SPORT1-Chefreporter Thomas Herrmann sieht in seiner Kolumne das Misstrauen gegenüber dem DFB-Team als Chance nach dem EM-Aus.

Hallo Fußball-Freunde,

machen wir uns nichts vor - die unbeschwerte Glückseligkeit über die Fußballkunst unserer Profis, die Jugend unserer Helden, die sensationellen Zukunftsaussichten dieser genialen Generation, ist ganz leicht ins Wanken geraten.

Die Leichtigkeit des Seins, muss erst mal wieder zurückerarbeitet werden.

Man war ja bis zum EM-Halbfinale Italien ganz auf Beckenbauerkurs 1990, als der Kaiser meinte: "Jetzt sind wir über Jahre hinaus unschlagbar". Es ist alles noch sehr positiv, alles noch sehr hoffnungsvoll, aber hinter dem grenzenlosen Vertrauen steht jetzt halt auch erst mal das Wort: "Kontrolle". Vertrauen ist gut - Kontrolle besser.

Die Fans, Journalisten und Experten schauen etwas misstrauischer auf unseren Kombinationswirbel und wenn der mal ins Stocken gerät, kommt halt nicht gleich der Satz: "Ach ja, macht nichts, kann mal passieren, alles wunderbar".

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Aber dieses, ich sag mal, neue Misstrauen, ist auch eine tolle Chance, die letzten fünf Prozent zu geben, die uns für die Titel immer fehlten.

Wie hoch das Pressing gegen Färöer war, ob das 4-1-4-1 System gut funktioniert hat, wie viele Chancen wir versiebt haben, das war erst mal schnurz-piep-egal.

Gegen Österreich beginnt jetzt die neue Zeitrechnung, nach Italien. Jetzt beginnt der Ernst des Nationalspielerlebens, nach Italien.

Jogi Löw will einen aggressiveren Stil, also mehr Dortmund, aber mit individueller Siegermentalität, also mehr Bayern. Nur diese Mischung kann zu einem Titel führen.

Dafür hat Löw Personaloptionen ohne Ende. Zum Beispiel wäre für mich Mario Götze auf links eine starke Alternative (übrigens seine Wunschposition, wie Götze mal vor längerer Zeit erklärte).

Marco Reus wäre dann eine hängende Spitze in einem 4-4-2 System - zumindest eine Überlegung wert.

Der Konkurrenzkampf ist extrem geworden durch die Nachrücker Lars Bender, Andre Schürrle, Götze, Per Mertesacker und dann fehlt sogar noch ein Bastian Schweinsteiger.

Vielleicht etwas seltsam, dass Schweinsteiger gegen den VfB Stuttgart spielte, aber nicht im Nati-Kader war.

Gerade die Partie gegen Färöer wäre doch ein leichter, schöner Neuanfang gewesen und Österreich (Pardon liebe Nachbarn) ist nun auch nicht gerade der Nabel der Fußballwelt.

Aber das soll keine Kritik, sondern nur ein Fragezeichen sein. Löw hat das mit Schweinsteiger schon klar besprochen.

Österreich ist eine intensive, emotionale Sache - Cordoba '78 wird sich nicht wiederholen - unsere Profis werden mit viel Ernst und hoher Konzentration die Aufgabe packen.

Aber Eines ist auch klar: die Chemie zwischen dem Team auf der einen und den Fans, den Journalisten, den Zuschauern auf der anderen Seite ist sensibler geworden - vielleicht aber der Schlüssel zu den letzten fünf Prozent zum Gipfel.

Viel Spaß beim Österreich-Spiel gucken!

Ihr Thomas Herrmann

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