DFB-Trainer Stefan Böger trainiert die U-17-Junioren seit 2010 © getty

U-17-Nationaltrainer Böger spricht im Interview über die Entwicklung des Teams, den Finalgegner bei der EM und den neuen Götze.

Von Christian Stüwe

München - Die deutsche U-17-Nationalmannschaft spielt bisher eine überragende Europameisterschaft.

Bereits zum zweiten in Folge und zum dritten Mal in vier Jahren steht die U 17 im Endspiel.

Dabei trafen die DFB-Junioren immer auf den heutigen Gegner Niederlande (18 Uhr LIVESCORES).

Im SPORT1-Interview spricht DFB-Trainer Stefan Böger über die Entwicklung seiner Mannschaft, den Finalgegner Niederlande und den neuen Mario Götze.

SPORT1: Herr Böger, Ihre Mannschaft hat einen sensationellen Lauf und ist unbesiegt. Von 29 Spielen wurden 28 gewonnen und bei der Europameisterschaft steht das Team ohne Gegentor im Finale. Wäre alles andere als der Titel jetzt eine Enttäuschung?

Stefan Böger: Nein, das wäre überzogen. Aber das ist eine Top-Bilanz. Was wir bisher geleistet haben, kann uns keiner mehr nehmen. Ich glaube, in dieser Einzigartigkeit hat es das noch gar nicht gegeben. Aber das hat mit dem Endspiel gegen die Niederlande überhaupt nichts zu tun. Wie bereiten uns genauso gewissenhaft vor wie auf allen anderen Spiele. Wir wollen das Spiel gewinnen. Aber selbst wenn das nicht klappen sollte, wäre nicht alles schlecht, was vorher war.

SPORT1: Aber wenn man ohne Gegentor ins Finale einzieht, muss die Stimmung in der Mannschaft doch euphorisch sein. Müssen Sie die Jungs ein bisschen einbremsen?

Böger: Euphorisch würde ich nicht sagen. Wir sind fokussiert und auch optimistisch, aber für Euphorie gibt es keinen Grund. Weil wir gesehen haben, dass alle unsere Siege hart erkämpft waren. Gegen Frankreich hatten wir einen Glanztag, da haben wir mit spielerischer Leichtigkeit gewonnen. Das war in den anderen Partien nicht so, das war harte Arbeit. Und das ist gut, um mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.

SPORT1: Die Niederlande haben auch erst ein Gegentor bekommen. Ist es der Showdown der Topmannschaften?

Böger: Die Niederländer sind eine sehr spielstarke Mannschaft, die sich zu Recht in ihrer Gruppe durchgesetzt hat. Dementsprechend glaube ich, dass sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe begegnen werden. Die Tagesform wird entscheidend sein. Wer macht die wenigsten Fehler? Diese Mannschaft wird als Sieger vom Platz gehen.

SPORT1: Die Finalpaarung Deutschland gegen Niederlande gab es bei den letzten Turnieren häufiger. Sind es die beiden Nationen, die im U-Bereich den Ton angeben?

Böger: Beide Nationen arbeiten sehr strukturiert im Nachwuchsbereich, von daher ist das keine Überraschung. Aber es gehören auch einige andere Nationen dazu. Die Spanier, die Engländer sind nicht zu vergessen. Aber die Engländer sind in ihrer Gruppe an Georgien gescheitert. Das sagt schon einiges über die Stärke der Georgier aus, die wir in Gruppenphase geschlagen haben.

SPORT1: Das Medieninteresse an dem Finale ist groß, auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Matthias Sammer werden auf der Tribüne sitzen. Was bedeutet das Ihnen und der Mannschaft?

Böger: Matthias Sammer ist bei jedem Spiel da. Er begleitet uns und ist eng am Team dran. Dass der neu gekürte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach da ist, ist natürlich etwas Besonderes und für alle Beteiligten ein Ausdruck von Anerkennung. Dass wahrgenommen wird, was wir im U-Bereich leisten. Ich hoffe, dass sein Daumendrücken zum Erfolg führt,

SPORT1: Was hat Sie im bisherigen Turnierverlauf an Ihrer Mannschaft besonders beeindruckt?

Böger: Mich hat beeindruckt, wie leidenschaftlich die Spieler um jeden Ball kämpfen. Im Defensivverhalten versuchen sie mit allem, was sie haben, Gegentreffer zu verhindern.Die Mischung zwischen kämpferischen und spielerischen Elementen passt. Das wollen wir im Finale ein letztes Mal zeigen. Und dann bin ich guten Mutes, dass wir die Holländer schlagen können.

SPORT1: Gibt es Spieler, die Sie herausheben würden?

Böger: Es war bisher eine geschlossene Mannschaftsleistung. In dem einen Spiel hat der eine bisschen herausgeragt, dann wieder ein anderer. Unser Torwart Oliver Schnitzler hat bisher eine souveräne und bemerkenswerte Vorstellung gezeigt. Wenn man zu Null spielt, steht der Torwart natürlich immer im Rampenlicht. Aber auch seine Ausstrahlung insgesamt ist sehr positiv. Er hat eine gute Entwicklung genommen.

SPORT1: 2009 wurde die U17 mit Mario Götze und Marc-Andre ter Stegen Europameister. Die beiden gehören jetzt schon zum Kader für die Europameisterschaft. Trauen Sie einigen von Ihren Spielern einen ähnlichen Sprung zu?

Böger: Ich gehöre nicht zu den Trainern, die da Prognosen abgeben. Ich werde häufig gefragt, was von den Spielern zu erwarten ist. Aber mit 16, 17 Jahren ist das schwer abzuschätzen. Es gibt einige sehr talentierte Spieler, die aber trotzdem noch einen weiten Weg vor sich haben. Das Ausnahmetalent wie Mario Götze oder Julian Draxler ist erstmal nicht erkennbar. Einige Jungs haben sicher das Vermögen, nach ganz oben durchzustoßen. Aber ob das für die A-Nationalmannschaft reicht - und vor allem in der Kürze der Zeit - wage ich nicht zu prognostizieren.

SPORT1: Für fast alle Spieler wird das Finale die letzte Partie in der U17 sein. Macht Sie das auch ein bisschen traurig?

Böger: Das ist ein besonderes Gefühl, das gebe ich zu. Ich habe die Mannschaft zwei Jahre betreut. Im Fußball ist es manchmal ganz kurios, dass das letzte gemeinsame Spiel ausgerechnet ein EM-Finale ist. Es sind also gemischte Gefühle. Aber das liegt in der Natur der Sache, das ist der Trainerjob.

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