Ein Tor, das keines war, versetzt die Liga in Aufruhr. Neben dem Drängen auf ein Wiederholungsspiel gibt es eine zweite Forderung.

[kaltura id="0_zmyu0zgn" class="full_size" title="Helmer im Interview zum Phantom Tor"]

Von Tom Vaagt

München - Der Hauptdarsteller gab sich noch in der Nacht nach dem Aufreger des Spieltags kleinlaut.

"Ich kann die Reaktionen von vielen von Euch hundertprozentig verstehen und bin selbst ganz aufgewühlt", schrieb Stefan Kießling bei Facebook und bat um Verständnis: "Im Spiel habe ich nach meinem Kopfball und dem Drehen des Kopfes nicht genau gesehen, ob der Ball korrekt ins Tor gegangen ist oder nicht. Irgendwie lag der Ball im Tor."

Der 117. Treffer in der Bundesliga-Karriere des Stürmers war gar keiner. Das 2:0 beim 2:1 (1:0) von Bayer Leverkusen bei 1899 war ein Phantomtor. Ein klassisches. Klar, der Ball lag irgendwann im Netz. Aber: Er hatte sich durch die Hintertür hinein gemogelt.

Bei der Kontrolle der Tore vor dem Spiel war dem Schiedsrichtergespann um Dr. Felix Brych ein Loch im Netz, nun ja, irgendwie durchgerutscht.

Bayer jubelte. Hoffenheim moserte - und will Protest einlegen.

Rosen: "Skandalös"

"Das war ganz klar kein Tor. Skandalös", lautete das Urteil von Alexander Rosen. Hoffenheims Leiter Profifußball ließ keinen Zweifel daran, dass die Sache ein Nachspiel haben werde. Auch Trainer Markus Gisdol war aufgebracht. (794646Bilder des Spiels)

"Ich denke, dieses Spiel werden wir noch einmal sehen", sagte der Coach: "Alles andere wäre ein Witz. Wir können ja nicht ein Spiel von Bayern München wiederholen und von Hoffenheim nicht."

Der von Gisdol angesprochene Fall liegt mittlerweile 19 Jahre zurück. In der Partie zwischen dem FC Bayern und dem 1. FC Nürnberg erzielte Thomas Helmer die Mutter aller Phantomtore. In der 26. Minute hatte er den Ball am Kasten vorbeigestochert.

Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers entschied dann auf Tor. Die Bayern gewannen 2:1, die Nürnberger protestierten, der DFB setzte ein Wiederholungsspiel an - und umging damit auch sein eigenes Credo der unverrückbaren Tatsachenentscheidung. Der FIFA soll dies damals gar nicht gefallen haben.

Ob Helmers "Tor" somit als Präzedenzfall dienen wird, ist offen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Fall für DFB-Sportgericht

Für den Samstagnachmittag kündigte der DFB eine Stellungnahme zum aktuellen Fall an.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur "SID" will sich das Sportgericht des Verbandes zu Beginn der kommenden Woche bei einer mündlichen Verhandlung mit dem Skandal von Hoffenheim beschäftigen.

Dieser Termin unter dem Vorsitz von Hans E. Lorenz würde nur ausfallen, wenn sich die beiden involvierten Vereine vorher über das weitere Vorgehen einig würden. Dies ist allerdings kaum zu erwarten.

Auch wenn sich Rosen und Bayer-Sportdirektor Rudi Völler bereits zehn Minuten vor dem Spielende im Kabinengang über die skurrile Szene in der 70. Minute ausgetauscht hatten und der Leverkusener sogar Verständnis für den angekündigten 1899-Protest äußerte: "Für Bayer ist das natürlich auch unangenehm, dass so ein Tor gegeben wurde. Wir können nichts dafür, Stefan Kießling kann auch nichts dafür."

Das Phantomtor bei SPORT1.fm:

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Helmer schützt Kießling

Auch Helmer nahm den Stürmer aus der Schusslinie.

"Es geht um Sekunden, und du weißt als Schütze selbst nicht so genau, ob er drin war. Kießling wird auch überlegt haben: Was mache ich jetzt, was ist passiert. Und diese Sekunden entscheiden darüber, bist du jetzt der liebe Junge oder der böse Bube", sagte der SPORT1-Experte und kam zu dem Schluss:

"Das Spiel muss wiederholt werden, keine Frage."

Schließlich sei der Vorfall "nicht nur der Fehler des Spielers, sondern auch der Fehler des Schiedsrichters. Es ist keine schöne Geschichte, ich bin sehr gespannt, was jetzt passiert." Auch Ex-Weltschiedsrichter Markus Merk sprach sich für eine Neuansetzung der Partie aus. (Stimmen)

Brych im Kreuzfeuer

Referee Brych konnte derweil zunächst einmal froh sein, den Freitagabend unversehrt überstanden zu haben.

Die Stadionregie in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena hatte die Szene unmittelbar nach dem Abpfiff noch einmal auf der Videowand gezeigt - und damit die angespannte Atmosphäre noch einmal angeheizt. Der Stadionsprecher brüllte in sein Mikrofon: "Der Ball war nicht im Tor."

Brych wurde von den Rängen daraufhin übel beschimpft. 1899-Stürmer Kevin Volland platzte der Kragen und wollte auf den Schiedsrichter losstürmen. Seine Teamkollegen hielten ihn mit Mühe zurück.

Brych wäre aber auch ohne diese Schmähungen nicht wohl in seiner Haut gewesen. Der Fehler nagte an ihm.

"Keine tolle Situation"

Auch bei der wöchentlichen Telefonkonferenz zwischen den Schiedsrichter-Verantwortlichen und -Experten von DFB und DFL gab es am Samstagmorgen schließlich nur ein Thema: Das Phantomtor.

"Es hat mir keiner gesagt, dass der Ball nicht im Tor war", sprach der 38-Jährige in die TV-Kameras: "Ich hatte leichte Zweifel, aber die Reaktionen der Spieler waren eindeutig, es gab kein Contra."

Es sei keine "tolle Situation, ein Tor zu geben, das keins war", befand der Olympia-Schiedsrichter, der einer der möglichen Referees bei der WM 2014 in Brasilien ist.

Torlinien-Technik die Lösung?

Bei der Endrunde in Südamerika hätte Brych ein Hilfsmittel, das ihm auch am Freitag jede Menge Ärger erspart hätte: GoalControl.

Die Torlinien-Technik eines deutschen Herstellers kommt bei der WM zum Einsatz und zeigt eindeutig an: Tor oder kein Tor.

"Unser Torliniensystem überwacht die Torlinie vollständig zwischen beiden Pfosten und der Latte. Nur wenn der Ball durch diesen virtuellen Vorhang von vorne - also nicht durch ein Außennetz von der Seite - ins Tor kommt, wird dem Schiedsrichter dies klar als Treffer an seine Spezialuhr gesendet und dort angezeigt", sagte GoalContral-Geschäftsführer Dirk Broichhausen am Samstag.

Auch Vereine für GoalControl

Auch bei den Vereinen würde der Einsatz des technischen Hilfsmittels viele Befürworter finden.

"Es geht ja nur um Tor oder nicht Tor. Das dauert keine zwei Stunden, sondern zwei oder drei Sekunden. Das Fußballgeschäft ist mittlerweile so groß, da muss man doch für 3,50 Euro das System in das Tor hängen können. Wir sind doch nicht mehr im fünften Jahrhundert", sagte Gisdol.

Sein Leverkusener Kollege Sami Hyypiä sieht es ähnlich: "Die Schiedsrichter-Arbeit ist nicht einfach. Alles was hilft, wäre gut für den Sport."

Die DFL will das System hierzulande aber frühestens im Sommer 2015 zum Einsatz bringen.

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