Hellmut Krug pfiff von 1986 bis 2003 in der Bundesliga
Hellmut Krug leitete zwischen 1986 und 2003 240 Bundesliga-Partien © getty

Die Torlinien-Technik wird wohl kommen. Bei Abseits-Entscheidungen seien solche Hilfen keine Lösung, sagt Ex-Referee Krug.

Von Marcel Guboff

München - Die Torlinien-Technologie war erst der Anfang.

Nach den krassen Abseits-Fehlentscheidungen wie zuletzt in der Partie Hannover gegen Nürnberg wird der Ruf nach weiteren Hilfsmittel laut.

Für DFL-Schiedsrichter-Berater Hellmut Krug könne selbst die Technik nicht jede unklare Abseits-Situation aufklären, sagt er im SPORT1-Interview. Derartige Fehlentscheidungen seien "in der Summe sehr, sehr gering".

Die Unparteiischen härter in die Mangel zu nehmen, sei auch keine Lösung. Der sechs- statt viertägige Lehrgang im Winter auf Mallorca sei daher keine Straf-Expedition resultierend aus den jüngsten Patzern. "Der Termin steht seit Sommer fest", sagt Krug. Es gehe schlichtweg darum, mehr Zeit zur Aufarbeitung und Vorbereitung zu haben.

SPORT1: Bei der Klub-WM kommt derzeit die Torlinien-Technik zum Einsatz und scheint sich zu bewähren. Warum gibt es sie noch nicht in Deutschland?

Hellmut Krug: Die Technik muss unter Wettbewerbsbedingungen getestet werden. Und genau das findet derzeit statt.

SPORT1: Auch neu für den deutschen Zuschauer war, dass der Schiedsrichter bei jedem Freistoß eine Spraydose aus der Tasche zog und so den Abstand zum Freistoß-Schützen markierte. Eine sinnvolle Maßnahme?

Krug: Wir haben im Schiedsrichter-Bereich andere Herausforderungen, als einen Mauer-Abstand per Linie zu kennzeichnen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Mauer-Abstand in der Bundesliga jemals zu größeren Problemen geführt hätte.

SPORT1: Diese besagten Probleme sind derzeit zum Beispiel die der gravierenden Abseits-Fehlentscheidungen wie zuletzt am Wochenende beim Gespann um Thorsten Kinhöfer in der Partie zwischen Hannover und Nürnberg (Stürmer Diouf stand beim Treffer zum 2:3 klar im Abseits, Hannover schaffte noch ein 3:3, Anm. d. Red.). Muss da gehandelt werden?

Krug: Nein. Solch ein Aufsehen erregender Fehler führt heutzutage in der Öffentlichkeit ja sofort dazu, alles in Frage zu stellen. Das ist verkehrt. Wir haben jedes Wochenende etliche knappe Abseits-Entscheidungen, die nachweislich richtig sind. Die Fehlerquote indes ist sehr gering - weniger als zehn Prozent. Bei den falschen Urteilen handelt es sich in der Regel um Zentimeter-Entscheidungen. Die Problematik der Beurteilung von Abseits-Situationen können Sie allein schon an folgendem Fakt sehen: Am vergangenen Spieltag gab es drei Entscheidungen, die von den TV-Anstalten per eingezogener Linie unterschiedlich mit falsch und richtig bewertet wurden. Zudem sollte sich jeder klar darüber sein, dass da Menschen an der Linie stehen, die nach ihrem Eindruck entscheiden. Einen Schiedsrichter-Assistenten, der über ein eingebautes Standbild und eine Abseitslinie in der Pupille verfügt, haben wir nicht.

SPORT1: Könnte Technik nicht auch da helfen?

Krug: Nein. Bei solch knappen Entscheidungen funktionieren auch technische Hilfsmittel nicht. Es ist nicht einmal klar, ob das TV-Bild immer im richtigen Augenblick angehalten wird. Außerdem müsste die Kameraposition immer auf Höhe des letzten Abwehrspielers stehen, um punktgenaue Aussagen zuzulassen.

SPORT1: Am Wochenende kam es aber eben zu einer klaren Fehlentscheidung. Wie kann denn so etwas passieren, da ist es ja mehr als eine Fußspitze?

Krug: Natürlich ist diese Fehlentscheidung ausgesprochen ärgerlich und schwer nachvollziehbar für den Fußball-Fan. Solch eine Entscheidung ist ein Fehler, der passieren kann. Vergleichbare Fehler gibt es im Alltag auch. Sie fahren mit Ihrem Pkw aus seiner Seitenstraße, schauen links, schauen rechts. Es kommt kein Auto. Sie fahren raus, und es knallt. Und Sie wissen nicht, warum. Das ist einfach ein Blackout. Man darf nicht vergessen, dass auf dem Platz alles rasend schnell zugeht. Die TV-Bilder vermitteln häufig eine Zeitdimension, die nicht realistisch ist. Selbst in der besprochenen Szene handelt es sich um eine Situation, die in Sekundenbruchteilen abläuft und beurteilt werden muss.

SPORT1: Spieler haben durchaus auch mal einen schlechten Tag. Wenn Referees Fehler machen, kann es einem Klub durchaus auch mal Punkte kosten. Den Ärger können Sie nachvollziehen?

Krug: Natürlich. Aber wir dürfen auch nicht vergessen ? und das soll keine Entschuldigung für die Schiedsrichter sein: Es gibt an jedem Wochenende Spieler, die den Ball über das leere Tor schießen. Das sind auch spielentscheidende Fehler, die werden nur anders thematisiert. Jedem, der an einem Spiel ist, können Fehler unterlaufen.

SPORT1: Spieler und Referees werden also unterschiedlich beobachtet?

Krug: Die Einordnung findet nicht auf einer Ebene statt. Dem Schiedsrichter wird kein Fehler zugestanden, den Spielern schon. Dabei hat der Unparteiische einen viel höheren Druck, weil er keinen Fehler wiedergutmachen kann. Ein Spieler kann das. Allein der Umgang der Schiedsrichter mit ihren Fehlern ist schon schwer genug. Es kann sich kaum jemand vorstellen, wie viele schlaflose Nächte ein Referee oder ein Assistent, dem ein Fehler unterlaufen ist, verbringt.

SPORT1: Wie wird so etwas denn intern behandelt?

Krug: Wir sind im ständigen Dialog mit unseren Schiedsrichtern. Die Fehler werden sachlich aufgearbeitet. Dabei schauen wir, wie es dazu gekommen ist und wie sich so etwas vermeiden lässt. Fehler macht ja niemand extra.

SPORT1: Ein Abmahnsystem wäre demnach auch keine sinnvolle Maßnahme?

Krug: Sinnvolle Maßnahmen sind, mit den Aktiven konstruktiv zu arbeiten. Fehler sind ärgerlich, aber unvermeidlich. Fatal ist es nur, wenn sich gleiche Fehler wiederholen. Wir müssen dazu beitragen, den Schiedsrichter wieder aufzubauen- Die Aktiven, die im Profibereich tätig sind, haben sich über Jahre hinaus qualifiziert. Da wäre es ein Unding, einen Schiedsrichter oder Assistenten nach einem gravierenden Fehler gleich auszusortieren.

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