Seit März 2012 Cheftrainer in Karlsruhe: Markus Kauczinski © getty

Ein Gelsenkirchener verhilft dem Karlsruher SC zu mehr Demut. Doch die Fans träumen von Peps Bayern und einem neuen Stadion.

Von Patrick Mayer

München - Markus Kauczinski ist ein Arbeitertyp.

Rundlicher Bauchumfang, fülliges Gesicht, kräftiger Händedruck. Einer, der einem direkt sagt, was er denkt. Forsche Sprüche sind seine Sache nicht. Eher Demut und Respekt vor jedem Gegner.

So hat er es beim Karlsruher SC schon immer gehandhabt. Als Nachwuchstrainer, Jugendkoordinator, Coach der zweiten Mannschaft. Und eben auch jetzt als Verantwortlicher für das Profiteam.

Offenbar eine Erfolgsformel: Platz zwei, sieben Punkte aus vier Spielen, und das als Aufsteiger.

Zum Zweitliga-Spitzenspiel kam am Freitagabend die SpVgg Greuther Fürth (1:2). Und irgendwann ganz bald dann auch Pep Guardiola mit seinen Bayern?

Präsident mit großen Plänen

Davon träumt zumindest KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther. Zurück in die Bundesliga, lautet die Devise des forschen Politikers.

Dorthin also, wo der Klub nach dem Anspruchsdenken vieler Fans eigentlich sowieso gehört. Wellenreuthers Plan sieht vier Jahre für die Umsetzung des ambitionierten Unterfangens vor.

Kauczinski will sich mit all diesen Erwartungen möglichst wenig beschäftigen. "Das Denken, wir haben Tradition, deshalb gehören wir da oben hin, hat sich eingestellt", sagt er im Gespräch mit SPORT1: "Mittlerweile dürften die Leute hier froh sein, dass man wieder eine Mannschaft hat, mit der man sich identifizieren kann."

Er wählt seine Worte bewusst.

Image eines "Chaosklubs"

Das Vertrauensverhältnis zwischen Anhängern und Verein hatte stark gelitten. Seit Jahren haftet dem KSC das Image eines "Chaosklubs" an.

Um großspurige Ziele zu verfolgen, machte man sich über einen dubiosen Sponsorenvertrag zum Schuldner eines Leipziger Medien-Unternehmens. 750.000 Euro plus eine Summe X zahlt der Verein jährlich aus ohnehin klammen Kassen.

Die Debatte um ein neues Stadion wurde zum Politikum. Und als wären Querelen im Umfeld nicht Bürde genug, verschliss der Klub reihenweise Trainer (Markus Schupp, Jörn Andersen, Rainer Scharinger). Sie passten nicht zum KSC.

Bei Kauczinski ist das anders.

Volksnähe kommt an

Seit 2001 ist der Gelsenkirchener Angestellter im Wildpark, seit Ende März 2012 Cheftrainer.

Den Absturz in die Drittklassigkeit konnte er nicht mehr verhindern. Doch er brachte Besonnenheit rein, stieg unmittelbar wieder auf. Er ist volksnah. Das kommt an.

Kauczinski kennt die Jugendabteilung aus dem Eff-eff, mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle ist er per Du. "Die Leute vertrauen mir. Ich vertraue ihnen", sagt er.

Vorbei sind Zeiten, als man die Transferliste der Bundesliga durchging, nur, um große Namen zu verpflichten.

Coach setzt auf Talente

Kauczinski schuf um sich herum ein Trainerteam, das einen anderen Trumpf ausspielt: "Wir sind dafür bekannt, junge Spieler weiterzuentwickeln."

Sein Assistent, der Torwarttrainer, der Mann für die Fitness, alle kommen aus der Nachwuchsabteilung. Das gefällt den Leuten in der Stadt ? und potenziellen Zugängen.

Der Lizenzspieleretat kratzt mit Müh und Not an der Sieben-Millionen-Marke. Wenig Geld für große Investitionen. Sie setzen auf Jungs, die in Karlsruhe eine Perspektive für größere Aufgaben sehen.

"Wir machen aus ihnen top Zweitligaspieler", sagt der Coach und verweist auf den 21 Jahre alten Juniorennationalspieler Reinhold Yabo.

"Guardiola? Alles schön und gut!"

Kauczinski gilt als ehrlicher Typ. Seine Ansprachen sind hart, seine Fehleranalyse ist penibel. Er will nur eines: "Dass die Jungs nicht faul sind." Althergebrachte Werte.

Er kann es aber auch fortschrittlich. Der Coach versteift sich nicht auf eine Taktik.

Die ganzen Diskussionen um Spielphilosophien, wer, wie, wo reinpasse, verstehe er nicht. "Guardiola? Alles schön und gut! Wer Spieler wie Robben und Ribery hat, kann Ideen ganz anders angehen", sagt er.

Beim KSC müsse man schauen, was möglich ist. Die Mannschaft zieht mit.

Schulden belasten das Budget

Techniker wie Selcuk Alibaz absolvieren Sonderschichten im Kraftraum, um in der Abwehrarbeit ihren Mann zu stehen. "Die Jungs müssen beides spielen können ? es geht um Kleinigkeiten", sagt Kauczinski.

Dann sei künftig vieles möglich. "Mir reicht es nicht, nur gegen den Abstieg zu spielen", meint er. Demut und der Sinn für die Realität schließen Ehrgeiz nicht aus. Doch der KSC stößt an Grenzen.

Zwei Millionen Euro soll das Minus aus der vergangenen Saison betragen. Schulden drücken auf das Budget.

Edel-Fan als wichtiger Gönner

Und Namensrechte für ein neues Stadion im Wildpark, dessen Pläne ab Herbst konkretisiert werden sollen, würden an die Stadt als Eigentümer gehen.

Wäre da im Hintergrund nicht Edel-Fan und Großsponsor Günter Pilarsky, der Verein hätte finanziell nicht einmal den jüngsten Abstieg verkraftet, sagen Kritiker.

Bei all der Träumerei gilt deshalb zuallererst die Maxime des Trainers: "Tradition steht nicht auf dem Platz."

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