Torhüter Manuel Neuer (M.) bestritt gegen Paraguay sein 39. Länderspiel © getty

Die Nationalelf wird gegen Paraguay von altbekannten Problemen geplagt. Ist das 3:3 ein Warnschuss oder Grund zur Sorge?

Aus Kaiserslautern berichtet Tom Vaagt

Kaiserslautern - Erst ging es drunter, dann ging es drüber - und schon war der Ball zweimal drin.

Die Hoffnung auf einen glanzvollen Start der deutschen Nationalmannschaft in die WM-Saison überdauerte keine Viertelstunde. 0:2 stand es nach 13 Minuten. Gegen Paraguay. Den 49. der Weltrangliste, der in der Südamerika-Qualifikation zur Endrunde in Brasilien auf dem letzten Platz rangiert.

Der frühe Rückstand war bitter. Das Endergebnis von 3:3 (2:3) (Bericht) vielleicht noch zu verkraften. Die Fülle der Fehler hingegen nicht. Die deutsche Defensive präsentierte sich 302 Tage vor der WM-Eröffnung wackelig, desorientiert und durcheinander - wieder einmal.

"Elementare, krasse Fehler"

"Wir haben in der ersten Halbzeit elementare, krasse Fehler gemacht. In der gesamten Defensivarbeit waren wir zu fahrig, der Gegner hatte zu viel Platz", gab Bundestrainer Joachim Löw im Anschluss zu.

Dem bleibt nicht viel hinzuzufügen. Mats Hummels stand neben sich und damit oftmals falsch, Per Mertesacker war die fehlende Spielpraxis vor dem Start in die Premier League anzumerken. Und Marcel Schmelzer blieb den Nachweis seiner internationalen Klasse im DFB-Trikot nicht zum ersten Mal schuldig.

"Wir waren in der ersten Halbzeit defensiv nicht auf der Höhe. Es war kein wichtiges Spiel - das ist das Einzige, das okay ist", sagte der frustrierte Torhüter Manuel Neuer.

Mertesacker beschwichtigt

In der Offensive lief es besser. Ein paar ansehnliche Kombinationen. Die Tore von Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Lars Bender. Im Angriff verbreitete man zumindest zeitweilig Angst und Schrecken ( 760901 DIASHOW: Die Bilder des Spiels ).

Das Problem: Auch in der Defensive verbreitete man Angst und Schrecken - vornehmlich bei den eigenen Fans. Zwei Stellungsfehler, ein leichtfertiger Ballverlust und der Underdog aus Paraguay konnte sich in Kaiserslautern über drei Treffer freuen.

"Wenn wir in den Rhythmus kommen und über Wettkampfpraxis verfügen, wird jeder Spieler gewappnet sein", sagte Mertesacker und versuchte zu beschwichtigen: "Defensiv waren wir immer gut, wenn wir uns im Vorfeld länger einspielen konnten."

Immer wieder Defensiv-Probleme

[image id="10864d7a-63d0-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

In der Tat blieben den DFB-Kickern vor dem ersten Testspiel der Saison nur zwei Trainingseinheiten zur Vorbereitung. Die Bundesliga hat gerade erst begonnen und keiner der Legionäre stand in den vergangenen Wochen in einem Pflichtspiel auf dem Platz.

Auf der anderen Seite spielt diese Mannschaft in großen Teilen schon seit Jahren zusammen. Einige Automatismen sollten sich eingeschliffen haben und nicht immer wieder neu erlernt werden müssen.

Zumal die Problematik in der Defensive nicht zum ersten Mal auftrat.

Es fehlt der Fels

Neun Gegentore in den vergangenen drei Spielen: Gegen Paraguay, die USA und Ecuador. Zudem das 4:4 in der WM-Qualifikation gegen Schweden, als die DFB-Elf nach einem 4:0-Vorsprung in den letzten 30 Minuten in ihre Einzelteile zerfiel.

Der Weg zum WM-Titel in Brasilien kann nur über eine starke Abwehr führen. Und genau dort hapert es. Oder kurzum: Es fehlt der Fels. Dieser eine herausstechende Abräumer, der die Gegner allein durch seine Präsenz ins Grübeln bringt.

Die Spanier, zumeist nur gefeiert für ihr Tiki-Taka, haben in Sergio Ramos oder Gerard Pique gleich mehrere derartige Stützen. 2006 führte der überragende Fabio Cannavaro die Italiener zunächst zum Weltmeisterschafts-Triumph und heimste später auch noch die Krone für den Weltfußballer ein.

Häufige Wechsel in der Zentrale

Die DFB-Elf hat keinen solchen Anker. Seit dem EM-Aus 2012 bestritt man zwölf Länderspiele mit sieben verschiedenen Innenverteidiger-Pärchen.

Hummels, Mertesacker, der gegen Paraguay eingewechselte Jerome Boateng, der langzeitverletzte Holger Badstuber, zuletzt auch Benedikt Höwedes und Heiko Westermann - es wurde sehr viel ausprobiert.

"Es hilft natürlich, wenn man öfter zusammenspielt. Aber von der Qualität her können wir die Spieler eins zu eins austauschen", sagte Neuer. Er meinte dies positiv. Man muss es aber nicht so verstehen.

Offensiv-Fan Löw

Löw gilt ohnehin als Anhänger des Offensivspiels. Das machte er vor dem Spiel gegen Paraguay noch einmal deutlich.

Eigentlich kein Wunder. Schließlich verfügt der Bundestrainer jenseits der Mittellinie über hochqualifiziertes Personal im Überfluss. Je weiter man nach hinten schaut, desto dünner wird die Auswahl und zu oft auch die Qualität.

Vielleicht kann der gegen Paraguay geschonte Bastian Schweinsteiger für Stabilität sorgen. Diese ist dringend nötig. Der nächste Qualifikations-Gegner Österreich (am 6. September in München) wird sicher nicht schwächer auftreten als die oftmals bieder wirkende Auswahl der Südamerikaner.

"Werden uns steigern"

"So werden wir gegen Österreich nicht spielen, wir werden uns steigern", versprach Löw und heizte das Ringen um die Plätze im WM-Kader an: "Ich sehe da einen großen Konkurrenzkampf."

Torschütze Müller, selbst ein Offensiver, betonte mit Blick auf die Spiele gegen Austria und vier Tage später auf den Färöer Inseln: "Im September müssen wir beide Spiele gewinnen. Auch dort geht es über die Defensive."

Noch sind es rund zehn Monate Zeit bis es richtig ernst wird. In Brasilien. "Jetzt wollen wir endlich etwas reißen", sagte Mertesacker. Ob dies gelingt, liegt auch mit an ihm.

Weiterlesen