Karsten Neitzel (M.) war zwischen 2009 und 2010 Co-Trainer bei den Urawa Red Diamonds in Japan © imago

Vor dem Spiel beim FC St. Pauli spricht Bochums neuer Trainer Karsten Neitzel über den VfL, seine Aufgabe und die "Kiezkicker".

Von Reinhard Franke

München - Und plötzlich ist er Cheftrainer.

Karsten Neitzel ist in der Branche noch weitgehend ein Unbekannter.

In den letzten Jahren war der 44-Jährige Co-Trainer beim SC Freiburg, trainierte die zweite Mannschaft der Breisgauer und war zudem Co-Trainer in Japan bei den Urawa Red Diamonds.

In der vergangenen Woche wurde der 44-jährige Sachse nach der Entlassung von Andreas Bergmann beim VfL Bochum bis auf weiteres von der Interims- zur Dauerlösung befördert und prompt zeigt sich der Zweitligist wieder leicht verbessert. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Beim VfL hat Neitzel vorerst einen Vertrag bis zum 30. Juni 2013. Gespräche mit anderen Trainerkandidaten seien nicht mehr vorgesehen, so die Klub-Bosse.

Vor dem Spiel beim FC St. Pauli (ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) spricht Neitzel im SPORT1-Interview über seine neue Aufgabe, den VfL, seine Person - und die Chance dauerhaft erster Mann zu bleiben.

SPORT1: Herr Neitzel, wie fühlt man sich als neuer Chef?

Karsten Neitzel: Vorstand und Aufsichtsrat haben Thomas Reis und mir nach dem Cottbus-Spiel das Vertrauen ausgesprochen. Wir haben die Verantwortung für diese Mannschaft und wollen mit ihr in den nächsten Wochen raus aus dem Tabellenkeller. Diesem Ziel gilt unsere ganze Konzentration. Ich bin jetzt seit über 15 Monaten beim VfL. Hier fühle ich mich sehr wohl, hier hat man mich immer fair behandelt. Deshalb bin ich bei dieser Frage ganz entspannt.

SPORT1: Wie haben Sie Ihre ersten zwei Wochen erlebt?

Neitzel: Sie waren natürlich sehr ereignisreich. Was mir auffällt: Wenn man als Trainer für eine Mannschaft die Verantwortung trägt, hat man weniger Zeit, sich um sie zu kümmern. Medienanfragen, Abstimmungstermine etc.. Aber es macht bei aller Anspannung viel Spaß. Zumal die Mannschaft nach der Niederlage in Aue eine sensationelle Reaktion gezeigt hat. Die Spieler waren sehr selbstkritisch, haben sich zusammengerauft und treten als Einheit auf. Das merkt man im Training, hat man aber auch in den Spielen gesehen. Sonst hätten sie nicht die Moral gehabt, sowohl beim Pokalspiel in Havelse als auch beim Heimspiel gegen Cottbus jeweils nach einem Rückstand zurückzukommen.

SPORT1: Was für ein Trainertyp sind Sie? Beschreiben Sie sich doch bitte mal?

Neitzel: Grundsätzlich favorisiere ich den offensiven Fußball. Meine Mannschaften sollen auf dem Platz agieren. Verlieren kann ich nur schlecht, ansonsten bin ich ein sehr umgänglicher Typ, der an der Linie bei weitem nicht mehr so emotional ist wie zu Beginn meiner Trainerkarriere. Da bin ich mit den Schiedsrichtern das eine oder andere Mal aneinander geraten. Zwischendurch lief ich Gefahr, mein ganzes Gehalt vom SC Freiburg an den Südbadischen Fußballverband weiterleiten zu müssen. (lacht)

SPORT1: Wie sehr würden Sie sich wünschen der Chef zu bleiben? Oft gab es ja schon die Situation, dass es mit dem Co. dann auf Dauer klappte.

Neitzel: Ich fühle mich in Bochum sehr wohl und spüre Vertrauen. Wir wollen gemeinsam da unten raus. Natürlich habe ich die Fußball-Lehrer-Lizenz nicht nur deshalb gemacht, um mir das Diplom an die Wand zu hängen. Mir ist jedoch bewusst, dass Erfolge die besten Argumente sind.

SPORT1: Was muss beim VfL besser werden, damit es wieder in obere Tabellenregionen gehen kann?

Neitzel: Momentan arbeiten wir schwerpunktmäßig daran, dass die spielerische Leichtigkeit bei eigenem Ballbesitz zurückkommt. Dafür müssen die Jungs richtig stehen und in die richtigen Räume laufen. Wenn es uns darüber hinaus gelingt, unsere Torchancen besser zu nutzen, werden wir in der Tabelle nach oben klettern.

SPORT1: Sie sprachen nach dem Cottbus-Spiel von positiver Energie. Inwiefern?

Neitzel: Weil es mir imponiert hat, wie die Mannschaft die Nackenschläge der ersten 60 Minuten weggesteckt hat. Es gab vier Pfostentreffer in der Partie, unsere beiden Versuche springen wieder raus, deren führen dazu, dass Cottbus zwischenzeitlich mit 2:0 führte. Danach haben wir etwas umgestellt, hatten mehr Zugriff auf die Partie, hatten gute Ballstafetten und sind völlig verdient noch zum Ausgleich gekommen.

SPORT1: Wie gehen Sie und das Team in das Spiel am Abend?

Neitzel: Mit dem Vorsatz, dort etwas mitnehmen zu wollen. St. Pauli hat unter Michael Frontzeck die Kurve bekommen. Das Team spielt leidenschaftlichen Fußball. Das wird ein hartes Stück Arbeit für uns. Den Kampf müssen wir annehmen und zudem im Verlauf der Partie unsere spielerischen Qualitäten einbringen. Ich persönliche freue mich auf die Partie. Millerntor-Stadion, Flutlicht-Atmosphäre und rund 1000 Bochumer, die uns super unterstützen werden: Darauf sollte sich jeder freuen, der in der Bundesliga arbeiten darf.

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