Pep Guardiola bestritt 47 Länderspiele für Spanien © getty

Die Diskussionen um Guardiola stellen den FC Bayern vor eine Zerreißprobe. SPORT1-Experte Thomas Strunz analysiert die Probleme.

Von Martin Hoffmann und Martin Volkmar

München - Man kann die Sache beruhigter betrachten, jetzt, eine Woche nach der Niederlage.

Es war doch nur ein einziger Misserfolg für den FC Bayern. Im Halbfinale der Champions League. Gegen ein Weltklasse-Team, das in diesem Jahr einfach noch ein bisschen mehr weltklasse war.

Kein Grund, auf einmal vieles falsch zu finden, wo eben noch alles richtig war. Kein Grund, auf einmal alles in Frage zu stellen.

Vielleicht sollte der FC Bayern es so gelassen sehen. Doch sieben Tage nach dem 0:4 gegen Real Madrid dreht sich weiter alles um die Frage: Wie viel Pep kann und will der FC Bayern sein? (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Zu sehr rätselt dieser Verein noch immer, wie es zur europäischen Vorführung kommen konnte. Und welche Konsequenzen er nun daraus zu ziehen hat.

"Beim Spiel gegen Real Madrid hat Guardiola zum ersten Mal taktisch völlig daneben gelegen", sagt SPORT1-Experte Thomas Strunz: "Wenn man das Pokalfinale eine Woche vorher gegen Barcelona gesehen hat, hätte man eigentlich wissen müssen, dass Carlo Ancelotti diese Taktik wählen wird."

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Stimmungstief an der Säbener Straße

Als "Stimmung wie nach einem Lizenzentzug", als "schwerste Depression" beschreibt ein Kundiger das, was die Demütigung gegen den Rekordmeisterkollegen aus Spanien ausgelöst habe in München.

Die Selbstsicherheit, die den FC Bayern ausgemacht hat in dieser Schnellste-Meisterschaft-aller-Zeiten-Saison, hat sich durch die Begegnung mit Real in ihr Gegenteil verkehrt.

Selbstunsicherheit ist nun das beherrschende Gefühl. Nicht nur wegen der Niederlage an sich, sondern auch wegen der Art und Weise, wie ihr Trainer damit umgegangen ist.

Guardiola verteidigt Spielidee

Pep Guardiola hat viele im Klub erschrocken mit den Gedanken, die er nach dem 0:4 geäußert hat.

Auf der einen Seite verteidigte er mit Vehemenz seine Spielidee des über allem stehenden Ballbesitzes. Zum anderen warf er öffentlich die Frage auf, ob diese Idee "mit diesen Spielern das beste Rezept ist".

Die Addition beider Aussagen kann nur bedeuten, dass Guardiola einen Teil seiner Spieler durch besser zu seiner Idee passenden ersetzt sehen will.

Guardiola bricht mit Praxis

Es wäre ein Bruch mit der bisherigen Guardiola-Praxis, beim FC Bayern das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

Auf der einen Seite steht seine beim FC Barcelona gelernte, verinnerlichte und erfolgreich angewandte Spielphilosophie.

Auf der anderen Seite das Mia-san-Mia-Prinzip der Bayern, die traditionell eher auf Individualisten setzt - und darauf, ihre sehr unterschiedlich gelagerten Fertigkeiten pragmatisch unter einen Hut zu bringen.

Klub-Legende Franz Beckenbauer sieht keinen Konflikt. "Wir können sehr, sehr froh sein, Pep Guardiola als Nachfolger von Jupp Heynckes zu haben. Einen Besseren kannst du nicht haben", sagte Beckenbauer im Interview mit SPORT1.

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"Man hat sich für Guardiola entschieden, da musste jedem klar sein, was für einen Stil er spielen will", sagt auch Thomas Strunz.

"Er war in Barcelona damit sehr erfolgreich", erklärt der SPORT1-Experte weiter: "Das war allerdings auch der Verein, in dem er groß geworden ist. Die tragenden Spieler wie Xavi und Iniesta sind dort ebenfalls groß geworden. Wenn ich so etwas auf einen anderen Verein übertragen will, kann es natürlich zu Problemen kommen."

Wer wird Opfer der Guardiola-Wende?

Nach dem Königsklassen-Aus hat Guardiola sehr deutlich gemacht, dass er einen faulen Kompromiss geschlossen hat, bei dem Versuch, beiden Ideen gerecht zu werden - beziehungsweise, dass das seine Auslegung des Problems ist.

Eine Botschaft, die den Spielern in den Ohren klingt, die sich als Teil dieses Kompromisses sehen müssen, die eindeutig mehr für den Bayern- als für den Pep-Fußball stehen.

Mario Mandzukic, Thomas Müller, Javi Martinez - selbst Bastian Schweinsteiger und Franck Ribery werden als potenzielle Opfer einer Guardiola-Wende genannt.

Strunz: "Richtige Prüfung"

Allein das Signal, dass dem Trainer seine Idee im Zweifel wichtiger ist als seine Spieler, ist brisant.

Zumal ohnehin von Kritikern geraunt wird, dass der Katalane es weniger gut verstehe, persönliche Wertschätzung zu vermitteln als Jupp Heynckes - und seine Rotationen deshalb mehr Unsicherheit ausgelöst hätten als die des Vorgängers.

Guardiola habe "die fußballerisch und menschlich absolut intakte Truppe zerfleddert", kritisiert der "kicker".

"Jetzt hat er eine richtige Prüfung vor sich, er muss die Mannschaft hinter sich versammeln", sagt Strunz: "Das ist das wichtigste für einen Trainer, dass die Mannschaft glaubt, dass der Weg des Trainers der richtige ist."

Droht eine Zerreißprobe?

Die große Frage ist nun, wie weit Guardiola seinen neu entdeckten Taktikfundamentalismus treibt - und ob er seinen Klub eine Richtungsentscheidung für oder gegen seine Idee zwingt.

Es wäre eine Zerreißprobe für beide Seiten. Für die Klubführung, die nach dem Rücktritt von Uli Hoeneß ohnehin schwierige, weil ungewohnte Zeiten erlebt.

Und auch für den Trainer, der nicht gewohnt ist, einen Klub zu trainieren, dessen Ideen nicht bedingungslos mit seinen auf einer Linie sind.

Guardiola angeblich kompromissbereit

Droht also ein Knall wie einst mit Louis van Gaal, dem letzten Bayern-Trainer, der seine Ideen wichtiger nahm als die seines Klubs?

Nein, sagt einer, der beide kennt: So stur sei Guardiola nicht. Und laut "Süddeutscher Zeitung" hat Guardiola seine Wunschvorstellung auch schon abgemildert.

Er habe intern ausdrücklich signalisiert, dass er zwar gern eine Mannschaft bedingungslos nach seinen Wünschen zusammenstellen und trainieren würde - dass er sich ansonsten anpassen würde an die Spieler, die ihm zu Verfügung stehen.

Strunz fordert Unterstützung für Pep

Stimmt das, ist die Gefahr eines Zerwürfnisses zwischen Trainer und Verein gebannt.

Womöglich aber ist der Kompromiss, den Guardiola im Zweifel schließen muss, für ihn weiterhin ein fauler.

"Es ist von ganz entscheidender Bedeutung, dass Guardiola der Rücken gestärkt wird", lautet das Fazit des früheren Bayern-Spielers Strunz: "Wenn das nicht dauerhaft in den nächsten Tagen und Wochen passiert, werden diese Diskussionen nicht aufhören."

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