Auf der Mitgliederversammlung am Sonntag entscheidet der HSV über seine Zukunft © getty

Der HSV steht vor der wichtigsten Entscheidung seiner 126-jährigen Klubgeschichte. Wird die Profi-Abteilung Sonntag ausgegliedert?

Aus Hamburg berichtet Clemens Gerlach

Hamburg - Mit der guten Stimmung war es schnell vorbei.

Am vergangenen Sonntag feierte der Hamburger SV den Klassenerhalt, tags darauf ging es beim Dusel-Dino so zu, wie man es aus den vergangenen Monaten gewohnt war. Es wurde gezofft, dieses Mal wegen der Mitgliederversammlung.

Am Sonntag ab 11 Uhr wird in der Arena an Volkapark darüber entschieden, ob die Lizenzspieler-Abteilung aus dem Gesamtverein ausgegliedert wird. Eine Dreiviertelmehrheit ist für die Strukturreform nötig.

Die beiden Kontrahenten HSVPlus (um den ehemaligen Aufsichtsrat Ernst-Otto Rieckhoff) und HSV-Allianz (um den früheren Präsidenten Jürgen Hunke) schenkten sich vorher nichts. Von "bewusster Täuschung" war die Rede und von "Verlogenheit".

WAS WOLLEN DIE BEIDEN GRUPPIERUNGEN?

HSVPlus ist für die Ausgliederung, die HSV-Allianz ist es grundsätzlich ebenfalls. Hier enden dann aber auch schon die Gemeinsamkeiten in der Frage, wie der unter rund 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten ächzende Klub auf Vordermann gebracht werden soll. (SHOP: Jetzt Fanartikel vom Hamburger SV kaufen)

Das Rieckhoff-Team will die Rechtsform einer Aktiengesellschaft (AG). Nur dann wäre der Club für externe Geldgeber interessant. Nur so ließe sich der drohende Untergang verhindern.

HSV-Allianz hat sich inzwischen mit der Idee einer AG angefreundet, sieht aber gerade in der Öffnung für ausschließlich an Rendite interessierten Investoren eine große Gefahr.

"Ich rege mich darüber auf, wie hier die Aasgeier darauf warten, sich über den Verein herzumachen", sagte der Allianz-Vertreter Rainer Ferslev der "taz". Der Anwalt für Insolvenzrecht will eine Verschiebung der Wahl, um mehr Zeit für die seiner Meinung nach notwendige Verbesserung des vorgelegten Konzepts zu haben.

HSVPlus sieht dafür keinen Anlass und verweist darauf, dass der Verein stets die Mehrheit der AG-Anteile behalten würde. Von der Gefahr eines Ausverkaufs könne deshalb nicht die Rede sein.

Auffällig ist jedoch, dass von den zwölf Fußball-Erstligisten, die bislang ihre Profi-Abteilung ausgegliedert haben, in Bayern München und Eintracht Frankfurt nur zwei die Rechtsform AG gewählt haben. Die zehn anderen setzen auf das Modell GmbH und Co. KG auf Aktienbasis (KGaA).

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WELCHE CHANCEN HABEN DIE BEIDEN MODELLE?

HSVPlus ist der klare Favorit. Bei der ersten Mitgliederversammlung am 19. Januar dieses Jahres stimmten fast 80 Prozent der Mitglieder für das von HSVPlus vorgeschlagene Modell, das der amtierende Vorstand um Carl-Edgar Jarchow dann zur finalen Abstimmung ausarbeiten musste.

HSV-Allianz kann sich selbst nicht durchsetzen. Hunke Co. hoffen aber darauf, noch unentschlossene Mitglieder auf ihre Seite ziehen zu können, um so das Zustandekommen der Dreiviertelmehrheit für HSVPlus zu verhindern.

Für HSVPlus spricht, dass viele HSV-Mitglieder die Nase voll haben von den ständigen Intrigen in den Führungsgremien und dem sportlichen Niedergang. Es gibt einen starken Wunsch nach Veränderung, auch um den Preis, an Mitbestimmung zu verlieren.

Zudem hat Rieckhoff etliche Alt-HSVer wie Thomas von Heesen und Peter Nogly gewinnen können. Der milliardenschwere HSV-Gönner Klaus-Michael Kühne macht sein weiteres Engagement von einem Erfolg der HamburgPlus-Initiative abhängig.

Als größtes Plus für das Rieckhoff-Team könnte sich erweisen, dass in Dietmar Beiersdorfer ein möglicher neuer HSV-Boss bereitsteht. Noch ein Jahr ist der frühere HSV-Sportchef (2002 bis 2009) vertraglich an Zenit St. Petersburg gebunden. Der allseits geschätzte 50-Jährige soll aber sehr interessiert daran sein, den HSV künftig zu führen. Auf dem Wunschzettel soll auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff stehen.

HSV-Allianz bietet den HSV-Rekordspieler Manfred Kaltz auf. Ex-Boss Hunke hat mittlerweile sehr an Popularität eingebüßt. Der aktuelle Aufsichtsrat gilt vielen als sprunghaft und selbstverliebt.

WAS PASSIERT, WENN SICH HSVPLUS DURCHSETZT?

Setzt sich HSVPlus durch, dann beginnt beim HSV alsbald das große Stühlerücken. Mit dem amtierenden Vierer-Vorstand würden Gespräche über eine Ablösung geführt, die verbliebenen sechs Aufsichtsräte würden vermutlich von sich aus ihr Mandat niederlegen.

Der künftige Vorstand soll nur noch aus zwei Mitgliedern bestehen. Ein Finanzfachmann wird noch gesucht, für das Sportliche wäre Beiersdorfer verantwortlich.

Der derzeitige Sportdirektor Oliver Kreuzer würde vermutlich degradiert werden oder müsste den Verein verlassen. Der glücklose Manager hat bereits angekündigt, bleiben zu wollen. Dass er künftig nicht mehr dem Vorstand angehören würde, wäre für ihn kein Problem, sagt Kreuzer.

WIRD UNTER HSVPLUS ALLES GUT?

Neuer Vorstand und Aufsichtsrat haben sehr viel zu tun. Der HSV wäre auch deshalb fast abgestiegen, weil das Team wenig Qualität aufweist. Einen Leitwolf gibt es nicht, Rafael van der Vaart dürfte nicht wieder zu alter Stärke zurückfinden.

Hakan Calhanoglu wird wohl nach Leverkusen gehen, auch wenn der HSV den Wechsel des 20 Jahre alten Hoffnungsträgers kategorisch ausschließt. Bietet Bayer genug, ist Calhanoglu wahrscheinlich weg.

Geld für neue Spieler hätte der HSV vermutlich, wenn HSVPlus sich durchgesetzt hat. Kühne will dann sehr spendabel sein. Doch Geld alleine wird nicht reichen. Zuletzt hatte der HSV ein teures, aber erfolgloses Team.

Nötig ist ein klares Konzept. Von erfolgreichen alten Tagen zu schwärmen und an die Spitze zurückkehren zu wollen, ist pure Träumerei und keine Strategie. Zu dieser gehört auch eine Neustrukturierung des Nachwuchsbereichs.

Der HSV hat den Unterbau über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte vernachlässigt. Motto: "Wir sind ein großer Klub, holen nur fertige Spieler." Diese Haltung müsste der HSV ablegen und sich eines eingestehen: Wir sind derzeit ein kleiner Klub mit großen Herausforderungen.

WAS PASSIERT, WENN HSVPLUS SCHEITERT?

Dann dürfte der HSV weiter zanken. Eine echte Perspektive hätte der Klub nicht mehr.

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