Tuchels Fähigkeiten als Trainer sind unbestritten. Nun wird aber über den Menschen debattiert. Es entsteht ein diffuses Bild.

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Von Frank Hellmann und Martin Quast

Mainz - Wer ist ihm wirklich nahe gekommen?

Wer sich auf der Geschäftsstelle, bei Angestellten oder im Umfeld des FSV Mainz 05 umhört, der erntet oft nur Kopfschütteln (BERICHT: Abschied mit Vorgeschichte).

Fünf Jahre lang hat Thomas Tuchel dem selbst ernannten Karnevalsverein, der sich so gerne eine selbstironische Haltung bewahrt, als Cheftrainer in der Bundesliga gedient. Eine Spielzeit (2008/2009) auch noch als Coach der U-19-Junioren.

In dieser langen Zeitspanne entstehen normalerweise nicht nur berufliche Bindungen, sondern auch enge Freundschaften.

Kein Freund der Kumpanei

So wie bei Jürgen Klopp, der irgendwann in diesem familiären Umfeld freundschaftliche Wegbegleiter an seiner Seite hatte; der immer gerne im "Haasekessel" am alten Bruchwegstadion sein Bier trank, um sich mit Fans oder auch Journalisten auszutauschen.

Diese Form der Kumpanei kam für Tuchel nie infrage. Der 40-Jährige mag das nicht. Er wollte das nie.

Und deshalb blieb er ein Mann mit zwei Gesichtern, wovon aber nur das eine für die meisten ausgeleuchtet gewesen ist. Das des Fußballlehrers Thomas Tuchel.

Nicht aber jenes vom Menschen Thomas Tuchel.

Heidel: "Nicht die dicksten Freunde"

Und so gibt es - neben dem Assistenztrainer Arno Michels - eigentlich nur den 30-jährigen Videoanalysten Benjamin Weber, zu dem er im Laufe der Zeit ein tieferes Zutrauen fand.

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Bei allen anderen - vom Teammanager Axel Schuster, dem Pressesprecher Tobias Sparwasser, erst recht der Präsident Harald Strutz und auch Manager Christian Heidel - machte der Fußballlehrer dann die Tür zu, wenn die professionelle Ebene zu weit verlassen wurde.

"Sie werden von mir nie ein böses Wort über Thomas Tuchel hören", sagte Heidel am Sonntag, um dann diese Randbemerkung fallen zu lassen: "Wir sind nicht die dicksten Freunde."

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Nun ist das im Showgeschäft Bundesliga auch nicht zwingend notwendig (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Und weil der Matchplan-Erfinder so überragenden Erfolg in die rheinhessische Nische brachte, nahm ihm auch kaum jemand übel, dass er Berufliches und Privates so strikt trennte.

Tuchel verspielt Sympathien

Seine schon im Januar vorgetragenen Abschiedsgedanken - respektive der Kontakte Schalke 04 und Bayer Leverkusen im Winter - erscheinen allerdings jetzt in einem anderen Licht. (News: Heldt bestätigt Kontakt zu Mainz)

Er habe sich mit seinem Abgang und den Umständen sehr viele Sympathien verscherzt. Er habe vieles von seiner glänzenden Arbeit kaputtgemacht, heißt es im Mainzer Umfeld nun.

Die "Bild" titelte am Montag gar: "Der Heuchler von Mainz."

Streitbare Auffassung von Moral

Warum nahm der gebürtige Krumbacher in seinen oft weit über den Tellerrand reichenden Hintergrunderklärungen so häufig die Begrifflichkeit der Moral in den Mund, um exakt hier angreifbar zu werden?

Denn Tuchel misst mit zweierlei Maß, wenn er über seinen Medienberater Felix Ahns in einer persönlichen Erklärung verlauten lässt, er habe nie mit anderen Klubs final verhandelt, die Offerten aber faktisch abgeklopft hat.

Dann soll er nicht vom "neuen sportlichen Impuls" für sein Team sprechen, sondern klipp und klar herauslassen, was ihm keiner verübeln wird: dass sich der beste Bessermacher der Liga zu höheren Aufgaben, zu größeren Klubs hingezogen fühlt.

[kaltura id="0_2d17b7r5" class="full_size" title="Der Doppelpass diskutiert Tuchels Abgang"]

Ein Leben für den Fußball

Der Familienvater, dessen Töchter Emma und Kim vier und drei Jahre alt sind, hat vor geraumer Zeit mit seiner Frau Sissi extra seinen Wohnsitz aus Wiesbaden verlegt, um sich Fahrtzeit zum Arbeitsplatz in Mainz zu ersparen.

Er konnte einige Zeit auch nachts nicht richtig abschalten, weil ihn entweder die Kinder forderten oder aber der Fußball gedanklich in Fesseln legte.

"80 Prozent meiner Wachzeit verbringe ich mit Fußball" hat er einmal verraten. Phasen, in denen sich Begleiter um seinen Gesundheitszustand gesorgt haben.

Kein guter Verlierer

Er ist vor allem besessen, manchmal aber auch selbstgerecht und anstrengend - vor allem für seine direkte Umgebung, wenn es nicht nach seinen Wünschen läuft.

Denn vielleicht noch mehr als der ehrgeizige Klopp kann Tuchel ganz schlecht verlieren; daraus resultierten auch seine häufigen Attacken auf den Vierten Schiedsrichter.

Er ist ein Getriebener seines eigenen hohen Anspruchs, aber weil er so intelligent wie eloquent ist, hat er immer wieder dazu gelernt.

Und es gelang ihm, sein Verhalten in der Coaching Zone anzupassen.

Mehr Kopf- als Bauchmensch

Tuchel ist mehr Kopf- als Bauchmensch, obwohl er sich gerne auf Einfälle und Eingebungen verlässt.

Wenn er vor die Mannschaft tritt, dann als Überzeugungstäter. Er fördert und fordert, indem er moderne Lehre mit zeitgemäßen Ansprachen verbindet.

Zudem arbeitet er gerne mit Videoanalysen, die bei der jungen Spielergeneration viel bewirken, wenn sie regelmäßig und gezielt zum Einsatz kommen.

Zu seiner Arbeitsweise sagte er einmal: "Ich gebe den Spielern nur das Werkzeug an die Hand. In den Werkzeugkasten greifen und entscheiden, ob sie den Hammer oder die Zange nehmen, das müssen die Spieler selbst."

Abgang mit fadem Beigeschmack

Doch mittlerweile fühlt es sich in der Domstadt so an, als baue da einer die ganze Werkstatt ab, um sie woanders aufzustellen.

Viele fühlen sich alleingelassen, ja auch getäuscht.

Heidel, der frühere Autohändler, ist lange genug im Geschäft, um Tuchel nicht zu diskreditieren.

Vielleicht erzählt der 50 Jahre alte Macher später mal die ganze Wahrheit über diesen mysteriös anmutenden Abgang.

Einen Abgang, der viele Fragezeichen aufwirft.

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