Joachim Löw wurde mit der DFB-Auswahl bei der EM 2008 Zweiter © getty

Bei der Bekanntgabe des vorläufigen EM-Kaders versprüht Joachim Löw vorsichtigen Optimismus. Die Vorbereitung wird nicht leicht.

Aus Rastatt berichtet Thorsten Mesch

Rastatt - Dieses Mal wurde auf großes Brimborium verzichtet.

Es gab kein Gerede vom Gipfelsturm, keine Kaderpräsentation auf der Zugspitze.

Vor der Bekanntgabe des vorläufigen Kaders für die Europameisterschaft wurde zur Einstimmung in einem Autohaus ein Video gezeigt.

Zur Coverversion des Eurythmics-Klassikers "Sweet dreams" von Emily Browning wurden Szenen der DFB-Stars und ihre Tore eingespielt.

Ter Stegen und Draxler die Überraschungen

Für Julian Draxler und Marc-Andre ter Stegen wurden die süßen Träume wahr. (BERICHT: Draxler und ter Stegen im vorläufigen Kader)

Beide wurden am Montagmittag in Rastatt von Bundestrainer Joachim Löw in den Kreis der 27 Spieler berufen, die sich in den beiden Trainingslagern auf Sardinien vom 11. bis 18. Mai und anschließend in Südfrankreich bis zum 30. Mai auf die Endrunde in Polen und der Ukraine vorbereiten. ( 555843 DIASHOW: Der vorläufige EM-Kader )

Schub durch Nominierung

Dass Löws Wahl auf den erst 18 Jahre alten Schalker Draxler und den zwei Jahre älteren Mönchengladbacher Schlussmann ter Stegen fiel, hatte vielleicht nicht jeder erwartet.

Für Löw und seinen Trainerstab war die Entscheidung zugunsten der beiden Youngster eine logische Schlussfolgerung ihrer Leistungen und ihrer Fähigkeiten.

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"Überragend" sei ter Stegens Bundesligasaison gewesen, "enorm" sei Draxlers Potenzial. Kaum jemand dürfte ernsthaft widersprechen.

Draxler, der erst 45 Bundesligaspiele absolviert hat, werde "mit dieser Nominierung einen weiteren Schub bekommen", sagte Löw über das Schalker Mittelfeldtalent.

Mit der weniger überraschenden Nominierung von ter Stegen verschärfte der Bundestrainer noch einmal den Kampf um die beiden Plätze hinter Stammtorwart Manuel Neuer. ( 447891 DIASHOW: Die deutschen EM-Trikots )

Selbst Tim Wiese erhielt keinen Freifahrtsschein als Nummer zwei. "Alle Torhüter haben ihre Stärken, wir werden uns in der Vorbereitung ein Bild machen", betonte Löw.

Das Trainerteam wolle in der Vorbereitung "drei Torhüter dabei haben", erklärte Löw, der bis zum 25. Mai ohne Manuel Neuer auskommen muss.

Bayern-Spieler erst ab 25. Mai dabei

Der Bayern-Keeper spielt mit seinen Münchner Teamkollegen zunächst am 12. Mai das DFB-Pokalendspiel gegen Borussia Dortmund, dann am 19. Mai das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea und zudem noch einen Test gegen die Auswahl der Niederlande am 22. Mai.

Erst drei Tage später stoßen die Bayern-Profis zum Rest der Nationalmannschaft. Das gilt auch für Holger Badstuber, der im "Finale dahoam" gegen Chelsea gesperrt ist.

"Es gibt eine Absprache, dass Holger die ganze Woche bei den Bayern bleibt. Dort wird hochkonzentriert trainiert", erklärte Löw.

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Er selbst steht mit dem Rest seines Kaders vor einer schwierigen Vorbereitung, denn auch die Dortmunder stoßen erst am 15. Mai dazu, und die Spanien-Legionäre Mesut Özil und Sami Khedira reisen noch einen Tag später auf Sardinien an.

Wenig Zeit für Taktik

"Das ist keine einfache Situation. Wir werden relativ wenig Zeit haben, vor allem im taktischen Bereich zu trainieren", ist sich der Bundestrainer seiner kniffligen Lage bewusst.

Die unangenehmste Aufgabe, nämlich einigen Spielern zu erklären, dass sie sich keine Hoffnung auf die EM-Teilnahme mehr machen dürfen, hat er nun hinter sich.

Cacau soll als Joker stechen

Dass Dennis Aogo und Christian Träsch, die lange zu den Dauergästen im DFB-Team gehört hatten, nicht dabei sind, muss niemanden, die Betroffenen eingeschlossen, überraschen.

Größere Hoffnungen dürften sich Stefan Kießling und Patrick Helmes oder auch Mike Hanke gemacht haben, einen Platz im vorläufigen Aufgebot zu ergattern.

Löw hielt jedoch an Cacau fest. "Er hat seine Stärken, wenn es eng wird. Und wir werden auf Mannschaften treffen, die sehr defensiv spielen", erklärte der Bundestrainer.

Helmes zum Beispiel sei eher ein Konterspieler "und außerdem hat Cacau bei uns immer als Joker überzeugt und getroffen. Für diese Rolle ist er vorgesehen", ergänzte Löw.

"Mertesacker und Klose voll belastbar"

Im Sturm, wo Lazio-Torjäger Miroslav Klose nach einer Oberschenkelverletzung zumindest am Wochenende wieder gespielt hat, ist, ist die Personaldecke allerdings ähnlich dünn wie in der Abwehr, für die Löw nur sieben Spieler nominierte.

Den lange verletzten Per Mertesacker sieht Löw jedoch ebenso wie Klose im Soll: "Ich bin bei beiden guter Hoffnung, dass sie in eine gute Form kommen. Beide sind voll belastbar."

Am 26. Mai kann Löw eventuelle Wackelkandidaten im Länderspiel in der Schweiz testen, drei Tage später muss er den endgültigen Kader nominieren.

Endgültige Entscheidung erst am 29. Mai

"Das Wichtigste ist, dass alle ohne Verletzungen aus diesen Spielen kommen", sagte Löw auch mit Blick auf die Endspiele mit Münchner und Dortmunder Beteiligung. Sollte bis zum 29. Mai niemand ausfallen, muss der Bundestrainer vier seiner 27 EM-Kandidaten streichen. (SERVICE: Alles zur EM 2012).

"Wir werden die Entscheidung kurzfristig treffen und so lange ausreizen, wie wir die Chance haben. Wir wollen, dass der Konkurrenzkampf bis zur letzten Stunde vorhanden ist", betonte der Bundestrainer.

"Bessere Voraussetzungen als 2008"

Er habe einen "sehr ausgewogenen Kader mit jungen und erfahrenen Spielern. Die Altersstruktur ist sehr, sehr gut", geriet er fast schon ins Schwärmen. "Von daher glaube ich, dass die Voraussetzungen besser sind als 2008."

Damals verpasste das DFB-Team den Gipfelsturm im Finale knapp. Nun soll der süße Traum vom Titel endlich wahr werden.

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