Vier Anbieter buhlen um die Gunst der Fußball-Ligen. Die Liga mauert noch. SPORT1 klärt die wichtigsten Fragen.

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Von Florian Pertsch

München - Tor oder nicht Tor, das ist hier die Frage.

Um diesen Fixpunkt dreht sich der Fußball und das nicht erst seit dem vermaledeiten Wembley-Tor 1966. Liegt ein Schiedsrichter bei seiner Einschätzung falsch, wird er ganz schnell zum "Tor" degradiert.

Auch am ersten Spieltag der 51. Bundesligasaison gab es gleich wieder einen Aufreger.

Thorsten Kinhöfer gab einen Treffer des Hoffenheimers Kevin Volland gegen den 1. FC Nürnberg nicht und wurde später durch die TV-Bilder eines Besseren belehrt.

Der Ruf nach einer verlässlichen Torlinien-Technik bleibt weiter laut und bekommt durch die jüngsten Fehlentscheidungen der aktuellen Saison neues Feuer.

SPORT1 klärt die wichtigsten Fragen zur Torlinien-Technik:

Welche Torlinien-Systeme gibt es?

Goalcontrol: Für dieses System entschied sich die FIFA beim Confed Cup 2013 in Brasilien. Die Technik basiert auf 14 Hochgeschwindigkeitskameras, welche die Position des Balles kontinuierlich in drei Dimensionen erfassen.

Überquert der Ball die Torlinie komplett, sendet die zentrale Auswertungseinheit in weniger als einer Sekunde ein verschlüsseltes Signal an die Empfängeruhr des Schiedsrichters. Tore und Bälle müssen nicht präpariert werden. Fällt das Fazit der FIFA positiv aus, wird Goalcontrol bei der WM 2014 zum Einsatz kommen.

Hawk-Eye: Die Technologie des Herstellers Sony kommt aus dem Tennis. Mindestens vier Hochgeschwindigkeitskameras nehmen das Spielgeschehen aus verschiedenen Winkeln auf. Die Position des Balles wird aufgrund dieser Bilder von einem Computer berechnet, welcher ein Signal an den Schiedsrichter sendet.

Das Hawk-Eye wurde bereits beim Länderspiel England gegen Belgien im Wembleystadion getestet. Das System arbeitet auf vier Millimeter genau.

Cairos: Die Magnetfeld-Technologie des Unternehmens mit Hauptsitz im badischen Karlsbad arbeitet mit einem Sensor im Ball. Wenn er sich innerhalb des Magnetfeldes hinter der Torlinie befindet, sendet er ein Signal an den Schiedsrichter.

Goalref: Landläufig unter dem Namen "Chip im Ball" bekannt, produziert Goalref ein Magnetfeld, das wie ein unsichtbarer Vorhang über der Torlinie wirkt. Fliegt der mit einem Funkchip ausgestattete Ball über die Torlinie, sendet er ein Signal an den Schiedsrichter. Die Technik entwickelte das Fraunhofer-Institut in Erlangen, sie wurde bei der Klub-WM 2012 erfolgreich getestet.

Wann könnte die Technik frühestens zum Einsatz kommen?

Die DFL ist nach wie vor von keinem der angebotenen Systeme überzeugt. Für die Verantwortlichen der Liga ist die Einführung vor dem 1. Juli 2015 nicht realistisch.

Die UEFA verweigert sich im Gegensatz zur FIFA weiterhin dem Einsatz und verbietet die Torlinien-Technik bei Europameisterschaften, der Champions und Europa League.

Wer übernimmt die Kosten?

Die Installation eines Systems soll pro Stadion angeblich im sechsstelligen Euro-Bereich liegen. Wer die Kosten im Falle einer Einführung tragen würde, ist bislang noch nicht geklärt. Bei den finanziellen Dimensionen der Bundesliga und der möglichen Tragweite einer Fehlentscheidung - Champions-League-Qualifikation, Abstieg, Aufstieg - dürfte die Investition als sinnvoll gewertet werden.

Wie wird die Problematik anderswo gehandhabt?

In der englischen Premier League kommt ab dieser Saison das Hawk-Eye zum Einsatz. Auch die niederländische Eredivisie setzt auf diese Technik.

Was sagt die DFL?

Geschäftsführer Andreas Rettig hat für den Einsatz in der Bundesliga weiterhin kein passendes System ausgemacht und bemängelt die ungenügenden Toleranzgrenzen.

"Derzeit gibt es nach unserer Einschätzung jedoch noch kein perfekt ausgereiftes System, welches diese tiefgreifende und möglicherweise dann endgültige Entscheidung einer sofortigen Einführung rechtfertigt. So lässt die FIFA derzeit noch eine Fehlertoleranzgrenze von drei Zentimetern zu."

Was sagen die Vereine?

Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen stimmt Rettig im "kicker" zu und fordert Chancengleichheit in allen Spielklassen: "Alle Systeme der vier Anbieter bieten noch keine hundertprozentige Sicherheit." Es gehöre zur Popularität des Fußballs, dass "von der Bundesliga bis zur Kreisebene unter gleichen Voraussetzungen gespielt wird".

Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht vertrat im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1 die entgegengesetzte Meinung: "Das ist ein Mittel, bei dem man nicht auf Zeit spielen sollte. Es gibt die Regelung, dass man das durchführen darf und dann soll man es einfach machen. Man hilft definitiv dem Schiedsrichter und man hilft der Mannschaft, die das Tor geschossen hat."

Was sagen die Schiedsrichter?

Bundesliga-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, bei der Partie Hoffenheim gegen Nürnberg direkt betroffen, wünscht sich Unterstützung seitens der Entscheidungsträger.

"Wir Schiedsrichter würden es begrüßen, wenn uns diese Geschichte abgenommen wird", erklärte Kinhöfer nach seinem Fauxpas.

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