Joachim Löw (r.) beim Spielerwechsel mit Marco Reus im Testspiel gegen Frankreich © imago

Nach der Frankreich-Pleite kritisiert der Bundestrainer die Defensive. Dennoch macht ihm der verpatzte Auftakt keine Sorgen.

Vom DFB-Team berichtenMartin Volkmar und Thorsten Mesch

Bremen - Es war ein ernüchternder Abend für die deutsche Nationalmannschaft.

Seit März 2011 war das Team zehnmal in Folge ungeschlagen geblieben, hatte unter anderem Brasilien und die Niederlande besiegt.

Doch ausgerechnet im einzigen Länderspiel vor der unmittelbaren Vorbereitung auf die EM-Endrunde gab es eine 1:2-Pleite gegen Frankreich, gegen das die DFB-Auswahl somit weiter seit 1987 auf einen Erfolg wartet (Spielbericht).

Trotzdem machte Bundestrainer Joachim Löw keinen unzufriedenen Eindruck, als er zu später Stunde vor die Presse trat. ( 525009 DIASHOW: Bilder des Spiels )

Dämpfer zur rechten Zeit?

Schließlich dürfte die zuletzt extreme Erwartungshaltung der Fans, für die anscheinend nur noch der EM-Titel in Frage kam, durch die schwache Vorstellung in Bremen einen erheblichen Dämpfer bekommen haben.

"Ganz ehrlich interessiert mich das kaum oder nur am Rande", sagte Löw dazu auf SPORT1-Nachfrage.

Und ergänzte: "Deutschland geht immer mit einem großen Erwartungsdruck ins Turnier. Aber im März sind schon viele Dinge passiert bei uns in den letzten Jahren. Das ist für den Trainer nicht so ausschlaggebend."

Blick zurück macht Hoffnung

Tatsächlich hat es in der Vergangenheit wesentlich heftigere Rückschläge gegeben - etwa der chancenlose Auftritt beim 0:1 vor der WM 2010 gegen Argentinien oder das 1:4-Debakel in Italien vor der Heim-WM 2006.

[image id="dc963419-645a-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Am Ende aber schaffte es Löw immer, seine Mannschaft in den Trainingslagern optimal auf das Turnier vorzubereiten.

Doch auch diesmal wird dem Bundestrainer noch viel Arbeit bevorstehen, damit der Vize-Europameister von 2008 in Polen und der Ukraine seiner Favoritenrolle gerecht werden kann.

Das Spiel gegen die nunmehr seit 18 Spielen ungeschlagenen Franzosen bekräftigte einmal mehr die schon während der EM-Qualifikation offenkundigen Probleme in der Rückwärtsbewegung.

"Nicht das Gelbe vom Ei"

"Ich denke, dass wir gerade in der Defensive einiges tun müssen Richtung EM. Das war nicht unbedingt das Gelbe vom Ei", übte der Bundestrainer für seine Verhältnisse recht deutliche Kritik.

Das Fehlen von Kapitän Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger machte sich wesentlich deutlicher bemerkbar, als es Löw vermutlich gedacht hatte.

Schließlich standen in der Defensive abgesehen vom bei beiden Gegentoren patzenden Linksverteidiger Dennis Aogo in Mats Hummels, Holger Badstuber und Jerome Boateng sowie auf der Doppel-Sechs Toni Kroos und Sami Khedira nur potenzielle EM-Stammspieler auf dem Platz.

Müller schimpft: "Abwehr alleine gelassen"

"Die Balance hat nicht immer ganz gestimmt. Wir haben viele Räume offen gelassen", gab Hummels zu.

Und der kurz vor der Halbzeit für den an der Nase verletzten Andre Schürrle eingewechselte Thomas Müller wurde noch deutlicher: "Es war ein etwas undiszipliniert. In der zweiten Halbzeit hatten wir eine bisschen zweigeteilte Mannschaft. Wir haben die Verteidigung schön alleine gelassen."

Auch Löw sah den fehlenden Zusammenhalt als Hauptproblem, das beide Gegentreffer durch Olivier Giroud (21.) und Florent Malouda (69.) nach schnellen Gegenstößen ermöglichte.

"Die Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr waren viel zu groß. Das waren immer 50, 60 Meter zwischen unserem ersten und letzten Spieler. Wir müssen präsenter sein und die Räume enger machen", meinte er.

Auch Offensive gibt Anlass zur Kritik

Viel Arbeit also noch für die Feinabstimmung, zumal auf die Offensivleistung Anlass zur Kritik gab. Zwar sahen die 37.800 erwartungsfreudigen Zuschauer im Bremer Weser-Stadion einige schöne Kombinationen, die meist von Rückkehrer Mesut Özil eingeleitet wurden.

Doch die Chancenverwertung ließ trotz des zu späten Anschlusstreffers von Cacau (90.) sehr zu wünschen übrig, allein Miroslav Klose scheiterte dreimal aus aussichtsreicher Position am starken neuen französischen Kapitän und Keeper Hugo Lloris.

Auch das ist kein neues Phänomen, das sich bei der EM in den entscheidenden Spielen auf allerhöchstem Niveau rächen könnte.

Klose bleibt zuversichtlich

"Wir müssen uns hinterfragen, warum wir etwas leichtfertig gespielt haben", ärgerte sich Müller, doch Klose ist sicher: "Wenn es darauf ankommt, ist unsere Mannschaft da."

Löw hat noch rund zwei Monate Zeit, bis er am 8. Mai seinen 23-köpfigen EM-Kader bekanntgeben wird und drei Tage später die Vorbereitung auf Sardinien beginnt.

"Alles entscheidend ist die Vorbereitung und die Basis, die man da als Mannschaft und individuell legt. Der Plan und die Inhalte stehen, das hängt nicht von diesem einen Spiel ab", sagte Löw ? und verabschiedete sich freundlich und gelassen von den Journalisten in die laue Bremer Nacht.

Weiterlesen