Thomas Müller (r.) behielt bei der EM gegen Wesley Sneijders Niederländer die Oberhand © getty

Der einstige Hass-Gipfel gegen die Elftal büßt an Brisanz ein. In Deutschland ist man genervt, Oranje steht in der Bringschuld.

Von Christian Stüwe

München - Kaum einer symbolisiert die jahrelange Rivalität zwischen Deutschland und den Niederlanden besser als Rudi Völler.

Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien wurde der damalige Nationalstürmer von seinem Gegenspieler Frank Rijkaard angespuckt und anschließend noch unverschuldet vom Platz gestellt.

Der unschöne Vorfall war einer der Höhepunkte in der langen Geschichte gegenseitiger Abneigung der beiden Nachbarländer.

Spiele zwischen dem DFB-Team und der Elftal waren viele Jahre lang an Brisanz kaum zu überbieten.

Vor dem Testspiel in Amsterdam am Mittwoch (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) hat sich dies grundlegend geändert.

Robben: "Hass nicht mehr da"

Die aktuelle Spielergeneration kann sich an die früheren Duelle kaum noch erinnern, die zahlreichen niederländischen Spieler und Trainer in der Bundesliga sind längst Sympathieträger geworden.

"Ich glaube, das hat auch mit der Arbeit von Louis van Gaal beim FC Bayern zu tun. Das Verhältnis Holland - Deutschland ist richtig gut geworden. Die Aggressivität und der Hass sind nicht mehr da", findet Bayern-Spieler Arjen Robben in der "Bild" eine Erklärung. 481780 (DIASHOW: Die Historie des Klassikers)

Auch in den Niederlanden haben die Ressentiments gegen Deutschland deutlich abgenommen.

Völler genervt

Und so war es ausgerechnet Völler, der den Wandel verdeutlichte, als er das Spiel im "kicker" zwar als brisant, letztlich aber als "bedeutungslos" bezeichnete.

Der Leverkusener Sportdirektor erklärte, dass er die Ansetzung der Partie als "falsch" erachte.

"Auch im Fußball gilt: Was zu viel ist, ist zu viel", sagte der 52-Jährige.

Zahlreiche Absagen

Die jüngste Absagewelle im DFB-Team (Bericht)legt den Verdacht nahe, dass Völler mit seiner Meinung nicht alleine da steht.

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Miroslav Klose (Grippe) oder Mesut Özil (muskuläre Probleme) waren am Sonntag noch für Lazio Rom beziehungsweise Real Madrid im Einsatz, am Montag meldeten sich die beiden krank.

Es darf zumindest darüber spekuliert werden, ob es bei den beiden nicht für einen Einsatz gereicht hätte, wenn wichtige Partien mit ihren Klubs anstelle des Freundschaftskicks angestanden hätten.

"Warum findet es überhaupt statt?", fragte Völler: "Die Spieler sind aktuell im Vollstress."

Zynischer Müller

Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Marcel Schmelzer, Jerome Boateng sagten bereits am Sonntag ab, Holger Badstuber, Sami Khedira und Mario Gomez stehen schon länger verletzungsbedingt nicht zur Verfügung. 578251 (DIASHOW: Der DFB-Kader gegen die Niederlande)

Einer der wenigen Stammspieler, der in Amsterdam auflaufen dürfte, ist Thomas Müller. Bayerns Offensivspieler machte allerdings auch keinen Hehl daraus, was er von der Partie gegen Oranje mit seinem Ex-Trainer van Gaal hält.

"Das ist ein klasse Termin, auf den wir uns alle freuen", erklärte Müller voller Ironie: "Da werden wir mit voller Leidenschaft unser Land vertreten und werden das tun, wofür wir geboren wurden - für Deutschland Fußball zu spielen."

Hitzige Vergangenheit

Das einstige Prestigeduell ist offenbar zu einer lästigen Pflichtaufgabe verkommen, die aus deutscher Sicht zu einer Farce zu werden droht.

Vor über 30 Jahren war das noch ganz anders, als sich der heutige Schalke-Coach Huub Stevens und der damalige DFB-Keeper Toni Schumacher bei der EM 1980 Aug in Aug gegenüberstanden und sich gegenseitig anschrien.

"Ganz schön hitzig", sei es beim damaligen 3:2-Sieg zugegangen, erinnerte sich Schumacher bei SPORT1.

"Das sind die Emotionen, die sich in einem Spiel entladen", blickt Stevens zurück.

Holländische Revanchegelüste

Die großen Emotionen werden diesmal wohl eher auf Seiten der Niederländer zu finden sein, die gegen Deutschland in einer Bringschuld sind.

Vor genau zwölf Monaten wurde Oranje von einer entfesselten deutschen Mannschaft beim 0:3 im Testspiel an die Wand gespielt.

Bei der EM setzte es eine 1:2-Niederlage, Holland fuhr ohne Punkte nach Hause.

Huntelaar: "Guter Test"

"In diesen beiden Spielen hatten wir keine Chance, zu gewinnen", sagte Schalkes Torjäger Klaas-Jan Huntelaar im SPORT1-Interview. (Huntelaar: Bis jetzt läuft es super)

"Seitdem haben wir viel gewechselt, viele neue Leute und junge Spieler in der Mannschaft", führte der Stürmer weiter aus: "Wir besitzen viel Potenzial und wir können in diesem Spiel sehen, wo wir mit der Nationalmannschaft stehen. Für uns ist es ein guter Test, gegen so eine gute Mannschaft wie Deutschland zu spielen."

Teamkollege Ibrahim Afellay pflichtete bei SPORT1 bei, dass es gegen Deutschland immer ein "ganz besonderes Spiel" sei.

Wiedergutmachung angesagt

Das DFB-Team muss sich also auf einen motivierten Gegner einstellen.

Und nach dem wenig überzeugenden 4:4 gegen Schweden kann sich auch die Löw-Elf eigentlich keinen Ausrutscher erlauben.

Das deutsche Team darf sich in Amsterdam also keinesfalls hängen lassen. Auch wenn nicht mehr gespuckt und getreten wird wie zu Völlers Zeiten.

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