Trotz der klaren Fehlentscheidung in Hoffenheim wehrt sich die DFL gegen die neue Tortechnik und verweist auf Kinderkrankheiten.

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Von Tobias Wiltschek

München - Es herrschte seltene Einigkeit unter Spielern, Trainern und Schiedsrichtern.

Der "Torklau" von Hoffenheim muss die sofortige Einführung der Torlinien-Technologie in der Bundesliga zur Folge haben, forderten alle - ob direkt beteiligt oder nicht.

Selbst die Nürnberger , die vom nicht gegebenen Tor von Kevin Volland profitierten, sprachen sich für den Einsatz technischer Hilfsmittel aus.

"Man würde allen Spielern, Vereinen und Funktionären damit einen Gefallen tun", sagte Mike Frantz, dessen Team nach 0:2-Rückstand am Ende noch ein 2:2 erreichte (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Halber Meter hinter der Linie

Eigentlich aber hätte 1899 Hoffenheim schon vor Frantz' Tor mit 3:0 führen müssen.

Doch Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer erkannte den Treffer von Volland in der Nachspielzeit der ersten Hälfte nicht an, obwohl der Ball einen guten halben Meter hinter der Linie aufsprang.

Anschließend entschuldigte sich der Unparteiische für diese Fehlentscheidung - und wünschte sich eine Entlastung in solch wichtigen Entscheidungen durch technische Hilfsmittel.

"Wir Schiedsrichter würden es begrüßen, wenn uns diese Geschichte abgenommen wird", wandte er sich an die Entscheidungsträger im deutschen Fußball.

Auch Torsten Lieberknecht bekräftigte im Volkswagen Doppelpass die Forderung nach der Torlinientechnik.

"Keine zweite Meinung"

"Man hilft definitiv dem Schiedsrichter und man hilft der Mannschaft, die das Tor geschossen hat. Da kann man keine zweite Meinung zulassen", erklärte der Trainer von Aufsteiger Eintracht Braunschweig:

"Das ist ein Mittel, bei dem man nicht auf Zeit spielen sollte. Es gibt die Regelung, dass man das durchführen darf und dann soll man es einfach machen."

Fandel skeptisch

Doch so einfach gehe das nicht, entgegnen dagegen die Verantwortlichen von DFB und DFL.

"Ich habe schon immer gesagt, dass ich diese menschlichen Fehlerquellen technisch lösen würde", sagte Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission.

Er verwies aber darauf, dass die entwickelte Technik noch nicht vollkommen ausgereift sei.

"Ein System, das hundertprozentig funktioniert, würde uns weiterhelfen", so Fandel.

Rettig-Kritik an Tortechnik

Eine Meinung, die auch von Andreas Rettig geteilt wird.

"Derzeit gibt es nach unserer Einschätzung noch kein perfekt ausgereiftes System, welches diese tiefgreifende und möglicherweise dann endgültige Entscheidung einer sofortigen Einführung rechtfertigt", sagte der DFL-Geschäftsführer in der "Bild".

Er könne zwar die Diskussion über die Torlinien-Technologie nachvollziehen, betonte aber, dass die Kinderkrankheiten des Systems vor der Saison 2015/16 keine Einführung rechtfertige:

"Die FIFA lässt derzeit noch eine Toleranzgrenze von drei Zentimetern zu."

Der Weltverband hatte die in Deutschland entwickelte Technik "Goal Control" mit einer Messtoleranz von 0,5 Zentimetern beim diesjährigen Confed Cup getestet und bereits angekündigt, bei der WM 2014 das deutsche oder ein anderes Kontrollsystem einzusetzen.

"Hawk Eye" in England

Die englische Premier League lässt ab der neuen Saison die Torkamera "Hawk Eye" - bekannt aus dem Tennis - darüber entscheiden, ob ein Ball hinter der Linie ist oder nicht.

Beim Community Shied zwischen Manchester United und Wigan Athletic (News) kam sie erstmals zum Einsatz.

Im Gegensatz dazu setzt der europäische Verband UEFA nach wie vor auf das menschliche Auge.

Präsident Michel Platini wehrt sich weiterhin gegen elektronische Hilfsmittel und bevorzugt Torrichter, die sowohl bei der EM als auch bei den europäischen Klubwettbewerben zum Einsatz kommen.

Der "Torklau" in Sinsheim war indes nicht die einzige strittige Entscheidung des ersten Bundesliga-Spieltags.

Zwei Handelfmeter in München

Beim Eröffnungsspiel am Freitag zwischen Bayern München und Borussia Mönchengladbach entschied Schiedsrichter Tobias Welz zwei Mal innerhalb von knapp zwei Minuten auf Handspiel des Gladbachers Alvaro Dominguez und gab jeweils Strafstoß für die Bayern.

"Beide Szenen waren komplett unabsichtlich", wetterte Pechvogel Dominguez gegen den Unparteiischen.

Auch Gladbachs Trainer Lucien Favre beschwerte sich: "Der erste Elfmeter war nicht verdient."

Aufgrund der unterschiedlichen Interpretationen solcher Szenen werden Situationen wie in München auch weiterhin für heiße Diskussionen sorgen.

Im Fall der Fehlentscheidung von Hoffenheim ist es anders. Bei der Bewertung "Tor oder nicht Tor" könnten die technischen Hilfsmittel die Debatten von heute auf morgen beenden.

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