Marc-Andre ter Stegen (r.) gab 2012 sein Debüt in der U-21-Nationalmannschaft © getty

Gladbachs Marc-Andre ter Stegen spricht im SPORT1-Interview über seine Blitzkarriere, die EM-Chancen und moderne Torhüter.

Vom DFB-Trainingslager berichtet Thorsten Mesch

Tourrettes - Marc-Andre ter Stegen hat seinen Kurs nach oben getrieben.

Der Keeper von Borussia Mönchengladbach ist eine der positiven Überraschungen der EM-Vorbereitung und darf sich berechtigte Hoffnungen auf einen Platz im 23er-Kader für das Turnier in Polen und der Ukraine machen.

Manuel Neuer ist im Tor der deutschen Nationalmannschaft für die EM gesetzt, doch dahinter kämpfen ter Stegen, Tim Wiese und Ron-Robert Zieler um die zwei verbleibenden Torhüter-Positionen.

Im Testspiel feiert ter Stegen sogar sein Debüt für die DFB-Elf.

Im SPORT1-Interview spricht der Keeper über seine EM-Chancen, seine Blitzkarriere und die Feinheiten des modernen Torwartspiels.

SPORT1: Vor einem Jahr rettete sich Gladbach gerade noch in der Relegation, jetzt hat die Borussia die Champions-League-Qualifikation erreicht. In kurzer Zeit hat sich sehr viel verändert. Wie war das möglich und welchen Anteil hatte Trainer Lucien Favre?

Ter Stegen: Er hat uns aus der Situation herausgeholt. Wir waren am Ende der Saison hellwach und haben versucht, seine Vorgaben umzusetzen. Zumindest teilweise, denn er ist Perfektionist. Das hat alles unglaublich Spaß gemacht. Wir hatten unsere und die Euphorie der Fans als Pluspunkt und mit dem Sieg in München einen super Start erwischt.

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SPORT1: Die Nationalspieler haben sich im Hotel in Tourrettes zusammen das Finale der Champions League angeschaut. Hat es da schon bei Ihnen gekribbelt und wohin geht der Weg der Borussia?

Ter Stegen: Natürlich ist die Vorfreude groß, wir haben uns als Mannschaft Platz vier erarbeitet. Es ist schade, dass Marco Reus, Roman Neustädter und Dante weg sind. Aber wir wollen versuchen, die Spiele in der Qualifikation zu gewinnen. (EXKLUSIV: Marco Reus im Interview)

SPORT1: Oliver Kahn gilt als Ihr Vorbild. Kahn hat mit dem FC Bayern 2001 die Champions League gewonnen und mit der Nationalmannschaft 2002 das WM-Finale erreicht. Sie haben einst auf dem Gladbacher Bökelberg als Einlaufkind seine Hand gehalten. Woran genau haben Sie damals Kahns Anspannung gespürt?

Ter Stegen: Man sieht einfach, ob jemand locker oder angespannt ist, das gewisse Etwas hat. Es war einfach unfassbar.

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SPORT1: Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen Anspannung, Konzentration und einer gewissen Lockerheit zu bekommen?

Ter Stegen: Man muss einen Ausgleich haben. Wenn man am Wochenende auf dem Platz steht, macht es sehr viel Spaß. Es ist aber wichtig, zu Hause entspannen und man selbst sein zu können.

SPORT1: Sie wirken nach außen hin immer sehr fokussiert und kontrolliert. Können Sie auch anders sein?

Ter Stegen: Ich denke, dass Leute wie Marco Reus, die mich aus der Kabine kennen, schon wissen, wenn ich aus mir herausgehe. Es muss aber nicht immer jeder wissen. Es ist mir sehr wichtig, dass Privates auch privat bleibt, weil es eine Basis ist, zu der man immer zurückkehren kann.

SPORT1: Sie wurden Sie von den Kollegen zum besten Torwart der Saison gewählt. Legen Sie Wert auf Ranglisten und Noten?

Ter Stegen: Klar freut es mich, wenn ich gute Noten bekomme. Aber wichtiger ist, dass mein Trainer und Torwarttrainer meine Leistungen analysieren und ich darauf vertrauen kann, was sie mir sagen.

SPORT1: Welche Unterschiede gibt es zwischen Lucien Favre und Joachim Löw?

Ter Stegen: Mein Trainer in Gladbach hat eine andere Philosophie. Aber auch hier macht es mega Spaß, weil viel hochtalentierte Fußballer dabei sind, die alle auf einem überragenden Niveau spielen. Die Bayern waren im Champions?League-Finale trotz der Niederlage die bessere Mannschaft, Mesut Özil und Sami Khedira sind in Spanien Meister geworden.

SPORT1: Ihre Karriere ist bisher sehr rasant. Kaum haben Sie eine komplette Saison in der Bundesliga hinter sich und in der U-21-Auswahl des DFB debütiert, sind Sie schon bei der A-Nationalmannschaft. Denken Sie manchmal, vielleicht geht es sogar zu schnell?

Ter Stegen: Ich denke nicht, dass es normal ist, dass es so schnell geht. Aber wenn man wirklich auf hohem Niveaus spielt, sich beweist und anbietet, werden Leistungen auch honoriert.

SPORT1: Sie waren in der Jugend zunächst Feldspieler. Welche Vorteile bringt Ihnen das als Torwart?

Ter Stegen: Es gibt manche Situation, in denen man ganz froh ist, vorher mal im Feld gespielt zu haben. Ich versuche wirklich Fußball im Tor zu spielen und denke, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.

SPORT1: Die aber nicht immer die richtige sein muss. Manuel Neuer hat in beiden Spielen gegen Gladbach Fehler gemacht. Ist es beruhigend zu sehen, dass auch er nicht unfehlbar ist?

Ter Stegen: Das sehe ich anders. Es ist klar, dass jeder mitspielende Torwart Fehler machen kann. Aber ich denke, dass durch diese Spielweise häufiger Situationen schon im Ansatz klären kann, die von außen gar nicht so extrem aussehen. Diese Dinge werden weniger gesehen als die Fehler, die passieren.

SPORT1: Der Tag der Entscheidung rückt näher. Wie gehen Sie mit der Situation um, dass ein Torwart noch gestrichen wird?

Ter Stegen: Ich bin genauso gespannt wie Sie. Alle, die hier dabei sind, haben es absolut verdient. Es ist eine schwere Entscheidung für den Bundestrainer. Am Ende werden Kleinigkeiten den Ausschlag geben.

SPORT1: Wäre es ein Trost, dann bei der WM-Qualifikation dabei zu sein?

Ter Stegen: Man sollte nicht darüber nachdenken, was danach ist, sondern in die EM gehen und sagen: "Wir wollen alles geben, schöne Spiele abliefern, die Gegner zur Verzweiflung bringen und als Team Erfolg haben." Wenn ich nicht dazugehören sollte, war ich trotzdem vorher ein Teil des Teams.

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