SPORT1-Kolumnist Thomas Berthold wundert sich darüber, wie bei Schalke und dem HSV Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.

Hallo Fußball-Freunde,

Die Ambitionen, mit denen Schalke in die Saison gegangen ist, waren groß. Was bis jetzt rausgekommen ist, ist ernüchternd.

Sieben Gegentore in zwei Spielen, und das nicht gerade gegen die Creme de la Creme der Liga: Das zeigt, dass es im Defensivverhalten Baustellen gibt.

Dazu darf eine Mannschaft auch nicht so auseinanderbrechen wie beim 0:4 gegen Wolfsburg. Nicht mit den Ansprüchen, die dieser Klub hat - wobei diese Ansprüche so eine Sache sind.

Wenn ich höre, dass Jermaine Jones von der Meisterschaft spricht, da stelle ich mir schon die Frage, wo da der Realitätssinn ist.

Nicht falsch verstehen: Es ist richtig, sich Ziele zu setzen, und Träumen ist erlaubt, aber man muss doch erkennen können, wie weit Bayern und Dortmund gerade weg sind. Es ist kein gutes Zeichen, wenn man beim Thema Selbsteinschätzung so scheitert.

Man kann jetzt darauf verweisen, dass bisher nur zwei Spiele gespielt sind, aber ich sehe es auch so, dass schon fünf Punkte auf Bayer Leverkusen als Champions-League-Konkurrent verloren sind.

Und jetzt kommen auch noch frühe englische Wochen und die ganze Reiserei drumherum, das wird Schalke Energie kosten, das ist nicht zu unterschätzen.

Als erstes steht schon am Mittwoch das Playoff-Spiel gegen Saloniki mit Schalkes Jahrhunderttrainer Huub Stevens an - witzig, wie der Fußball da wieder so seine Geschichten schreibt. Wenn das Spiel in die Hose geht, bin ich mal gespannt.

Ich finde zwar, dass es zu früh für eine neue Debatte um Jens Keller ist, aber die nächsten vier, fünf Spiele werden wegweisend.

Sehr schweren Zeiten blickt der HSV entgegen, der ja eigentlich auch große Pläne hat, Stichwort: Europa League.

Der ist schon letztes Jahr teilweise desolat aufgetreten und hatte ein verheerendes Torverhältnis.

Und was hat man dagegen gemacht in der Abwehr? Man holt einen Lasse Sobiech, der letztes Jahr mit Greuther Fürth abgestiegen ist, einen Johan Djourou, der bei Arsenal kaum gespielt hat.

Wie soll das von der Qualität her funktionieren? Der liebe Gott kann nicht die Hand drauflegen, dass da auf einmal alles läuft.

Der Verein wird gerade auch für seine Vergangenheit bestraft. Der HSV hat früher Geld ausgegeben, das er nicht hatte und hat immer noch eine negative finanzielle Bilanz.

Unter den Umständen den Spagat zu schaffen, den Klub wirtschaftlich zu sanieren und nebenher sportlich erfolgreich zu sein, ist unheimlich schwierig.

Bis zum nächsten Mal,Euer Thomas Berthold

Thomas Berthold nahm als Spieler an drei Weltmeisterschaften teil und krönte seine Karriere mit dem WM-Titel 1990 in Italien. In der Bundesliga war er für Eintracht Frankfurt, den FC Bayern München und den VfB Stuttgart aktiv. Zudem lief er in der Serie A für Hellas Verona und AS Rom auf. Der ehemalige Manager von Fortuna Düsseldorf schreibt wöchentlich als Kolumnist für SPORT1.

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