Schalkes Manager verweigert seinem Trainer ein öffentliches Vertrauensbekenntnis und vertröstet ihn auf die Winterpause.

[kaltura id="0_fmk0wddb" class="full_size" title=""]

Von Pierre Winkler und Christoph Lother

München - Jens Keller gerät bei Schalke 04 immer mehr unter Druck.

Am Donnerstag setzte Sportdirektor Horst Heldt eine Frist: Im Winter soll eine Entscheidung über die Zukunft des Trainers fallen.

"Wir beide wissen, wie die Situation ist, das ist ganz klar. Nichtsdestotrotz werden wir alles daran setzen, erfolgreich zu sein und dann werden wir gucken, wie die Situation am Ende nach Nürnberg ist", sagte Heldt auf einer Pressekonferenz.

Soll heißen: Bis zur Winterpause und zum abschließenden Hinrundenspiel beim 1. FC Nürnberg am 21. Dezember hat Schalkes Trainer seinen Job noch sicher. Was dann passiert, ist aber völlig offen.

Als Heldt sprach, saß Keller auf dem Podium nur wenige Zentimeter von seinem Manager entfernt. Man war sich nah. Allerdings nur räumlich.

In anderen Bereichen wirken Heldts Ausführungen wie ein Abrücken vom Trainer (Mehr zum Thema in Bundesliga Aktuell ab 18.30 Uhr im TV auf SPORT1).

Drahtseilakt für Keller

Die Stimmung bei den Königsblauen ist nach dem blamablen 1:3 gegen Hoffenheim im Achtelfinale des DFB-Pokals (Bericht) angespannt. Die Lunte des Pulverfasses kann nur durch eines gelöscht werden: Siege.

Bei Borussia Mönchengladbach am kommenden Samstag (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER und auf SPORT1.fm) im direkten Duell um Tabellenplatz vier.

Und vier Tage später gegen den FC Basel im "Endspiel" um den Einzug ins Achtelfinale der Champions League.

Sollten beiden Spiele verloren gehen, könnte die von Heldt angekündigte Entscheidung schon vor dem Nünberg-Spiel fallen: Entlassung.

Gewinnt S04 allerdings in Gladbach und gegen Basel wäre Keller plötzlich wieder unkündbar. Es ist ein Drahtseilakt.

Ex-Torhüter rät: "Bei der Mama ausheulen"

Der ehemalige Schalker Torhüter Frank Rost wirft bei SPORT1 noch einen zusätzlichen Schwung Holzscheite ins Feuer: "Sie haben sehr gute Spieler, aber die sind sehr empfindlich, was Kritik angeht. Von daher verstehe ich auch das ganze Palaver von den Spielern und vom Trainer nicht, so dünnhäutig zu sein."

Erst einmal in Fahrt, geht Rost sogar noch weiter.

"Wenn ich einen Vertrag bei Schalke 04 unterschreibe, verdiene ich sehr gutes Geld und sollte zumindest so ein dickes Fell haben, dass gewisse Dinge an mir äußerlich abprallen. Danach kann ich mich zu Hause bei der Mama ausheulen oder bei der Frau oder bei was weiß ich wem. Aber da muss man auch mal Stärke zeigen", polterte der 40-Jährige.

Höwedes nur noch genervt

Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes ist von der Gesamtsituation offenbar nur noch genervt.

"Es geht mir tierisch auf den Sack, mich ständig erklären zu müssen. Ich habe keine Lust, hier irgendwelche Dinge aus dem Hut zu zaubern und Phrasen in den Ring zu werfen", schimpfte der Nationalspieler nach der Niederlage gegen Hoffenheim.

Man könne "davon ausgehen, dass so ein Spiel nicht einfach so an uns vorbeigeht", versicherte der Nationalspieler.

Thon: "Keller ist ein Steher"

Auch Klub-Ikone Olaf Thon glaubt weiter an eine Wende zum Guten.

"Immer wenn es brenzlig wurde, hat Schalke den besten Fußball gespielt", sagte der Weltmeister von 1990 bei SPORT1.fm und wählte auch unterstützende Worte für Trainer Keller: "Er zeigt Nehmerqualitäten, er ist ein richtiger Steher."

Nach der Pleite gegen Hoffenheim hatte Keller seinen Kritikern allerdings wieder Wasser auf die Mühlen gegeben.

Er habe keine Erklärung für die schwache Leistung seiner Mannschaft, gestand der 43-Jährige. In seiner Situation fast schon eine Bankrotterklärung.

Von Beginn an unter Druck

Einfach hat es Keller in seiner rund einjährigen Amtszeit auf Schalke noch nie gehabt.

Schon nach seinem ersten Spiel auf der S04-Bank stand er nach Meinung vieler Experten bereits wieder vor dem Aus.

Damals verloren die Königsblauen ebenfalls im Achtelfinale des Pokals - mit 1:2 gegen Mainz.

Seitdem erarbeitete sich Keller mit wichtigen Siegen immer wieder so etwas wie ein Bleibe-Recht auf Schalke, wirklich gefestigt hat er seine Position aber nie.

Keller schon mehrfach am Abgrund

Vor der aktuellen Saison war Keller bei diversen Wettanbietern der "Favorit" für die erste Trainerentlassung.

Nur wenige Wochen später folgte für ihn das nächste "Endspiel": In der Champions-League-Qualifikation setzte sich Schalke nur mit großer Mühe gegen PAOK Saloniki durch.

Obwohl Keller mit einem Schnitt von 1,74 Punkten pro Bundesliga-Spiel nur hauchdünn hinter Huub Stevens in dessen zweiter Schalker Amtszeit (1,75) liegt, steht er nahezu durchgehend in der Kritik.

Neururer missfällt Außendarstellung

Dass aber die Verantwortlichen, in diesem Fall Heldt, dem Trainer nicht die entsprechende Rückendeckung geben, missfällt auch Schalkes Ex-Trainer und aktuelle SPORT1-Experte Peter Neururer.

"Heldts Formulierung mit Abrechnung nach dem Nürnberg-Spiel finde ich unglücklich, denn mit Spielen wie gegen Basel stehen noch wichtige Spiele bevor", erklärte der 58-Jährige.

Doch die Probleme lassen sich nicht wegdiskutieren, darüber ist sich auch Neururer im Klaren. "Die Gespräche soll es geben, aber sie müssen intern stattfinden", legte sich der Coach des VfL Bochum fest.

Rost nimmt Spieler in die Pflicht

Ex-Torhüter Rost sieht aber in erster Linie die Mannschaft in der Verantwortung.

"Ralf Fährmann hat sich wieder dazu hinreißen lassen, etwas zu sagen", kommentierte er die Entschuldigung des Torhüters bei den Fans nach dem Hoffenheim-Spiel:

"Aber das bringt doch nichts, was die da sagen mit den Fans. Die pfeifen und hauen auf die Mannschaft drauf. Die wollen sehen, dass du durch die Vordertür reingehst und auch wieder rauskommst. Das werden sie respektieren."

Ob durch die Vorder- oder Hintertür: Keller will Schalke nicht verlassen. Siege müssen her.

Weiterlesen