Lothar Matthäus führte die deutsche Elf 1990 zum dritten WM-Titel nach 1954 und 1974 © getty

Vor dem letzten Härtetest der DFB-Elf gegen Israel spricht Lothar Matthäus bei SPORT1 über die aktuelle Lage und den Gegner.

Von Reinhard Franke

München - Er weiß, wovon er spricht.

Zwischen 1980 und 2000 absolvierte Lothar Matthäus 150 Länderspiele, eine bisher unerreichte Marke.

Nach Ende seiner Karriere arbeitete der Rekordnationalspieler als Trainer in diversen Klubs - von 2008 bis 2009 auch für den israelischen Erstligisten Maccabi Netanya.

Vor dem letzten EM-Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Israel (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) spricht der 51-Jährige im SPORT1-Interview über den Härtetest, das DFB-Team und den Star bei Israel.

(SERVICE: Der EM-Rechner)

SPORT1: Herr Matthäus, Sie waren von 2008 bis 2009 Trainer bei Maccabi Netanya in Israel. Was können Sie über die israelische Nationalmannschaft verraten, die am Abend die deutsche Nationalelf ärgern will?

Lothar Matthäus: Jede Mannschaft möchte die sogenannten Großen ärgern und vielleicht auch gewinnen. Auch Israel wird das versuchen. Israel ist jetzt nicht das Kanonenfutter, das sie noch vor einigen Jahren mal waren, als sie in Kaiserslautern 1:7 verloren haben. Das bei weitem nicht. Da muss die deutsche Elf schon aufpassen.

SPORT1: Sie haben in dem Land gearbeitet. Wie weit ist der israelische Fußball?

Matthäus: Der israelische Fußball hat sich sehr professionell entwickelt, es gibt viele talentierte Spieler. Der Fußball dort hat eine enorme Bedeutung. Und ich glaube auch, dass die israelischen Mannschaften in Europa in der Champions League teilweise doch sehr gute Resultate erzielt haben, vor allem Maccabi Haifa und Hapoel Tel Aviv. Diese beiden Klubs sind zwei Mal jeweils in der Qualifikation in die Hauptrunde gekommen. Das ist ein Spiegelbild des israelischen Fußballs, der sich in den letzten zehn Jahren sehr gewandelt hat.

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SPORT1: Wer ist der Star bei Israel? In Deutschland kennt man vor allem Itay Shechter vom 1. FC Kaiserslautern.

Matthäus: Man hat Shechter und Almog Cohen. Das sind zwei junge Spieler, die ich selbst noch in Israel trainiert habe. Vor vier, fünf Jahren habe ich versucht die an das internationale Niveau heranzuführen, von daher freue ich mich, dass zwei Spieler, die in Deutschland gespielt haben, bei mir trainiert haben und nicht bei anderen Vereinen. Da sieht man, dass ich da auch eine gewisse Hilfe für diese Spieler war. Der Star der Mannschaft ist die zweite Spitze Yossi Benayoun. Er spielt seit Jahren in England, hat auch bei Liverpool gespielt. Das ist das Idol des israelischen Fußballs.

SPORT1: Sie waren früher der Chef im Mittelfeld genauso wie ein Stefan Effenberg später. Glauben Sie, dass ein Bastian Schweinsteiger diese Rolle bei der EM ausfüllen kann? Viele Experten fordern das ja geradezu von ihm. Gegen Israel wird er aber wohl ausfallen.

Matthäus: Es gibt in der Mannschaft von Jogi Löw viele, die das Spiel an sich ziehen können. Es gibt keinen Chef im Team. Die Truppe lebt von guten Einzelspielern, aber die stärkste Qualität der Mannschaft ist das Kollektiv und die gute Stimmung im Team. Ich glaube, wenn sie mit Begeisterung dabei sind und jeder an seine Grenzen geht, dann ist der Titel in diesem Jahr definitiv drin.

SPORT1: Sie glauben also an den Titel? (DATENCENTER: Der EM-Spielplan)

Matthäus: Natürlich. Sie haben die Leistungen bei den letzten Turnieren und in der Qualifikation gezeigt und deswegen kann man schon so selbstbewusst an die ganze Sache rangehen und sagen: "Wir wollen dieses Mal den Titel". Aber einen Top-Favoriten auf den Titel gibt es für mich nicht. Spanien, Holland, England, sogar Polen wird da ein Wörtchen mitreden.

SPORT1: Wen sehen Sie bei der deutschen Mannschaft, der das Heft in die Hand nehmen kann - ähnlich wie Sie das früher getan haben?

Matthäus: Es können mehrere Spieler zum großen Erfolg beitragen. Die Mannschaft ist ganz sicher nicht abhängig von Schweinsteiger. Obwohl er natürlich ein wichtiger Spieler für die Mannschaft ist, der in den letzten Turnieren auch immer großartige Leistungen gezeigt hat.

SPORT1: Joachim Löw hat mit Cacau, Sven Bender, Julian Draxler und Marc-Andre ter Stegen vier Spieler nach Hause geschickt, die viele auch auf der Liste der Aussortierten hatten. Sie auch? 564701 (DIASHOW: Der DFB-Kader)

Matthäus: Man diskutiert immer über aussortierte Spieler, über die ersten Elf, über alles Mögliche, aber ich glaube, wenn der Trainer die Entscheidung trifft und wir haben ja Vertrauen zu diesem Trainer, dann wird das auch die richtige Entscheidung gewesen sein.

SPORT1: Wie wird die Generalprobe gegen Israel ausgehen?

Matthäus: Ich bin kein Wahrsager. Außerdem fallen meine Tipps immer schlecht aus, das hat das Champions League-Endspiel der Bayern gegen Chelsea gezeigt, wo ich auf einen Erfolg des FC Bayern gesetzt habe. Wenn ich jetzt auf Deutschland tippen würde, dann tippe ich falsch, es würde Israel gewinnen und das will ich ja nicht. Ich habe ein gutes Gefühl. So wie gegen die Schweiz wird es nicht mehr ausgehen. Deswegen lasse ich das Tippen mal lieber weg.

SPORT1: Wann sehen wir Sie mal als Trainer in Deutschland?

Matthäus: Ich habe keine großen Pläne, ich habe Ideen, Wünsche, aber ich bin auch ein Realist, der weiß genau, wie die Situation momentan ist, deshalb lasse ich alles gerne auf mich zukommen. Ich will weiter als Trainer arbeiten und da gibt es auch viele Optionen, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nichts unterschrieben. Ich warte auf den richtigen Klub.

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