Thorsten Fink löste im Oktober 2011 Michael Oenning als HSV-Trainer ab © getty

Dem Trainer platzt nach dem Debakel gegen Hoffenheim der Kragen. Der Kapitän flüchtet in die Kabine, der Torhüter sich in Ironie.

Von Rainer Nachtwey

München/Hamburg - Rafael van der Vaart lief Richtung Außenlinie, die Kapitänsbinde warf er verächtlich einfach hinter sich, klatschte Einwechselspieler Petr Jiracek noch flüchtig ab.

Dann führte ihn sein Weg schnurstracks in die Umkleidekabine.

Sechs Minuten plus Nachspielzeit waren noch zu spielen, doch beim Stand von 1:5 und der demütigenden Auswechslung flüchtete der Regisseur des einst so stolzen Hamburger SV vor den Pfiffen des verbliebenen Publikums (Bericht).

Adler: "Eine Katastrophe"

Seine Mitspieler mussten die letzten Minuten des Debakels gegen 1899 Hoffenheim noch über sich ergehen lassen.

"Das war eine absolute Katastrophe. Wenn man 5:1 zu Hause verliert, fehlen mir die Worte", sagte Keeper Rene Adler stellvertretend für die gesamte Mannschaft und zeigte Verständnis für die Pfiffe von den Rängen: "Die Fans tut mir leid. Sie müssen für diese Scheiße auch noch Geld bezahlen."

Flucht statt Unterstützung

Dabei sollte in dieser Saison doch alles besser werden beim HSV.

Vor der Partie stimmten sich die Spieler noch gemeinsam mit den Anhängern auf die Partie ein, doch bereits nach 75 Minuten hatten viele Fans genug. In Scharen verließen sie nach dem 1:4 durch Doppeltorschütze Anthony Modeste das Stadion.

Das 1:5 durch den überragenden Roberto Firmino bekamen sie schon gar nicht mehr mit.

"Jeder macht, was er will"

Statt Aufbruchsstimmung wie nach dem 3:3 zum Saisonstart bei Schalke 04 herrscht in der Hansestadt wieder Katastrophenalarm.

Bereits nach dem zweiten Spieltag sieht sich Trainer Thorsten Fink mit dem Rücken zur Wand. "Die Mannschaft lässt mich seit eindreiviertel Jahren nicht einmal zwei bis drei Spieltage durchatmen", brüllte der Coach nach der Pleite durch den Presseraum.

Und Heiko Westermann pflichtete Fink bei: "Wir haben Vorgaben, die wir 60 Minuten durchhalten und dann macht jeder, was er will."

Dilettantisches Abwehrverhalten

Vor allem das Defensivverhalten seiner Mannschaft brachte den Coach auf die Palme. "Das war sehr, sehr, sehr schlecht. Das war ein Lehrbeispiel, wie man es nicht macht."

Bei allen fünf Hoffenheimer Toren durch Firmino (6., 78.), Kevin Volland (50.) und Modeste (67., 74.) lud das Abwehrverhalten seiner Mannschaft die Gegner zum Toreschießen ein ( 762187 DIASHOW: Bilder des 2. Spieltags ).

Beim 0:1 übersprang der zehn Zentimeter kleinere Firmino den schlecht positionierten Westermann, beim 0:2 ließ sich Dennis Diekmeier erst von Vorbereiter Firmino, anschließend von Torschütze Volland übertölpeln, beim 1:3 "klärte" Lasse Sobiech eine Flanke genau in den Fuß von Firmino.

Vor dem perfekt zu Ende gespielten Konter zum 1:4 verlor Tolgay Arslan den Ball in der Vorwärtsbewegung, ehe beim 1:5 der komplette Hamburger Abwehrverbund Hoffenheims Verteidiger Jannik Vestergaard zusah, wie dieser Firmino den Ball vorlegte und der Brasilianer abschloss.

Wäre das Spiel nicht nach 90 Minuten vorbei gewesen, hätte es wohl noch weitere Beispiele gegeben.

"Da kann man nicht die Abwehr allein in die Pflicht nehmen, wenn fünf Hoffenheimer auf uns zustürmen", verteidigte Keeper Adler seine direkten Vorderleute (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Probleme in der Innenverteidigung

Dennoch: Die Problemstellen der vergangenen Spielzeiten bleiben dem HSV auch in der Saison 2013/14 treu.

Und die liegen im Defensivbereich.

Seit Jahren sucht Hamburg in der Innenverteidigung nach Stabilität, gleiches gilt für die Sechser-Position. Bei acht Gegentoren aus zwei Spielen ist klar: Die Pärchen Westermann/Sobiech und Arslan/Milan Badelj sind nicht die Ideallösung.

Keine Neuverpflichtungen

Trotz alledem denken die Verantwortlichen nicht an Neuverpflichtungen.

Auf die Frage, ob der HSV denn nun nachrüsten muss oder ob dies eine Kann-Situation sei, antwortete Fink sehr defensiv. "Man kann nachrüsten, wenn man das Geld dazu hat", meinte der Coach. Die Hamburger haben es nicht.

Sportdirektor Kreuzer schob folgerichtig jedweden Gedankenspielen einen Riegel vor, wollte von Transfers nichts wissen. "Diese Mannschaft hat das Vertrauen. Man hat gesehen, was sie leisten kann - letzte Woche. Da muss man den Hebel ansetzen", sagte der Manager.

Barca-System gescheitert

Zudem dürften auch die ambitionierten Barcelona-Vergleiche ad acta gelegt sein.

Finks System ohne echte Sturmspitze kann man nach dem enttäuschenden Auftritt gegen Hoffenheim, bei dem nur ein glückliches Elfmetertor heraussprang, als gescheitert betrachten.

"Ich bin unzufrieden, aber ich werde nicht aufgeben", sagte Fink und blickte bereits auf die kommenden Tage.

Was dort auf die Hamburger zukommt, weiß Adler. "Das wird eine amüsante Woche", sagte er mit viel Ironie.

Anders ist die Katastrophenstimmung beim HSV wohl nicht zu ertragen.

Weiterlesen