Thomas Schaaf wurde 2004 mit Werder Bremen Deutscher Meister © getty

Der Ex-Werder-Trainer soll angeblich Keller als Schalke-Coach ablösen. Noch dementieren die Schalker.

Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

Gelsenkirchen - Schalke ist anders. Schalke ist Tradition. Schalke sind extreme Emotionen. Und deshalb ist Schalke auch automatisch Verpflichtung.

Nirgendwo anders ist die Sehnsucht nach Titeln und Erfolgen so groß wie in Gelsenkirchen. Und damit auch der Druck, der dadurch erzeugt wird.

Behutsame Aufbauarbeit? Nicht auf Schalke. Fingerspitzengefühl? Fehlanzeige. Geduld? Meist ein Fremdwort.

Selbst Jahrhundert-Trainer Huub Stevens musste vor einem Jahr trotz des Überwinterns in der Champions League seinen Hut nehmen. Jens Keller trat das schwere Erbe des Publikumslieblings an.

Nun scheinen die Schalker nach nur einem Jahr mal wieder die Geduld verloren zu haben. Angeblich steht Thomas Schaaf bereit, um Keller in der Winterpause an der Seitenlinie abzulösen (Bericht).

Ein routinierter Haudegen für den jungen, aber unerfahrenen Keller. Es wäre der x-te Kurswechsel auf der Trainerbank. Ist Schaaf überhaupt der richtige Mann für die extremen Schalker Stimmungsschwankungen? (Mehr zum Thema ab 18.30 Uhr bei Bundesliga Aktuell LIVE im TV auf SPORT1)

Ein einsamer Ritter

Keller steht praktisch seit seinem Amtsantritt zumeist wie ein einsamer Ritter im Sturm der Entrüstung, wenn es mal wieder nicht läuft.

Und es lief oft nicht so, wie es die Verantwortlichen gerne gehabt hätten. Dann kann es auch mal vorkommen, dass sich Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies telefonisch meldet und mehr Laufarbeit einfordert.

Auf Schalke ist schnell Sonnenschein, aber genauso schnell ist auch Weltuntergang.

Keller mit ausbaufähiger Krisen-PR

Keller kam damit nur selten zurecht und verströmte für viele Beobachter zumeist eine negative Aura, die sich in schlechten Zeiten potenzierte. Zwar eine ehrliche Haut, die sich nicht verbiegen lässt, aber Keller hat eben selten ein Lächeln auf den Lippen. Seine persönliche Krisen-PR? Ausbaufähig.

Keine 40 Kilometer entfernt, ausgerechnet beim Revierrivalen aus Dortmund, tanzt Irrwisch Jürgen Klopp an der Seitenlinie und versprüht diese ihm offenbar angeborene Siegermentalität.

Einen Erfolgs-Entertainer a la Klopp bekäme Schalke aber auch mit Thomas Schaaf nicht. Im Gegenteil: Charakterlich könnte Schaaf ein naher Verwandter von Keller sein.

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Dreimal Pokalsieger, einmal Meister

Dafür bekäme Schalke aber einen Coach, der Erfolge vorzuweisen hat. Der bewiesen hat, dass er mit Stars umgehen kann. Und der, ganz wichtig, die Dinge auch offen anspricht.

Schaaf würde kaum tatenlos zusehen, wie offen über seine Zukunft spekuliert wird, während er daneben steht. Schaaf würde es auch kaum zulassen, dass die Verantwortlichen über die Medien seine Arbeit kritisieren.

Die Art von Ausstrahlung, die das Schalker Selbstverständnis automatisch einfordert, hat aber auch Schaaf nicht.

Die beiden SPORT1-Experten Thomas Berthold und Mario Basler hatten deshalb jüngst erklärt, Schaaf sei für Schalke nicht die beste Lösung.

Mit Werder holte er als Trainer dreimal den DFB-Pokal, 2004 sogar das Double. Auch international setzte er mit den Hanseaten Ausrufezeichen, erreichte in der Europa League 2007 das Halbfinale und stand 2009 im Endspiel.

Glückliches Händchen

Mit den Erfolgen der Vergangenheit kommt in der Regel ein erster Amtsbonus. Also eine Rückendeckung, die Keller nur selten hatte.

Der 43-Jährige wurde stets kritisch beäugt, seine Entscheidungen stets hinterfragt. Der eher spröde Keller konnte die Fans und die Öffentlichkeit nie hinter sich bringen.

Schaaf ist zwar auch für seine Eigensinnigkeit bekannt, dafür bewies er zu Bremer Zeiten in Zusammenarbeit mit dem damaligen Manager Klaus Allofs oft ein glückliches Händchen, was Zugänge anging.

Was medialer Druck bewirken kann, bekam Schaaf aber zum Ende seiner Dienstzeit nach fast 15 Jahren als Trainer bei Werder Bremen zu spüren.

Durchs Dorf getrieben

"Wenn jemand ein schlechtes Gewissen haben muss, dann ist es eher die Presse, die Werder Bremen und Thomas Schaaf mindestens in den letzten zwölf Wochen durchs Dorf getrieben hat", sagte Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer damals.

Auch sein Co-Trainer Matthias Hönerbach hatte den Umgang mit Schaaf, immerhin seit 1972 im Verein, angeprangert. Die Kritik an Werders schlechter Saison habe sich "zu 95 Prozent" nur gegen Schaaf gerichtet.

"Da sind Dinge abgelaufen, die kann man nicht akzeptieren. Wenn man bedenkt, wie in den letzten Monaten mit Thomas umgesprungen worden ist, das hält keine Seele lange aus", sagte Hönerbach.

Dünnhäutig und mürrisch

In der Tat war Schaaf in den letzten Wochen seiner Amtszeit anzumerken, wie sehr ihn die Kritik, auch an seinen Personalentscheidungen, getroffen hatte.

Als der Gegenwind bei den Hanseaten größer wurde, wirkte Schaaf dünnhäutig und mürrischer als sonst. Die Souveränität, die ihn in schweren Zeiten ausgezeichnet hatte, war ihm abhanden gekommen.

Auf Schalke wird er diese Souveränität dringend benötigen.

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