Tim Wiese wechselte 2012 von Werder Bremen zu 1899 Hoffenheim
Tim Wiese machte sein letztes Bundesliga-Spiel am 26. Januar © getty

Hoffenheim fängt auch mit Grahl und Casteels fleißig Gegentore. Wiese sitzt weiter auf der Tribüne - und gibt sich einen Maulkorb.

Von Frank Hellmann

Sinsheim - Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Oder zumindest für die vereinseigene Homepage strahlt.

Auch bei der TSG 1899 Hoffenheim gibt es einen elektronischen Adventskalender, bei dem der Fan nach und nach mehr oder minder aufregende Botschaften oder Kaufempfehlungen seiner Spieler erhält.

An diesem Mittwoch, den 18. Dezember, öffnet sich auf der Homepage tatsächlich hinter einer roten Kugel ein Profi, der eine blaue Mütze auf dem Kopf trägt. Dahinter verbirgt sich Jens Grahl. Die aktuelle Nummer eins.

Und er empfiehlt, doch bitteschön im Fanshop ein "geiles Trikot" zu erwerben, um gleichzeitig Autogrammkarten und Poster abzustauben. Das mag ja den einen oder anderen Anhänger glücklich machen, der Torwart selbst hat aktuell eher andere Wünsche.

Möglichst eine fehlerfreie Partie am Samstag bei Eintracht Braunschweig (ab 15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) möchte Grahl spielen, um nicht wieder im Fokus der Kritik zu stehen.

Grahl komplett verunsichert

Beim 2:2 gegen Borussia Dortmund (Bericht) patzte der 25-Jährige in seinem erst zweiten Bundesligaspiel nicht nur beim ersten Gegentor schwer, sondern wirkte komplett verunsichert.

"Fehler passieren, aber es muss weitergehen. Wenn man den Kopf nach unten tut, hilft es nicht", sagte der Torhüter anschließend, der in Stuttgart geboren und beim VfB ausgebildet wurde, ehe er über SpVgg Greuther Fürth vor vier Jahren nach Hoffenheim kam.

Intern hieß es lange, Grahl sei der ideale Ersatztorwart. Leistungsbereit im Training, teamorientiert im Alltag ? aber als dauerhafte Nummer eins eigentlich nicht gut genug.

Umso überraschender, dass Trainer Markus Gisdol nach diversen Patzern von Koen Casteels reagierte und den 21-Jährigen nach dem vogelwilden 4:4 gegen Werder Bremen auf die Bank beorderte.

Handschuhe ins Publikum geworfen

Grahl lieferte im Pokal auf Schalke (3:1) und beim Liga-Debüt in Frankfurt (2:1) ordentliche Leistungen ab, doch sein wirrer Auftritt gegen Dortmund schürte Zweifel an der Erstliga-Tauglichkeit. Grahl warf seine Handschuhe ins Publikum, um sie "loszuwerden", wie er sagte.

Gisdol mag nach dem Fehlgriff nicht den Stab brechen. "Der Fehler hat ihn beschäftigt, aber ich will das gar nicht weiter thematisieren. Jetzt wird trainiert und weiter geht es."

Doch klar scheint, dass zur Rückrunde die Karten wieder neu gemischt werden ? Hoffenheim hat neben Bremen die meisten Gegentore (37) hingenommen. ( 820738 DIASHOW: Die Bilder des 16. Spieltags )

Babbels Urteil zu Casteels

Gisdols Vorgänger Markus Babbel hält Casteels im Grunde für den besseren Torwart mit deutlich mehr Veranlagung. "Koen Casteels bringt sehr viel Talent mit, ist aber sehr introvertiert", sagte Babbel am Sonntag im Volkswagen-Doppelpass auf SPORT1 über den belgischen Ballfänger.

Pikanterie der Geschichte: Hoffenheim verlängerte unlängst die Verträge beider Torhüter. Mit Grahl bis 2016, mit Casteels gleich bis 2017.

Und überdies besitzt die nächsten zweieinhalb Jahre auch noch ein ehemaliger Nationaltorwart ein fürstlich dotiertes Arbeitspapier: Tim Wiese, den Babbel einst sogar zum Kapitän machte. Der derzeit am besten bezahlte Tribünenhocker der Branche.

Wiese schweigt beharrlich

Dafür kann er selbst nichts: Wiese ist aussortiert, ausgemustert und zeitweise in die "Trainingsgruppe zwei" abgeschoben worden und kennt die genauen Gründe eigentlich bis heute nicht; außer, dass der Familienvater sein altes Bremer Leitungsvermögen anfänglich in neuer Umgebung nicht erreichte.

Wiese, der am Dienstag seinen 32. Geburtstag feierte, bleibt ungeachtet der Patzer seiner Vertreter weiter außen vor. Und zur aktuellen Gemengelage mag er sich auch nicht äußern. "Tim ist gut beraten, derzeit nichts zu sagen", erklärt sein Berater Roger Wittmann im Gespräch mit SPORT1.

Ob es in der Winterpause einen Wechsel gebe, sei nicht vorherzusehen.

Hoffenheimer will Akte Wiese schließen

Hoffenheims Verantwortliche wollen die Akte Wiese endlich schließen und den seit Monaten ausgemusterten Torhüte, der im Februar 2012 noch für die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich auflief, in der anstehenden Transferperiode abgeben.

"Es wird weiter nach Lösungen gesucht. Und wir alle hoffen, dass es auch eine baldige Lösung gibt", sagte Gisdol am Donnerstag.

Wer in Braunschweig im Tor stehen wird, ist noch offen. Grahl, der gegen Dortmund einen Haarriss im Jochbein erlitt, muss derzeit mit einer Maske trainieren. `Wenn er einsatzfähig ist, wird er spielen", sagte Gisdol.

Aussortierter voll im Saft

Von seinem Leistungsvermögen ist der Tormann, der mächtig Muskelmasse zugelegt hat, übrigens weiter überzeugt. "Höchstens zwei bis drei Spiele würde ich benötigen, um wieder der Alte zu sein. Wer täglich trainiert und sich so reinhängt, der muss fit sein", sagte Wiese Ende November in einem Interview mit dem "Kicker".

Doch den Ernstfall wird es für ihn in Hoffenheim kaum mehr geben. Eher taucht sein Konterfei aus Versehen hinter einem Türchen im elektronischen Adventskalender auf.

Wenn Wiese schon nicht mehr zur Weihnachtsfeier eingeladen wurde, wäre das doch eine nette Bescherung. Humor ist ja, wenn man trotzdem lacht.

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