Jaroslav Drobny (l.) vertrat den verletzten HSV-Stammkeeper Rene Adler. ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder der Relegation © getty

Der HSV bleibt gegen Fürth nur aufgrund eines Auswärtstores erstklassig. Nach der desaströsen Saison sollen Veränderungen folgen.

Aus Fürth berichten Tom Vaagt, Daniela Fuß und Finn Clausen

Fürth - Sie feierten. Tatsächlich.

Ausgelassen, ungehemmt und überschwänglich. Doch das, was sich da auf dem Feld der Fürther Trolli Arena abspielte, war kein Jubel im klassischen Sinn.

Es war mehr Erleichterung. Abgefallener Druck, der seit Wochen auf den Spielern und Verantwortlichen des Hamburger SV lastete. Das alles musste nach der Rettung raus ( 894205 DIASHOW: Das Relegations-Rückspiel ).

Der HSV bleibt erstklassig. Bleibt Dino. Die Uhr in der heimischen Imtech Arena, wo rund 20.000 Fans das 1:1 (1:0) im Relegations-Rückspiel bei der SpVgg Greuther Fürth auf Großbildleinwänden verfolgten, darf weiterticken (BERICHT: Die HSV-Uhr tickt weiter).

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Der Ligaverbleib ist ein Erfolg. Winzig und nur für den Moment. Ob es auch zu neuer Hoffnung reicht, muss sich erst erweisen.

"Druck größer als im WM-Finale"

"Der Druck", sagte Kapitän Rafael van der Vaart: "War viel größer als in einem WM-Finale." Der Niederländer muss es wissen. 2010 stand er mit der Elftal im Endspiel gegen Spanien ? und verlor.

"Heute haben wir gewonnen", meine Mittelfeldspieler Tolgay Arslan. Nach einem 1:1 in Fürth. Das sagt vieles aus. 0:0 war das Hinspiel am vergangenen Donnerstag ausgegangen. Nur das eine geschossene Auswärtstor am Sonntag rettete den HSV.

Arslan sagte auch: "Heute sollten wir alle in die Kirche gehen. Beten ist angebracht." Man wollte ihm nicht widersprechen. Die Hamburger haben die Klasse nicht gehalten. Sie wurde ihnen gelassen. Irgendwie.

Desaströse Saisonbilanz

Der HSV hat die abschließenden sieben Spiele der Saison nicht gewonnen.

Er kassierte in 34 Bundesligaspielen insgesamt 75 Treffer.

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Er schleppte sich mit mickrigen 27 Punkten in die Relegation.

Er lieferte im Hinspiel gegen Fürth eine äußerst schwache Leistung ab.

Er überzeugte auch im zweiten Duell allenfalls in den ersten 60 Minuten.

Und doch darf er in der kommenden Saison in Deutschlands höchster Spielklasse mitmachen.

"Wir hatten in den vergangenen Wochen Glück", sagte Trainer Mirko Slomka.

Westermann warnt vor Wiederholung

Auch Heiko Westermann hatte nach den Freudenstürmen auf dem Platz schnell zur Demut zurückgefunden.

?Ich glaube, dass der HSV noch so eine Saison nicht überstehen wird?, meinte der Innenverteidiger. Schon jetzt war es schließlich knapp genug.

Dabei hatten die Hamburger in Fürth durchaus gut begonnen. Pierre-Michel Lasogga war die erlösende Führung gelungen (11.). Alles schien nach Plan zu laufen. Endlich einmal.

Weitere Chancen folgten, für Tore reichte es nicht. Und so war der HSV am Ende wieder das, was er derzeit ist ? der HSV. Stephan Fürstner glich aus (59.), den Hamburgern ging die Puste aus und alles geriet ins Wanken.

Drobny rettet den Klassenerhalt

"Mir hat alles weh getan", sagte van der Vaart, der eine Viertelstunde vor dem Ende entkräftet den Platz verließ. Slomka hätte wohl am liebsten seine halbe Mannschaft ausgewechselt. Die Beine wurden schwer, die Kraft war weg.

Das Glück blieb und erhielt Unterstützung von Jaroslav Drobny. Der Torhüter, der den am Rücken verletzten Rene Adler schon im Hinspiel glänzend vertreten hatte, hielt Ball um Ball.

So klang die Schlussphase bei SPORT1.fm

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"Er war der Mann der beiden Spiele und hat einen großen Anteil daran, dass der HSV in der ersten Liga bleibt", sagte Westermann.

Hakan Calhanoglu ergänzte: "Drobny war schon immer mein Lieblingstorwart."

Was wird aus Calhanoglu und Lasogga?

Auch der junge Türke hatte in der Schlussphase nichts mehr zuzusetzen. Dennoch war er einer der wenigen Gewinner in dieser verlorenen HSV-Saison ? und wird wohl kaum in Hamburg zu halten sein (SHOP: Jetzt Fanartikel vom Hamburger SV kaufen).

"Dazu äußere ich mich heute nicht", meinte der 20-Jährige: "Nächste Woche ? wenn überhaupt." Sein mit Schulden in Höhe von rund 100 Millionen Euro belasteter Verein wird den Kampf gegen die interessierten Top-Klubs aus ganz Europa kaum gewinnen können.

Der Neuaufbau wird schwierig. Zumal auch der einzig treffsichere Stürmer im Kader wohl künftig keine Raute mehr auf dem Trikot tragen wird.

"Pierre-Michel Lasogga hat einen Vertrag bei Hertha BSC. Sein Verbleib liegt also nicht in unserer Hand", sagte Slomka: "Auch wenn wir alles dafür tun werden."

Tumulte nach dem Abpfiff

Der Verlust ist kaum vermeidbar. Lasogga ist von den Berlinern nur ausgeliehen und hat seinen Marktwert durch starke Leistungen in Hamburg vervielfacht. Und: Geld hat der HSV bekanntlich fast keines.

Es wäre ein herber Schlag. Zumal der Torjäger das Zeug zur Identifikationsfigur hat. Er trifft, ackert, animiert die Fans. Am Sonntag schoss er nach dem Schlusspfiff jedoch über das Ziel hinaus. Provozierende Gesten in Richtung der Fürther Bank sorgten für ein kurzes Handgemenge.

Die Emotionen mussten raus.

25. Mai entscheidet die Zukunft

Was in Hamburg nun wird, ob Lasogga bleibt oder Calhanoglu geht, wird sich nicht unwesentlich am 25. Mai entscheiden. Dann stimmen die HSV-Mitglieder über die Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein ab.

Sollte die erforderliche Dreiviertelmehrheit zusammenkommen, könnte sich vieles ändern. Ämter könnten neu besetzt werden, Investoren investieren.

"Die Ausgliederung der Profiabteilung wäre der nächste Schritt", meinte Slomka: "Wir dürfen nicht blind in die neue Saison gehen. Es muss sich einiges ändern." Der Trainer will "neue Gesichter" für seine Mannschaft.

Mit dem gerade noch vermiedenen Abstieg ist nur das dringlichste Problem gelöst.

Die Liste ist noch lang.

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