Bayerns Toni Kroos (r.) überzeugt im DFB-Team in zentraler Rolle © getty

Gegen Irland glänzt Kroos zentral und macht Löw die Auswahl noch schwieriger. Auch für die falsche Neun gibt es Varianten.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Martin Volkmar, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Köln - Toni Kroos brachte es auf den Punkt:

"Ob beim FC Bayern oder in der Nationalmannschaft, die Spiele werden meistens im Mittelfeld entschieden."

Beim 3:0 (1:0) gegen Irland (Nachbericht) war der Münchner einer der herausragenden Akteure im DFB-Team (790728Einzelkritik).

Mit traumhaften Vorlagen bereitete der 23-Jährige zwei Tore vor und agierte als Dreh- und Angelpunkt im Kreativzentrum.

Eine Rolle, die eigentlich Mesut Özil zugedacht ist, doch der Regisseur vom FC Arsenal musste gegen die Iren im Sturmzentrum ran - und wirkte zunächst etwas deplatziert in seiner ungewohnten Rolle als falsche Neun. (DATENCENTER: WM-Quali)

Löw wagt Experiment

Gegen die robusten irischen Abwehr-Klötze zog sich der filigrane Techniker immer wieder dorthin zurück, wo er am besten aufgehoben ist: Ins Mittelfeld.

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Joachim Löw war dennoch zufrieden, denn sein Plan war durchaus aufgegangen.

"Das war ein Experiment gegen eine ganz defensive Mannschaft. Es war mir wichtig, das mal zu sehen", sagte der Bundestrainer.

Am Ende wurde alles gut. In der Nachspielzeit war es Özil, der nach genialer Vorlage von Kroos den Schlusspunkt setzte.

"Özil kann in jeder Mannschaft auf dieser Welt Fußball spielen, ob das Real Madrid, Barcelona, Arsenal oder bei Bayern ist, das ist ganz egal", lobte Andreas Möller im Gespräch mit SPORT1 den Neu-Londoner überschwänglich:

"Özil kann ein Spieler sein, der in Brasilien den Unterschied ausmacht", meinte der Weltmeister von 1990 am Rande einer Mercedes-Veranstaltung.

Tor nach Masterplan

Mit dem Sieg machte das DFB-Team die WM-Qualifikation vorzeitig perfekt und bewies erneut, dass sie auch ohne Stürmer funktioniert.

Um Kroos als Lenker und Ballverteiler aufbieten zu können, verzichtete Löw auf Max Kruse. (790620DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

"Ich wollte ein ständiges Übergewicht im Mittelfeld herstellen und die Iren ein bisschen rauslocken", erklärte der Bundestrainer.

Und die Iren ließen sich locken. Übermütiger Lupfer in der Vorwärtsbewegung, Ballverlust, schneller Pass von Philipp Lahm auf Sami Khedira, Schuss, Tor.

Das 1:0 nach zwölf Minuten war genau das, was Löw von seiner Mannschaft sehen will: Balleroberung, schnelles Umschalten, Abschluss.

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Kroos mit Zauberpässen

Vor allem Kroos kam dabei immer wieder eine zentrale Rolle zu. Nicht nur wegen seiner Zauberpässe zum 2:0 durch Andre Schürrle (58.) oder eben Özils 3:0.

Wie in München, wo er unter Trainer Pep Guardiola zu den großen Gewinnern der bisherigen Saison gehört, macht sich der Bayern-Star auch für Löw zusehends unverzichtbar.

"Gerade ohne klassischen Stürmer, wo man auch mal einen langen Ball spielt, muss man über Kurzpässe kommen", beschrieb Kroos das Erfolgsrezept. Wobei sich das DFB-Team lange schwertat und die Zahl der Tormöglichkeiten begrenzt war.

"Es war klar, dass wir nicht oft zu Chancen nach Flanken aus dem Halbfeld kommen würden", analysierte Thomas Müller, der zuletzt in München als falscher Neuner aufgeboten worden war.

Müller: "Einfach anders"

"Ob der vorderste Mann seinen Wirkungskreis nur im Strafraum hat oder ob er sich mehr im Mittelfeld und auf den Außen bewegt, kommt darauf an, welches Modell der Trainer spielen lassen will", erklärte Müller und betonte: "Egal, wer vorne drin gespielt hätte. Es ist keine Frage von gut oder schlecht, sondern einfach anders."

Er sehe Müller auf außen stärker als im Zentrum, hatte Löw vor dem Spiel gemeint. Ähnlich hätte es der Bundestrainer über Andre Schürrle sagen können.

Der ehemalige Leverkusener ließ seine Stärken auf dem Flügel einige Male aufblitzen, sein Tor erzielte er aber in der Manier eines Mittelstürmers: Ballmitnahme mit rechts, Drehung, Abschluss mit links, alles in einer fließenden Bewegung.

"Ich habe es schon einmal mit Chelsea gegen Manchester gespielt", meinte der 22-Jährige, "der Bundestrainer kann überall doppelt und auswählen, das ist gut für die Mannschaft."

Löw: Überall doppelte Wahl

Nur einer machte bei all der Kölner Partystimmung mit La Ola, Kölsch und Samba eine etwas unglückliche Figur: Bastian Schweinsteiger.

Der eigentliche Chef im Mittelfeld war über weite Strecken nur ein Mitläufer, strahlte nur wenig Präsenz aus.

Am Dienstag in Stockholm wird er in seinem 100. Länderspiel alles daran setzen, sein wahres Potenzial zu zeigen.

Sami Khedira wird hingegen wegen seiner Gelbsperre fehlen. Löw deutete zudem an, er werde seine Mannschaft auf einigen Positionen verändern.

Özil und Co. grüßen auf Instagram

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Mit Götze gegen Schweden

Nach SPORT1-Informationen soll Mario Götze gegen Schweden eine Chance von Beginn an bekommen. Auch der Neu-Münchner hat bei Löw schon als falsche Neun gespielt, beim Sieg gegen Kasachstan im März.

Auch Schalkes Julian Draxler, eigentlich auf dem linken Flügel zuhause, kann zentral oder ganz vorn auflaufen.

Nicht zu vergessen Marco Reus und Lukas Podolski, die wie Ilkay Gündogan, Lars und Sven Bender verletzt fehlten.

Sind alle Profis fit, hat Löw im Mittelfeld ein echtes Luxusproblem: Viele können, viele wollen - doch längst nicht alle dürfen. Die Plätze sind begrenzt.

"Man muss Jogi Löw um diese Auswahl an guten Fußballern beneiden", sagt Möller. "Und die Entwicklung geht weiter. Im Jugendbereich sind einige große Talente nach. Deutschland wird auch in den nächsten Jahren weiter weltweit führend sein, davon bin ich überzeugt."

Bei allem Lob ist dennoch klar: Den WM-Titel wird das deutsche Mittelfeld allein nicht gewinnen.

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