Der FC Bayern fegt durch Bremen schlimmer als Sturm Xaver. Die Verantwortlichen wollen trotzdem keine kritische Aufarbeitung.

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Von Frank Hellmann

Bremen - Eigentlich hätte es im Weserstadion doch ein gutes Beispiel gegeben, wie sich ein ganzer Verein mit vereinten Kräften einer Sturmflut entgegenstellt.

Weil in der Nacht zu Freitag eine gewaltige Flutwelle die Weser flussaufwärts rollte und der neben dem Stadion gelegene Deich zu bersten drohte, hatten beim SV Werder alle mit angepackt:

Mittels einer Menschenkette war kistenweise Material ? Akten aus den Büros, Artikel aus dem Fanshop und sogar die Schreibtische aus dem Presseraum ? in höhere Etagen gebracht worden.

Letztlich hielt dann ja auch der Sommerdeich.

Doch anderthalb Tage später wirkten Bremen Berufsfußballer hilflos gegen jene Sturmflut, die stattdessen im Weserstadion über sie hereinbrach.

Heftiger als Xaver

Wie ein Orkan fegte der FC Bayern am Samstagnachmittag über seinen einstigen Widersacher hinweg. Von einer "Demontage" sprach Manager Thomas Eichin nach dem 0:7-Debakel. Von einem "Klassenunterschied" Trainer Robin Dutt. ( 817460 Bilder des Spiels )

Die von Pep Guardiola befehligten Top-Top-Top-Bayern hatten helle Freude, sich den Gegner zurechtzulegen und zu zerteilen - so beschrieb jedenfalls Clemens Fritz das unschöne Erlebnis an seinem 33. Geburtstag.

"Das war das frustrierendste Spiel, für alle, die lange bei Werder sind. Das darf auch gegen so eine brillante Mannschaft nicht passieren", sagte der Werder-Kapitän: "Wir haben schön auf die Fresse gekriegt."

"Schön auf die Fresse"

Nur einmal hat der SV Werder - hinter dem FC Bayern immerhin Zweiter der ewigen Bundesliga-Tabelle - daheim ähnlich hoch verloren: Am 21. März 1987 gab es gegen Borussia Mönchengladbach in der Rehhagel-Ära ein 1:7. Ein 0:7 aber noch nie. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Es war ein Scheiß-Tag. Wir müssen jetzt in Berlin eine Reaktion zeigen", forderte Fritz später.

Stichwort Berlin: Noch auf dem Rasen hatte Dutt seine Versager zusammengeholt und eine Ansprach gehalten. Deren Botschaft hielt der Werder-Coach nicht geheim. "Ich habe der Mannschaft gesagt, dass wir uns ganz schnell auf das Spiel am Freitag bei Hertha fokussieren müssen. Wir müssen die Ohren auf Durchzug schalten, auch wenn wir unglaublich viel einstecken, uns beleidigen und kritisieren lassen müssen."

Dutt verteidigt Spieler

Doch ist es wirklich bei den hilflosen Hanseaten ratsam, das Totalversagen - speziell in der zweiten Halbzeit - einfach eilig abzuhaken anstatt analytisch aufzuarbeiten? Dutt betonte in seiner eigenwilligen Erklärung mehrfach, er könne seinen Spielern "vom Willen nichts vorwerfen".

Und: "Ich bleibe dabei, dass jeder die richtige Einstellung hatte." Doch ist es richtig, wenn der Ex-Bremer Claudio Pizarro erst mit Sprechchören von den Zuschauern gefeiert wird, dann aber die aktuellen Bremer Spalier stehen, wenn Pizarro im Strafraum unbehelligt einen Hackentrick anbringt, David Alaba vorlegt und Franck Ribery ungehindert zum zweiten Male vollstreckt?

Und nicht nur das sechste Tor erzielten die Bayern beinahe widerstandslos.

Werder leidet auf Twitter

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Keine kritische Aufarbeitung

Genauso erstaunlich: Das Publikum sparte sich die Pfiffe. Vielleicht auch deshalb verspürten Dutt und Eichin keinen Drang zur kritischen Aufarbeitung in der Öffentlichkeit.

"Wir hatten überhaupt keine Mittel, um ansatzweise Gegenwehr zu leisten. Wir waren in jedem Bereich komplett unterlegen. Aber jetzt heißt es, Mund abwischen und nach vorne schauen." Eichin verstieg sich wegen der bayrischen Übermacht zur These: "Das war kein normales Bundesligaspiel."

Trainer und Manager sollten indes aufpassen, nicht als Schönredner durchzugehen; sie blenden aus, dass Vereine wie Eintracht Braunschweig mit deutlich mehr Leidenschaft gegen die Münchner akzeptable Niederlagen hinnahmen.

Der Trend mit 14 Gegentoren in drei Spielen ist alarmierend. Und nach der Hertha-Partie geht es noch daheim gegen Bayer Leverkusen. Viel Ertrag winkt da für die Grün-Weißen auch nicht, die ein farbloses Ensemble beschäftigen, in dem wie schon in früheren Schaaf-Zeiten die Balance zwischen Offensive und Defensive überhaupt nicht mehr passt.

Jagd nach Bayern-Trikots

Der neue Torwart Raphael Wolf konnte nach dem Eigentor von Assani Lukimya (21.) für die weiteren Gegentreffer durch Daniel van Buyten (27.), Ribery (38./82.), Mario Mandzukic (60.), Thomas Müller (68.) und Mario Götze (90.) am allerwenigsten. Und doch trägt der 25-Jährige nach seinen zwei Bundesligaspielen die Hypothek von elf Einschlägen mit sich herum.

Seine Vorderleute versorgten sich lieber mit Andenken von den Bayern-Stars. Eljero Elia, der niederländische Flügelflitzer, kümmerte sich nach Abpfiff sofort um das Trikot des möglichen Weltfußballers Ribery.

Wenigstens das klappte - und trockenen Fußes kam er auch heim.

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