Ilkay Gündogan wechselte 2011 vom 1. FC Nürnberg zu Borussia Dortmund © getty

Im SPORT1-Interview spricht Ilkay Gündogan über seine Erfolge mit Dortmund, seine Mitspieler im DFB-Team und die EM-Teilnahme.

Vom DFB-Trainingslager berichtet Thorsten Mesch

Tourrettes - Zu Beginn der Rückrunde 2011/2012 sah die Welt des Ilkay Gündogan alles andere als rosig aus.

Der Ex-Nürnberger, der mit viel Vorschusslorbeeren als Nachfolger von Nuri Sahin zum BVB kam, fand sich öfters auf der Bank wieder, als ihm lieb war und kam zumeist nur in der Schlussphase zum Einsatz.

Dann aber startete der 21-Jährige durch, spielte sich im Dortmunder Mittelfeld fest und glänzte als Takt- und Ideengeber.

Gündogan überzeugte so sehr, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn gar in den vorläufigen EM-Kader berief. ( 555843 DIASHOW: Der vorläufige EM-Kader )

Nun hofft der Double-Gewinner, dass er mit zum Turnier nach Polen und in die Ukraine fährt. Im Testspiel gegen die Schweiz am Samstag (ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER), kann er Werbung in eigener Sache betreiben.

Im SPORT1-Interview spricht er über seine Erfolge mit Dortmund, seine Mitspieler im DFB-Team und seine Chancen auf die EM-Teilnahme.

SPORT1: Ihre Konzentration gilt der Nationalmannschaft, aber erzählen Sie doch bitte noch einmal vom Double mit Borussia Dortmund. Für den BVB war es ein Jahrhundertereignis, für Sie vielleicht der schönste Moment des Lebens?

Ilkay Gündogan: Des Lebens weiß ich nicht, aber auf jeden Fall das Highlight schlechthin und das schönste Erlebnis bisher in meiner Karriere.

SPORT1: Der Weg dahin war aber nicht so einfach, oder?

Gündogan: Ich hatte in der Hinrunde viele Tiefs. Die Erfahrung war bitter, es war aber auch eine Lernphase. Ich habe weiter an mich geglaubt und bin, glaube ich, die Rückrunde hervorragend angegangen. Dass es für die Mannschaft und für mich so gut gelaufen ist, war fantastisch.

SPORT1: Sie sind jetzt seit etwa einer Woche im Trainingslager. Was ist bei der Nationalmannschaft anders als im Verein? (SERVICE: Der EM-Rechner)

Gündogan: Hier ist alles noch größer. Man steht mit der Elite des deutschen Fußballs und Spielern, die im Ausland unter Vertrag stehen auf dem Platz. Man trifft sich mit Leuten, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte, das ist schon sensationell. Das ist phantastisch für einen jungen Spieler. Ich glaube aber, dass ich mir das hart erarbeitet habe und ein Stück weit verdient habe, hier zu sein.

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SPORT1: Aber es geht nicht so weit, dass Sie sich Autogramme holen oder für Freunde zu Hause Trikots unterschreiben lassen sollen, oder?

Gündogan: Nein, nein. Bisher noch nicht (lacht). Ich bin jetzt zwar erst das dritte Mal dabei, das gab es aber noch nicht und ich glaube auch nicht, dass es noch passieren wird.

SPORT1: Sie sind wie Mesut Özil gebürtig aus Gelsenkirchen und haben türkische Wurzeln. Er ist bei Real Madrid zu einem Star geworden. Kann er ein Vorbild für Sie sein?

Gündogan: Definitiv ist Mesut ein großes Vorbild. Er ist ein Spieler, an dem ich mich orientiere, zu dem man hinaufschauen und sich etwas abgucken kann. Ich kannte ihn schon vorher vom Sehen und dem einen oder anderen Gespräch. Mittlerweile habe ich ihn hier im Kreis der Nationalmannschaft besser kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut.

SPORT1: Wie kommen Sie im DFB-Team zurecht und mit wem verstehen Sie sich besonders gut?

Gündogan: Ich fühle mich sehr wohl und habe nach kurzer Anlaufzeit schnell Fuß gefasst. Es ist ein kleiner Vorteil, dass die vier BVB-Jungs mir den Einstieg erleichtert haben. Es macht den Charakter unserer Mannschaft aus, dass alle Spieler untereinander sehr gut harmonieren.

SPORT1: Ist es ein Problem, in jeder Trainingseinheit gegen die anderen Spieler zu kämpfen, um einen Platz im EM-Kader zu bekommen? (GAMES: Das EM-Tippspiel)

Gündogan: Nein, es spornt eher an. Ich versuche einfach, meine Leistung zu zeigen und im Training alles zu geben. Letztendlich entscheidet der Bundestrainer.

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SPORT1: Sie könnten "schuld" sein, dass die Bender-Zwillinge getrennt werden oder beide nach Hause müssen. Unterhalten Sie sich mit ihnen oder anderen Spielern über die Möglichkeit, aussortiert zu werden?

Gündogan: Bisher haben wir noch gar nicht darüber gesprochen. Gerade mit den Bender-Zwillingen verstehe ich mich sehr gut und wir sind sehr oft zusammen. Beide sind charakterlich super. Es gibt keinen Neid oder Missgunst. Im Gegenteil, wir versuchen uns in jeder Situation zu helfen und lassen das Thema einfach auf uns zukommen.

SPORT1: BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wünscht sich noch mehr Dortmunder im DFB-Team. Spieler wie Mats Hummels, Mario Götze, Sven Bender, Marcel Schmelzer und Sie täten "jeder Mannschaft dieser Welt gut". Schmeicheln Ihnen die Worte?

Gündogan: Ich glaube, dass es ein Kompliment für uns ist, aber wir machen kein großes Thema daraus. Wir versuchen, unsere Leistung zu zeigen. Mehr können wir nicht tun.

SPORT1: Wie charakterisieren Sie Ihr Spiel, wo liegen Ihre Stärken, was können Sie der Nationalmannschaft geben?

Gündogan: Sich selbst einzuschätzen ist so eine Sache. Ich mag es auch weniger, über mich zu reden, das sollen andere beurteilen. Ich kann für mich nur sagen, dass ich alles dafür tun werde, es in den EM-Kader zu schaffen.

SPORT1: Wie wichtig Sie sein können, hat man bei Dortmunds 4:4 gegen Stuttgart gesehen. Es wurde heiß darüber diskutiert, ob der BVB das Spiel gewonnen hätte, wenn Jürgen Klopp Sie nicht ausgewechselt hätte.

Gündogan: Das glaube ich nicht. Der Trainer wollte mit Sven Bender mehr Stabilität ins Spiel bringen, es hätte genauso laufen können, wenn ich auf dem Feld geblieben wäre.

SPORT1: Ist Jürgen Klopp im Vergleich zu Joachim Löw eher ein Kumpeltyp, oder sind beide für Sie absolute Respektspersonen?

Gündogan: Definitiv das Zweite. Ich habe vor beiden großen Respekt. Beide haben phantastische Qualitäten, geben uns gute Ratschläge, sagen klar, was man noch verbessern kann. Unter beiden Trainern fällt es einem Spieler sehr leicht, sich zu entwickeln.

SPORT1: Welche Parallelen gibt es im Mittelfeld zwischen dem Fußball beim BVB und beim DFB?

Gündogan: Wir spielen hier, wie in Dortmund, ein 4-2-3-1-System und es wird großen Wert auf vertikale Kurzpässe und schnelles Direktspiel nach vorne gelegt. Ich muss nicht viel ändern sondern kann das, was ich beim BVB gelernt habe, zum großen Teil übernehmen.

SPORT1: Hat der Bundestrainer schon mit Ihnen über die mögliche Aufstellung für das Spiel in der Schweiz gesprochen? Wie wichtig wäre es, in Basel vorspielen zu dürfen?

Gündogan: Es gab noch kein Gespräch. Ich hoffe, dass ich meine Chance bekomme.

SPORT1: Der türkische Verband hat um Sie geworben, aber Sie wollten lieber für Deutschland spielen. Wie schwer war die Entscheidung und war sie im Rückblick betrachtet genau richtig?

Gündogan: Ich hatte mich schon entschieden, bevor das Thema aufkam. Das fanden nicht alle in der Türkei oder von den Türken, die in Deutschland leben, so gut. Aber ich muss sagen, dass ich es geschafft habe, viele Türken zu überzeugen und somit auf meine Seite zu ziehen. Ich bekomme jedenfalls momentan viel schönes und cooles Feedback von ihnen. Viele sagen, dass sie sehr stolz auf mich sind und ich so weitermachen soll. Ich glaube, dass ich repräsentativ für eine Gruppe stehe und versuche alles, sie glücklich zu machen.

SPORT1: Wie groß wäre die Enttäuschung, sollte es nicht für die EM reichen? (DATENCENTER: Der EM-Spielplan).

Gündogan: Sie wäre schon da, aber man muss und kann aufstehen, weiter arbeiten und ein neues Ziel vor Augen haben.

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