Joachim Löw (2 v.r.) ist seit Juli 2004 für die deutsche Nationalmannschaft tätig © getty

Die Vorbereitung läuft alles andere optimal verläuft, doch Joachim Löw lässt sich selbst von Merkel nicht aus der Ruhe bringen.

Porto Cervo - Die Kanzlerin erhöht den Druck, der Bundestrainer demonstriert Gelassenheit:

23 Tage vor dem Start der Euro in Polen und der Ukraine hat Joachim Löw "völlig tiefenentspannt" auf die Äußerung von Angela Merkel reagiert, die via "Sport Bild" am Mittwoch die Anforderungen an die deutsche Nationalmannschaft noch einmal klar formuliert hat:

"Die Hoffnungen eines ganzen Landes ruhen auf ihr."

Löw, der bei seinem dritten Turnier als Chef natürlich die Mission Titelgewinn erfolgreich abschließen will, scherzte nach der achten Trainingseinheit seines Rumpfteams auf Sardinien angesichts der vielen Probleme in der Vorbereitung:

"Stand heute sind wir völliger Außenseiter, morgen vielleicht wieder der Favorit." Dann fügte der 52-Jährige aber mit ernsten und entschlossenem Gesichtsausdruck an: "Ich bin völlig tiefenentspannt und werde meine Erwartungen nicht täglich verändern. Ich korrigiere sie weder nach oben noch nach unten."

Daran änderte auch die unangekündigte Doping-Kontrolle durch die NADA am Mittwoch bei fünf Spielern im Teamquartier nichts.

Reus als Mittelstürmer?

In Sachen Aufstellung ließ Löw bereits etwas durchsickern. Der Bundestrainer will Shootingstar Marco Reus als Mittelstürmer ausprobieren und sieht darin eine weitere Alternative für die EM.

"Ich würde ihn gerne ganz, ganz vorne sehen, im Sturm", sagte Löw: "Er hat das zwar noch nicht gespielt, aber bei mir ist das eine Überlegung wert. Ich bin sicher, dass er das gut spielen könnte. Wir müssen das mal im Training probieren."

Löw erklärte dies mit der Spielweise des Mönchengladbachers, der nach der EM zum Meister Borussia Dortmund wechselt:

"Wenn es eng wird, ist er in der letzten Linie anspielbar, er ist wendig, beweglich und abschlussstark." In Gladbach spielte Reus als hängende Spitze oder auf der offensiven Außenbahn.

Reus noch ohne Tor

Der 22-Jährige hatte sein Debüt verletzungsbedingt mehrfach absagen müssen und bringt es so erst auf vier Länderspiele ohne Tor.

"In der Nationalmannschaft ist er noch dabei, sich seine ersten Sporen zu verdienen. Aber in der Bundesliga war er sicher einer der Spieler der Saison", sagte Löw.

Die Gedankenspiele um Reus erklären sich vielleicht auch dadurch, dass Löw außer Miroslav Klose, Mario Gomez und dem formschwachen Cacau keinen Stürmer ins vorläufige Aufgebot berufen hat.

Hoffnungen hatten sich unter anderem Patrick Helmes, Mike Hanke und Stefan Kießling gemacht.

[kaltura id="0_e2zf4rxk" class="full_size" title="Vorbereitung mit Hindernissen"]

Besuch von der NADA

Der Chefcoach zog nach einer knappen Woche an der Costa Smeralda ein positives Zwischenfazit der "zerstückelten Vorbereitung", wie er die knapp vierwöchige Vorbereitung auf die Euro bezeichnet hatte.

"Ich bin sehr zufrieden, wir haben optimale Bedingungen und arbeiten sehr hart und konzentriert", sagte Löw.

Individualtraining für BVB-Profis

Am Morgen hatte er noch kurze Gespräche mit den fünf Double-Gewinnern von Borussia Dortmund geführt, die am Vortag angereist waren.

"Sie haben gemerkt, dass Feierlichkeiten sehr anstrengend sein können. Sie freuen sich jetzt, dass sie nach den Feten in Berlin und Dortmund langsam wieder ins Training einsteigen können", berichtete der Bundestrainer, dem somit 17 Spieler seines 27-köpfigen vorläufigen Aufgebotes zur Verfügung stehen ( 555843 DIASHOW: Der vorläufige EM-Kader ).

Die BVB-Stars würden in den kommenden Tagen ebenso individuell trainieren wie auch die angeschlagenen Miroslav Klose, Lukas Podolski oder Per Mertesacker, die Löw allesamt "im Plan" sieht.

Zweite Phase: fußballerische Elemente

Individualität ist auch das Zauberwort in den kommenden Tagen auf Sardinien, aber auch ab Freitag in Südfrankreich, wo in der zweiten Phase "fußballerische Elemente" in den Vordergrund der Trainingsarbeit rücken werden.

Zwei Tage später werden auch die Real-Stars Mesut Özil und Sami Khedira zur Mannschaft stoßen, die ebenfalls zunächst mal ein maßgeschneidertes Programm absolvieren werden.

Torjäger Miroslav Klose, der am Montag mit einer Knöchelverletzung angereist war, darf sogar selbst an seinem Trainingsplan mitwirken, der zunächst mal auf eine Woche ausgelegt ist.

"Er kennt seinen Körper am besten, deshalb macht das Sinn", erläuterte Löw.

"Werden sehr gut präpariert ins Turnier gehen"

Abwehrrecke Mertesacker, der sich nach langer Verletzungspause auf einem "hervorragenden körperlichen Niveau" befinde, müsse wieder "Spiel- und Wettkampfpraxis" vermittelt werden und der von Problemen geplagte Podolski soll sich noch ein paar Tage außerhalb des Platzes gezielt auf den zweiten Vorbereitungsabschnitt vorbereiten.

"Wir werden sehr gut präpariert in das Turnier gehen", sagte der Bundestrainer bei seinem ersten öffentlichen Auftritt während des Trainingslagers.

Dass die acht Bayern-Profis, die erst am 25. Mai an der Cote d'Azur erwartet werden, am Samstag noch das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea bestreiten, bereitet Löw keine Kopfschmerzen.

"Ich hoffe natürlich, dass sie sich keine Verletzungen zuziehen", sagte der Bundestrainer, der den Bayern nach deren Enttäuschungen in Meisterschaft und DFB-Pokal den Titel in der Königsklasse zutraut: "Gefühlsmäßig sage ich, dass sie das schaffen."

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