. Später habe ich mich noch mit meinem Berater in Dortmund getroffen. Ich würde fast sagen, dass ich im ersten Moment nervöser war als alle anderen. Hinzu kam, dass ich damals fest mit der U21-Nominierung unter Horst Hrubesch gerechnet hatte. Gedanklich war ich eigentlich schon bei diesem Wettbewerb. Dass es anders gekommen ist, ist natürlich eine großartige Geschichte.

SPORT1: Was hat die damalige Nominierung für Ihre weitere Karriere bedeutet?

Odonkor: Wenn man eine WM spielt und später auch noch bei einer EM antritt - was will man mehr? Die Weltmeisterschaft hat mir zudem Türen geöffnet: Ich hatte ein Angebot vom FC Bayern, von Mannschaften aus England und aus Spanien. Ich habe mich letztendlich für Spanien entschieden.

SPORT1: Am Donnerstag nominiert Bundestrainer Joachim Löw seinen Kader für die WM in Brasilien. Wer, glauben Sie, könnte für eine ähnliche Überraschung sorgen wie Sie 2006?

Odonkor: Man hat in den letzten Jahren gesehen, wer alles dabei ist. Die Mannschaft ist im Kern gut eingespielt. Ich denke, dass Joachim Löw vielleicht noch zwei bis drei neue Spieler dazu nimmt - mehr aber nicht. Im Moment gefällt mir da Kevin Volland von Hoffenheim am besten. Ich kann mir gut vorstellen, dass er bei der WM für eine gute halbe Stunde ins Spiel kommt und dann für Wirbel sorgt. Er könnte es in den Kader schaffen. ( 887132 DIASHOW: Die besten deutschen Youngster )

SPORT1: Wird es auch Härtefälle geben?

Odonkor: Es kann immer passieren, dass Stammkräfte verletzt sind und sich zum Zeitpunkt der WM nicht auf ihrem Top-Level befinden. Dann muss man auch gucken, wie eine Saison verlaufen ist: Wenn ich einen fitten Stürmer habe, der 15 Tore geschossen hat, muss ich diesen auch mitnehmen. Ist ein Spieler nicht in Form, bleibt er zu Hause. Bei Mario Gomez kann es zum Beispiel eng werden. Überwindet er aber schnell seine Verletzung und bringt in den letzten Spielen in Italien gute Leistungen, bin ich mir sicher, dass er nominiert wird.

SPORT1: Welche Auswirkungen hat Bayerns Ausscheiden im Halbfinale der Champions League für die WM?

Odonkor: Der Vorteil von Bayerns Champions League-Aus ist der, dass man sich nun in aller Ruhe auf die WM vorbereiten kann. Löw hat jetzt seine Leute frühzeitig beisammen. Spieler, die nachrücken, brauchen immer erst ein paar Tage Pause. So kann sich die Mannschaft frühzeitig finden und auf die anstehende Weltmeisterschaft vorbereiten.

SPORT1: Mit Portugal, Ghana und den USA warten in der WM-Vorrunde schon richtige Brocken auf das deutsche Team. Wie bewerten Sie die Gruppe?

Odonkor: Die Vorrunde wird für die deutsche Mannschaft nicht leicht werden. Alle drei Teams haben ihre Stärken und sind schwer zu spielen. Aber wenn jeder mit der richtigen Einstellung in die Spiele geht und 100 Prozent gibt, dann werden wir sicher weiter kommen. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

SPORT1: Und was trauen Sie der Mannschaft generell in Brasilien zu?

Odonkor: Wenn man die letzten großen Turniere gesehen hat, traue ich dem Team die Finalteilnahme absolut zu. Das wird natürlich nicht leicht. Gerade bei dem Klima in Brasilien muss man über seine Schmerzgrenze hinaus gehen. Nur dann kann man auch etwas erreichen. Aber mit uns ist immer zu rechnen. ( 816411 DIASHOW: Die Spielstätten der WM 2014 )

SPORT1: Wem trauen Sie bei der WM eine Überraschung zu?

Odonkor: Die Belgier könnten in Brasilien für eine große Überraschung sorgen. Allein, wenn man die Top-Spieler von denen sieht: van Buyten, Hazard, dann De Bruyne von Wolfsburg - die sind alle stark. Sie haben eine junge, hungrige Mannschaft und werden bei der WM eine gute Rolle spielen.

SPORT1: Und wer sind Ihre Favoriten auf den Pokal?

Odonkor: Brasilien hat natürlich den Heimvorteil auf seiner Seite und wird allein deswegen weit kommen. Von Spanien bin ich derzeit nicht überzeugt. Die letzten Monate haben gezeigt, dass die ganz starken Jahre erst einmal vorbei sind. Schlecht ist das Team trotzdem nicht. Italien kann mit seiner Defensiv-Stärke ebenfalls weit kommen. Mauer-Fußball, kontern und dann 1:0 zu gewinnen ist nicht der schönste Fußball, aber am Ende zählt nur der Erfolg. Mein Favorit bleibt dennoch Brasilien.

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