SPORT1-Reporter Thorsten Mesch (r.) traf Volker Finke vor der WM-Auslosung in Brasilien © SPORT1

Volker Finke hat Kamerun nach langer Durststrecke zur WM geführt. Im SPORT1-Interview spricht er über die Auslosung und das DFB-Team.

Aus Brasilien berichten Thorsten Mesch und Jochen Stutzky

Costa do Sauipe - Volker Finke war für deutsche Fußballfans lange Zeit das Gesicht des SC Freiburg.

16 Jahre lang arbeitete der 65-Jährige als Trainer im Breisgau. Seit Mai trainiert Finke die Nationalmannschaft Kameruns und führte sie zur WM.

Im SPORT1-Interview spricht er über die Parallelen zwischen Brasilien und Afrika, seine Arbeit in Kamerun, die Auslosung der WM-Gruppen und das DFB-Team.

SPORT1: Herr Finke, sie arbeiten in Afrika und sind jetzt hier in Brasilien. Gibt es Ähnlichkeiten?

Volker Finke: Hier in Costa do Sauipe ist das Klima im Moment fast identisch mit dem in Kameruns Hauptstadt Jaunde. Man muss ja nur auf die Weltkarte gucken, die Abstände zum Äquator sind ähnlich. Aber Brasilien ist ja nicht nur ein Land, sondern fast schon ein Kontinent, und auf dem gibt es verschiedene Klimazonen.

SPORT1: Was erwarten Sie während der WM im kommenden Jahr?

Finke: Im Süden Brasiliens könnten wir im Juni Nachtfrost haben, im Norden ist das Klima subtropisch, die Hitze dort könnte auch für meine Spieler ein Problem werden. Meine Mannschaft besteht eigentlich nur aus Profis, die in Europa ihr Geld verdienen und an die europäischen Verhältnisse angepasst sind. Es ist deshalb wichtig, gut vorbereitet zu sein. Man muss sehen, ein gutes Trainingscamp zu finden, von dem aus man zu den Spielen reist. ( 816007 DIASHOW: Die Lostöpfe im Überblick )

SPORT1: Was können Sie hier vor Ort noch organisieren mit Blick auf die WM?

Finke: Es gibt viele Trainerkollegen, die die Auslosung abwarten, um dann den endgültigen Plan für die Vorbereitungsphase zu machen. Je nachdem, welche Mannschaften man in der Gruppe hat, sucht man auch noch für Testspiele Gegner, die in etwa vergleichbar sind. Zudem suchen wir für den März einen Gegner, der nicht in unserer Gruppe, aber auch qualifiziert ist. So haben die Spieler das Gefühl, in einem Test auf dem Niveau der WM zu spielen.

SPORT1: Mit welchen Problemen haben Sie in Kamerun zu kämpfen?

Finke: Kamerun war vor kurzer Zeit noch suspendiert, es gab den berühmten Ausschluss aus der FIFA. Ich bin in die unangenehme Situation geraten, dass wir kaum Freundschaftsspiele abmachen konnten. Deswegen werden wir hier nach der Auslosung noch mindestens sieben bis neun Tage hierbleiben, die Quartiersuche intensivieren und Freundschaftsspiele ausmachen. Es ist hier eine sehr intensive und wichtige Arbeitssituation für mich. (BERICHT: DFB droht Hammergruppe)

SPORT1: Ist diese Thematik für Sie wichtiger als die Frage, auf welche Mannschaften Sie bei der WM treffen?

Finke: Ich habe im Fußball früh die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man beeinflussen kann. Die Quartiersuche kann ich beeinflussen, die Gegner für Freundschaftsspiele auch. Wer uns zugelost wird, kann ich nicht beeinflussen, deswegen bin ich absolut gelassen, was die Auslosung angeht. Man kann leidenschaftlich über die Lostöpfe, FIFA-Ranking und so weiter diskutieren, aber das spare ich mir. Es führt zu nichts.

SPORT1: Wäre es für Sie etwas Besonderes, gegen Ihr Heimatland Deutschland oder den Gastgeber Brasilien zu spielen?

Finke: Gegen Spanien, das den absoluten Top-Fußball spielt, wäre es genauso spannend. Es gibt nicht den einen großen Favoriten. Wir sind eine Mediensportart, in der man über alles hypothetisch diskutieren kann. Das ist alles okay, aber in Wirklichkeit können wir nichts beeinflussen.

SPORT1: Auf welchem Stand ist die Mannschaft aus Kamerun internationalen Vergleich?

Finke: Ich habe Ende Mai unter extrem schwierigen Bedingungen den Job angetreten. Kamerun war bis zu den Neunzigern eine führende Fußballnation in Afrika, und stand auch im Januar 2010 im FIFA-Ranking auf Platz elf. Als ich angefangen habe, standen wir auf Platz 71. Kamerun hat in drei Jahren 60 Plätze verloren, war zweimal hintereinander nicht für den Afrika-Cup qualifiziert. So viel Misserfolg hinterlässt Spuren. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir die Qualifikation geschafft haben, die überhaupt nicht selbstverständlich war. Ich bin froh, mit Kamerun in Brasilien zu sein. Das ist mir viel lieber, als nach Katar zu fahren.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft ein?

Finke: Deutschland gehört zum engsten Kreis der Favoriten. Ich glaube aber, dass Brasilien einen großen Heimvorteil hat.

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