Den FC Augsburg liegt vor dem letzten Spieltag nur einen Punkt hinter dem FSV Mainz 05 © getty

Mainz und Augsburg können in die Europa League einziehen. Doch hinter dem verlockenden Erlebnis Europacup lauern auch Gefahren.

Von Frank Hellmann

München - Für seine bildhafte Sprache ist Thomas Tuchel bekannt.

Und er hat eigentlich immer schon während der Woche einen schönen Vergleich parat, um die Herausforderung am Wochenende zu beschreiben.

So gelte für das letzte Heimspiel des FSV Mainz 05 gegen den Hamburger SV (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm) eben dies:

"Für mich fühlte es sich an wie in Rückspiel im Europapokal. Und das Hinspiel haben wir 3:4 verloren."

Fluch oder Segen

Damit will der Trickpsychologe und Taktiktüftler bewirken, dass seine Mannschaft noch einmal alle Kräfte mobilisiert.

Denn in Wirklichkeit haben die Mainzer das Hinspiel beim HSV Ende Dezember in letzter Minute mit 3:2 gewonnen.

Schon damals zeigte sich im Volkspark, dass den Hanseaten schwere Zeiten bevorstehen würden, während die Rheinhessen auf die Überholspur abbogen.

Nun steht der selbst ernannte Karnevalsverein vor der Krönung: Mit einem Sieg wäre Platz sieben und damit die Europa-League-Qualifikation sicher (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Aber wäre eine erneute Qualifikation für Europa Fluch oder Segen für den FSV? Warnende Beispiele gibt es ja genug.

Keine guten Erinnerungen an Europa

"Wir spielen eine Runde von einem anderen Stern", sagt Tuchel.

Das Publikum hat bei den letzten Heimspielen jeweils eine große Party veranstaltet - Europapokal-Gesänge tönten durch die Arena, Verteidiger Zdenek Pospech stieg auf den Zaun und dirigierte die Fans mit dem Megafon.

Jetzt würde wohl direkt eine Polonäse vom Europakreisel bis zum Dom in Gang gehen.

Denn bisher waren die Mainzer Ausflüge nach Europa nur halbherzig: Im Sommer 2005 setzte der FC Sevilla in der ersten Runde des UEFA-Cups das Stoppschild, 2011 war dann in der Europa-League-Qualifikation gegen den rumänischen Nobody Metan Medias Endstation.

Dreifachbelastung könnte zur Gefahr werden

Würde diesmal die Gruppenphase erreicht, müsste der gesamte Klub sich anders aufstellen.

"Bei der Europa League gilt für uns wegen dem Budget und der Kaderstruktur dasselbe wie für Eintracht Frankfurt und SC Freiburg: Diese Dreifachbelastung ist auch eine Gefahr, die wir nicht ohne weiteres ignorieren können", warnt Tuchel.

Für den 40-Jährigen wäre ein Tanz auf drei Hochzeiten eine "große, große, große Herausforderung", und davor hat der intelligente Bessermacher einigen Respekt: "Der Donnerstag-Sonntag-Rhythmus ist wahnsinnig."

Da weiß eben einer, dass außergewöhnliche Energieleistungen nur dann zustande kommen, wenn Trainerstab und Spielerkader einen gewissen Anlauf für ihre Aufgaben besitzen. Und einen größeren Kader.

Im SPORT1-Tabellenrechner können Sie schon einmal verschiedene Szenarien durchspielen

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FCA: Saisonziel bleibt Platz acht

Vielleicht ist das auch der Grund, warum der FC Augsburg bis zum vorletzten Spieltag immer noch offiziell nur Platz acht als Saisonziel ausgegeben hat.

Sich bloß nicht größer machen als nötig, lautet die Devise an einem Standort, der erst seit 2011 erstklassig ist.

FCA-Trainer Markus Weinzierl wagt sich ungern aus der Deckung, spricht aber von "einer Traumsituation, dass wir am letzten Spieltag noch die Möglichkeit auf den Europapokal haben."

Der 39-Jährige lässt keinen Zweifel, dass die bayrischen Schwaben diese Chance im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt nutzen wollen.

Allein, um sich keine Vorwürfe zu machen, wie Mittelfeldabräumer Daniel Baier erklärt: "Wenn Mainz patzt und wir unsere Hausaufgaben nicht machen, dann müssten wir uns vielleicht etwas vorwerfen." Einerseits.

Andererseits sind alle Trainingspläne auf eine Sommervorbereitung ausgerichtet, in der keine Europa-League-Qualifikationsspiele Ende Juli vorgemerkt sind.

Reuter will für Stabilität sorgen

Denn für Manager Stefan Reuter wäre das ein Entwicklungsschritt, der im Grunde zu früh käme.

Für den Weltmeister von 1990, der kürzlich seinen Kontrakt bis 2018 ausweitere, ist etwas anderes wichtig: "Es ist ein sehr großer Reiz, den FC Augsburg richtig stabil zu machen."

Der 47-Jährige profiliert sich lieber als Meister des Understatements.

Noch am 20. April sagte Reuter im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1: "Die Europa League ist zu weit weg. Es macht keinen Sinn, von Europa zu sprechen, aber unsere Mannschaft hat eine grandiose Saison gespielt."

Klassenerhalt steht an erster Stelle

Augsburg müsse sich auch in der nächsten Serie wieder mit dem Abstiegskampf auseinandersetzen, schließlich verlässt mit Andre Hahn der beste Torschütze und Vorbereiter den Klub.

"Wir wollen natürlich ein stabiler Erstligist werden und weiter für Furore sorgen. Aber unser Saisonziel wird definitiv wieder lauten, drei Mannschaften hinter uns zu lassen. Jedes Jahr länger in der ersten Liga macht uns stabiler."

Und der Europapokal? "Durch Sprüche gewinnt man keine Spiele", sagt Reuter: "Es ist nicht sinnvoll für einen Verein wie unseren, nach außen offensiv mit dem Ziel Europa League umzugehen. Das ist nicht realistisch."

Am Samstag vielleicht schon.

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