Christian Seifert mit Nachrichtenchef Ivo Hrstic (l.) und Online-Chef Martin Volkmar (r.) © SPORT1

SPORT1 spricht mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Bundesliga, die WM 2014 und die Sicherheitsdebatte.

Von Martin Volkmar und Ivo Hrstic

Frankfurt/Main - SPORT1 zieht kurz vor der Winterpause die große Bundesliga-Bilanz.

Und das mit niemand Geringerem als DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. SPORT1-Nachrichtenchef Ivo Hrstic und Online-Chef Martin Volkmar haben Seifert exklusiv in der DFL-Zentrale in Frankfurt getroffen und mit ihm über den beeindruckenden Bundesliga-Boom, aber auch um die große gesellschaftliche und soziale Bedeutung des Fußballs gesprochen.

Zudem äußert sich der 44-Jährige zur Debatte um die Schiedsrichterleistungen, zur Sicherheitsfrage in deutschen Stadien und begründet, warum für ihn die Saison noch sehr spannend wird (Das Interview in Bundesliga aktuell ab 18.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

SPORT1: Christian Seifert, ein ereignisreiches Jahr liegt hinter dem deutschen Fußball. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Christian Seifert: 2013 war für die Bundesliga tatsächlich ein sehr besonderes Jahr. Es war die 50. Saison und die Bundesliga darf sehr stolz sein, was sie erreicht hat: Sportlich, wirtschaftlich und was ihre gesellschaftliche Bedeutung angeht. Und das sportliche Highlight war sicherlich das Champion-League-Finale zwischen Bayern und Dortmund, bei dem England so freundlich war, den Gastgeber zu spielen.

SPORT1: Haben Sie danach wirtschaftlich und vom Image her einen Boom bemerkt?

Seifert: Das war deutlich zu spüren, nicht nur für uns, sondern auch für die beiden Klubs. Das ist nun mal der bedeutendste Fußball-Wettbewerb der Welt. Daher ist es kein Zufall, dass plötzlich Spieler aus der Bundesliga zur Wahl von Europas Fußballer des Jahres oder des FIFA Weltfußballers zur Auswahl stehen. Die waren vorher auch schon gut, aber erst das Champions League Finale hat sie global so in den Fokus gerückt.

SPORT1: Kritiker befürchten Langeweile nach der Hinrunde, weil der FC Bayern schon mit einem Spiel weniger als Herbstmeister in die Winterpause geht. Könnte das dem Produkt Bundesliga ein bisschen schaden?

Seifert: Nein. Diese Vorstellung geht nämlich von der falschen Annahme aus, dass die Bundesliga nur wegen der Meisterfrage funktioniert. Das ist aber nicht so. In der Bundesliga geht es letztlich um sechs Entscheidungen. Eine davon ist die Frage, wer wird Meister. Die anderen sind: wer kommt in die Champions League, wer spielt die Champions-League-Playoffs, wer kommt in die Europa League, wer geht in die Relegation und wer muss absteigen.

Nach der vermeintlich langweiligsten Saison in der 50-jährigen Geschichte der Bundesliga startete das Eröffnungsspiel Gladbach gegen Bayern mit über acht Millionen TV-Zuschauern, dem höchsten Wert aller Zeiten. Insofern kann nicht davon die Rede sein, dass die Bundesliga für die Zuschauer langweilig wird.

SPORT1:Glauben Sie, dass es im Kampf um Platz eins nochmal spannend werden kann?

Seifert: Das wird man sehen. Die Bayern sind zurzeit vielleicht die beste Mannschaft der Welt und haben auch letztes Jahr eine überragende Saison gespielt. Die Bayern würden in der Form in der Primera Division genauso dominieren wie sie in der Premier League dominieren würden. Aber es kann noch spannend werden an der Spitze.

Ich glaube, das ist immer noch ein Abstand, der kann aufgeholt werden. Aber ich schaue nicht nur auf die Spitze. Für mich ist eine Mannschaft wie Augsburg die absolute Überraschungsmannschaft der Vorrunde. Gladbach spielt eine sehr, sehr gute Rolle.. Ich glaube nicht, dass man das verengen sollte auf die Frage, wer Deutscher Meister wird.

SPORT1:Wie sehr freut Sie, dass zum ersten Mal auch vier deutsche Mannschaften die Runde der letzten 16 erreicht haben?

Seifert: Ich freue mich natürlich sehr, dass vier deutsche Mannschaften mit vier englischen Mannschaften sozusagen die stärkste Nation bilden. Ich sehe auf der anderen Seite aber auch eine konsequente Entwicklung der Bundesliga. Wir haben in der vorletzten Saison nach über zehn Jahren wieder den dritten Platz in der UEFA-Fünf-Jahreswertung zurückerobert. Nach diesen Plätzen werden die Champions-League-Startplätze vergeben und das war für uns elementar wichtig.

Weshalb ich auch nicht so auf den Abstand zu England und Spanien blicke, sondern eher auf den zu Italien, also sprich dem Abstand zum vierten Platz. Der ist aus meiner Sicht wichtiger als der zum zweiten. Gleichwohl kann ich mit Kategorien wie "die beste Liga der Welt", ja oder nein, relativ wenig anfangen.

Ich denke, als eine der Top-3 Ligen in Europa mit dem zweithöchsten Umsatz aller europäischen Ligen nach der englischen Premier League muss es ehrlich gesagt unser Anspruch sein, dass mindestens drei Mannschaften die Vorrunde überstehen und dass man hinterher mindestens eine Mannschaft im Halbfinale sieht. Und es ist schön, dass wir bisher auf einem guten Weg dahin sind.

SPORT1:Ottmar Hitzfeld bezeichnete die Bundesliga zuletzt als stärkste der Welt. Freut Sie ein solches Lob?

Seifert: Wenn Experten wie Ottmar Hitzfeld die Bundesliga so stark einschätzen, dann ist das eine Ehre, denn er kennt sich wirklich aus. Objektiv lügt ja die Tabelle nicht. Die einzige Tabelle, an der man tatsächlich die Stärke einer Liga ablesen kann, ist die Fünfjahreswertung der UEFA. Die Tatsache, dass dort die Bundesliga Schritt für Schritt nach oben gewandert ist, um nach über zehn Jahren wieder den dritten Platz in dieser Rangliste zu erobern, ist schon eine ganz tolle Sache.

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SPORT1:Inwieweit wäre der Gewinn der Klub-WM durch den FC Bayern förderlich für diese Reputation?

Seifert: Diese Klub-WM ist in Deutschland nicht sehr hoch angesehen, auch deshalb, weil die Champions League der stärkste Klub-Wettbewerb der Welt ist. In anderen Ländern wird dieser Wettbewerb deutlich höher eingeschätzt. Für den FC Bayern wäre der Titel ein toller Erfolg, das würde ein hervorragendes Jahr noch einmal krönen. Und es wäre ein weiter Beleg dafür, dass die dann beste Mannschaft der Welt in der Bundesliga spielt.

SPORT1:Was hat Ihnen rückblickend weniger gefallen im Jahre 2013?

Seifert: Ein sicherlich bedauerlicher Vorfall war die Lizenzverweigerung für den MSV Duisburg. Nach sehr, sehr vielen Jahren wurde wieder eine Lizenz verweigert. Das war für den Verein, für die handelnden Personen, für die Fans vor Ort natürlich sehr, sehr schlimm. Für uns aber, ehrlich gesagt, auch. Denn wenn sie sich in so vielen Sitzungen so eng gegenübersitzen und merken, wie dort gekämpft, aber auch gelitten wird, dann geht einem das schon sehr nahe.

SPORT1:Vor gut einem Jahr wurde das Positionspapier ?1212? über das Verhältnis zu den Fans beschlossen. Zuletzt gab es wieder vermehrt Ausschreitungen. Wie bewerten Sie die Kritiken, dass es ein Gewaltproblem in der Liga gibt?

Seifert: Ein Gewaltproblem gab es 2012 nicht und auch 2013 nicht. Es würden nicht im Schnitt 43.000 Menschen in die deutschen Stadien kommen, wenn es dort ein Gewaltproblem gäbe. Gleichwohl muss man festhalten, dass es immer wieder zu Vorfällen kommt, die in einem Rechtsstaat nicht tolerabel sind.

Die Bundesliga hat das Konzept, alle Altersgruppen und alle soziale Schichten als Gast in die Stadien zu bekommen. Dieses Konzept heißt aber implizit auch, dass wir auch alle Probleme einer Gesellschaft in den Stadien haben. Ich denke, die Klubs und einige Fangruppierungen haben da eine Menge gelernt. Vor allem sollten alle gelernt haben, dass das, was jetzt innerhalb einiger Spiele zu beobachten war, weder etwas mit Fan- noch mit Fußballkultur zu tun.

SPORT1:Aktuell hat Arminia Bielefeld einen Ausschluss von Dynamo Dresden wegen der anhaltenden Ausschreitungen der Dynamo-Fans ins Gespräch gebracht. Wie realistisch ist ein solcher Schritt aus Ihrer Sicht?

Seifert: Was die Statuten angeht, ist das theoretisch möglich. Es wurde aber zu keinem Zeitpunkt darüber nachgedacht, das wirklich ernsthaft zu betreiben. Klar ist aber auch, dass von Seiten des Klubs man schon das eine oder andere hinterfragen muss, ob das, was man bisher getan hat tatsächlich reicht.

SPORT1:Die Schiedsrichter standen zuletzt vermehr in der Kritik. Wie bewerten Sie die Situation der Schiedsrichter?

Seifert: Die Arbeit eines Schiedsrichters ist sehr, sehr anspruchsvoll. Das Spiel ist schneller, athletischer geworden und der Schiedsrichter muss innerhalb von Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, die man deutlich anders bewerten kann, wenn man zu Hause auf dem Sofa sitzt.

Auf der anderen Seite haben die Schiedsrichter der Bundesliga den Anspruch, zu den besten der Welt zu gehören. Es wird letztlich darum gehen, das hohe Niveau, das wir im internationalen Vergleich sicherlich haben, nicht nur zu halten, sondern auch weiter zu verbessern.

SPORT1:Am Wochenende gab es erneut zwei umstrittene Szenen, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht. Führt das vielleicht dazu, dass Sie vielleicht früher die Torlinientechnologie einführen?

Seifert: Da geht es gar nicht um die Diskussion, ob man die früher einführt oder nicht. Andreas Rettig liegt da meines Erachtens voll im Zeitplan und erarbeitet die Themen so, wie man sie auch bearbeiten muss ? nämlich sehr umfassend, sehr sorgfältig. Der finanzielle Aufwand ist nicht unerheblich. Das fällt vielleicht einem Bundesligisten leichter, sich dafür zu entscheiden, als einem Zweitligisten.

SPORT1: Ist es denkbar, dass die Torlinientechnik zur neuen Saison schon kommen könnte?

Seifert: Entscheidend ist sicherlich die Frage, für welches System man sich entscheidet. Es gibt Systeme, die eher ballorientiert sind und es gibt andere Systeme, die eher kamerabasiert sind. Wir haben den Anspruch, dass die Klubs noch im Laufe dieser Saison entscheiden werden oder entscheiden können.

SPORT1: Zum Highlight im kommenden Jahr: Gehen Sie auch mit dem Wunsch nach Brasilien, dort wieder den Weltmeistertitel zu holen?

Ich glaube, das wünschen sich tatsächlich alle, dass wir den Titel wieder holen. Das Problem könnte sein, dass da noch ein paar andere hinfahren, die den Wunsch haben.

Aber für eine Fußballnation Deutschland, für den Aufwand, den wir betreiben, um tatsächlich eine Nationalmannschaft in dieser Qualität stellen zu können, muss man zumindest mal den Anspruch haben, Weltmeister werden zu wollen. Ab einem gewissen Zeitpunkt gehört da auch eine Menge Glück dazu. Der Anspruch sollte sicherlich sein, soweit wie möglich zu kommen. Und da ist sicher das Halbfinale ein Ziel.

SPORT1: Fast noch mehr Schlagzeilen in den letzten Monaten machte die WM-Vergabe an Katar. Reinhard Rauball hat beim DFB-Bundestag sehr deutliche Worte gewählt, hat von sklavenähnliche Zuständen auf den Baustellen gesprochen. Teilen Sie diese Meinung?

Seifert: Ich glaube, es ist richtig, dass wir da eine klare Position einnehmen. Ob diese klare Position etwas ändert, sei mal dahingestellt. Aber im Grundsatz gilt schon, dass man im Fußball nicht mehr sagen kann, wir spielen da unser Turnier, in der Zeit retten wir den Weltfrieden und was vorher war, nachher war und währenddessen außerhalb der Stadien passiert, interessiert uns eigentlich nicht. Ich denke, das geht nicht mehr heutzutage.

Es mag ja zynisch klingen, aber die WM-Vergabe nach Katar hat ja zumindest mal dafür gesorgt, dass die Arbeitsumstände auf Baustellen überhaupt thematisiert werden. Die waren vorher nämlich nicht anders.

SPORT1: Haben Sie möglicherweise ein bisschen Sorge, dass dieses negative Image auf den Fußball allgemein und auf die Bundesliga abfärben könnte?

Seifert: Ich glaube, das ist etwas womit wir uns als Sport generell beschäftigen müssen. Dass wir uns nicht mehr nur zurücklehnen können und sagen: "Läuft doch alles". Die größten Fehler werden nun mal im Erfolg gemacht.

Ich glaube schon, dass fragwürdige Entscheidungen im Rahmen beispielsweise von großen Sportereignissen, dass möglichweise auch fragwürdige Grundhaltungen, beispielsweise zu Doping oder Wettmanipulation, schon dazu führen können, dass Sport generell einige Kratzer bekommt. Wenn es zu viele Kratzer gibt, dann kann das auch schon mal nachhaltig leiden.

Und ich glaube, man kann an einigen Sportarten oder Sportveranstaltungen erkennen, denken Sie an die Tour de France, wie sehr eine vielleicht zu zögernde Haltung eines Weltverbandes dazu führen kann, dass ein Wettbewerb, der an sich ein großartiger ist, mit einer großen Tradition nachhaltig beschädigt ist. Tradition an sich ist halt nun mal kein Selbstzweck. Alt wird man irgendwie von alleine.

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