Manuel Neuer wechselte 2011 von Schalke 04 zum FC Bayern München © getty

Nach den drei Gegentoren in Schweden beschönigt Manuel Neuer bei SPORT1 die Situation. Oliver Kahn schlägt hingegen Alarm.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Stockholm - Mit Statistiken ist es so eine Sache. Die nackten Zahlen allein können trügerisch sein.

Im Fall der deutschen Nationalmannschaft ist das jedoch anders.

Die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw hat die meisten Tore in der europäischen WM-Qualifikation geschossen (36) und einen deutschen Rekord aufgestellt - aber sie hat auch zehn Gegentore kassiert.

18 (!) der 47 europäischen Quali-Teilnehmer haben weniger Treffer hinnehmen müssen.

Allein sieben ihrer zehn Gegentore kassierten Manuel Neuer, Philipp Lahm und Co. in den beiden Spielen gegen Schweden. Nach dem 4:4 in Berlin war auch das verrückte 5:3 in Solna ein Paradebeispiel für die Schwächen in der deutschen Defensive (Bericht). (793052DIASHOW: Bilder des Spiels)

Kritik von Kahn

"Mangelhafte Konzentration, Fehler im Stellungsspiel, Abspielfehler. Man lädt den Gegner dadurch immer wieder zu Torchancen ein", analysierte Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn als Experte im "ZDF":

"Ich bin zwar kein großer Anhänger davon zu sagen, die Defensive gewinnt die großen Titel. Aber die Mannschaft muss begreifen, dass die Rückwärtsbewegung wichtig ist und dass auch die Bereitschaft wichtig ist, gegen den Ball zu arbeiten."

"Wenn sie diese Balance nicht hergestellt bekommt, wird es mit einem Titel ganz schwierig", sagte Kahn und malte mit Blick auf die WM im kommenden Jahr in Brasilien Schwarz. (DATENCENTER: WM-Quali)

Neuer: "Nicht so schlecht"

Die deutschen Spieler waren weitgehend anderer Ansicht.

"An sich kann man die Defensive wenig kritisieren. In einem Auswärtsspiel in Schweden nur fünf Torchancen zuzulassen, ist nicht so schlecht", sagte Manuel Neuer im Gespräch mit SPORT1.

"Wichtiger ist, dass wir Moral bewiesen und fünf Tore erzielt haben", ergänzte Neuer.

Doch Fakt ist: Die Schweden machten aus ihren wenigen Möglichkeiten drei Tore, zweimal liefen die Angreifer in den gelb-blauen Trikots allein auf Neuer zu, zweimal war Neuer machtlos, genau wie beim dritten Treffer nach einer Freistoß-Variante der Gastgeber.

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Kroos beschönigt Abwehrfehler

"In der ersten Halbzeit haben wir kontrolliert gespielt, aber wir haben zweimal nicht ganz aufgepasst und sie haben zwei Tore gemacht", meinte Toni Kroos und versuchte zu beschönigen.

"Beim dritten Tor hätte der Schiedsrichter Abseits pfeifen können", ergänte Neuer noch.

Doch beim 0:1 und 0:2 war nicht der Schiedsrichter schuld, sondern die deutschen Spieler.

Nach Ballverlusten im Mittelfeld kamen die Gegner frei zum Abschluss, die Innenverteidiger wurden überspielt und konnten so ihre Gegenspieler nicht am Torschuss hindern.

Mats Hummels, der erstmals seit dem 3:3 gegen Paraguay wieder ran durfte, leistete sich zwar keinen groben Fehler, richtig harmonisch wirkte sein Zusammenspiel mit Jerome Boateng aber nicht.

Am meisten hakte es jedoch in der Verbindung von Mittelfeld und Abwehr.

Lahm: Normale Abstimmungsprobleme

Die Abstimmungsprobleme seien normal, "weil die Spieler aus verschiedenen Vereinen kommen", sagte Kapitän Philipp Lahm und hatte auch dafür eine Erklärung parat.

"Heute hat der Gegner aus den ersten zwei Chancen zwei Tore erzielt", stellte Bastian Schweinsteiger fest, der in seinem 100. Länderspiel schwach gespielt und das 0:2 durch einen Ballverlust eingeleitet hatte.

Trotz der zehn Gegentreffer in der Qualifikation und den schwachen Abwehrleistungen beim 3:3 gegen Paraguay bestehe jedoch kein Grund zur Panik.

"Ich glaube, dass wir uns schon stabilisiert haben im ganzen Defensivverbund", erklärte Schweinsteiger.

Drei Mal zu Null

Doch selbst in den Quali-Spielen gegen Österreich, die Färöer und Irland, die allesamt ohne Gegentreffer gewonnen wurden, waren Unsicherheiten zu erkennen.

Auch das 4:2 gegen Ecuador und das 3:4 gegen die USA, wenn auch mit fast ausnahmslos aus Ersatzspielern bestehenden Mannschaften, zeigten die Schwächen in Löws System.

"In der Vorbereitung werden wir uns so einspielen, dass diese Fehler nicht mehr passieren", gelobte Lahm Besserung.

"Spätestens wenn wir zu WM fahren, werden wir defensiv sehr gut stehen und es wird schwierig sein, gegen uns Tore zu machen", versprach Schweinsteiger.

Ungutes Gefühl bleibt

Trotz aller Erklärungsversuche und Schönfärberei: Ein ungutes Gefühl bleibt. Löw schleppt seine Defensivsorgen nahezu ungelöst mit ins WM-Jahr.

"Dass wir uns defensiv mit Blick auf die WM unbedingt verbessern wollen, ist klar", versicherte der Bundestrainer: "Das ist nicht erst seit diesem Spiel so."

Doch den Worten müssen auch Taten folgen. Am 15. November geht es in Mailand gegen Angstgegner Italien. Für Löws Mannschaft ein Test unter WM-Bedingungen.

"Ich bin mir ganz sicher, dass wir in der Lage sind, auch gegen richtig gute Gegner defensiv sehr gut zu stehen", versprach Schweinsteiger.

Ernstfall gegen Italien und England

"Es wird wichtig sein, die Spiele gegen Mannschaften wie Italien und England (am 19. November in London) ernst zu nehmen. Sie haben WM-Charakter. Man muss sie ernst nehmen, um besser auf die WM hinarbeiten zu können", forderte Neuer bei SPORT1.

Gegen Italien spricht die jüngste Statistik auch nicht gerade für das deutsche Team. 0:2 im WM-Halbfinale 2006, 1:2 im EM-Halbfinale 2012.

Löws Mannschaft hat etwas gutzumachen. Nicht nur in der Defensive.

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