Torsten Lieberknecht spielte in der Jugend beim 1. FC Kaiserslautern © getty

Vor dem Heimspiel gegen Werder spricht Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht bei SPORT1 über das Abenteuer Bundesliga.

Von Reinhard Franke

München - Lange musste Eintracht Braunschweig auf diesen Moment warten.

Seit dem letzten Bundesligaspiel - am 8. Juni 1985 gab es ein 0:1 zu Hause gegen Bayern München - sind 28 Jahre vergangen.

Klar, dass die "Löwen" nach dem souveränen Aufstieg voller Euphorie und Vorfreude das Abenteuer Bundesliga angehen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Der Vater des Erfolgs: Trainer Torsten Lieberknecht. Der 40-Jährige übernahm den Verein 2008 in der Dritten Liga und führte ihn zurück in die Bel Etage des deutschen Fußballs.

Vor dem Auftakt zu Hause gegen Werder Bremen (Sa., ab 18.15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) spricht Lieberknecht im SPORT1-Interview über eine "große Herausforderung" und emotionale Ausbrüche.

SPORT1: Herr Lieberknecht, der Saisonauftakt steht unmittelbar bevor. Geben Sie uns einen Einblick in Ihr Innenleben?

Torsten Lieberknecht: Alles super, alles gut. Die Freude und die Euphorie sind natürlich riesengroß. Wenn du nach 28 Jahren dein erstes Erstligaspiel wieder bestreiten darfst, dann ist das nicht nur für mich als Trainer, der nüchtern bleiben muss und auch will, etwas Außergewöhnliches. Jeder in Braunschweig spürt das Kribbeln.

SPORT1: Die Eintracht ist mit einer ungeheuren Dominanz durch die Zweite Liga marschiert. Das dürfte es jetzt nicht mehr geben.

Lieberknecht: Es ist eine große Herausforderung, die vor uns allen steht. Es betrifft ja nicht nur die Mannschaft, sondern jeden im Verein, von allen in der Geschäftsstelle bis hin zum Platzwart. Viele Leute haben in den letzten Jahren mit Herzblut dazu beigetragen, dass wir erfolgreich arbeiten konnten und schließlich aufgestiegen sind. Für alle ist eine neue Dimension erreicht. Und auf die freuen wir uns.

SPORT1: Für Sie ist jeder Gegner nach eigener Aussage ein Highlight. Wie werden Sie ihr Team auf die Highlights einstellen, damit die Erste Liga gleich richtig angenommen wird?

Lieberknecht: Ich versuche meine Jungs bestmöglich auf die Gegner vorzubereiten und einzustellen. Das werde ich so machen wie in den letzten Jahren. Wir werden aber nie eine blinde Wahrnehmung haben und die Kräfteverhältnisse der Bundesliga aus den Augen verlieren. Wir haben den Realismus und den sportlichen Ehrgeiz und das wird uns unserem Ziel, ein unbequemer Gegner sein zu wollen, sehr nahe bringen. Erst mal ist die Bundesliga für den Verein ein ganz großes Geschenk.

SPORT1: Sie sagen, dass alles gut ist. Aber mit Verlaub, die Vorbereitung war holprig und im Pokal schied man gegen Arminia Bielefeld aus. Verschließen Sie die Augen vor der Realität?

Lieberknecht: Das ist Blödsinn. Es geht darum, dass wir versuchen Dinge, die gut sind, weiterhin zu perfektionieren und Dinge, die es zu verbessern gibt, zu verbessern. Dass manche Leute eine andere Sichtweise haben, ist uns nicht komplett neu. Man sollte manchmal im Nachhinein das noch einmal anschauen, was vor einem Jahr über uns gesagt wurde. Ich kann definitiv sagen, dass wir für diese Liga auf einem guten Weg sind, uns als unbequemer Gegner zu zeigen.

SPORT1: Können Sie mit Ihrem Kader zufrieden sein? Manch einer hat Bedenken, dass es für die Erste Liga reicht.

Lieberknecht: Ich hätte mehr Respekt vor einem, der sagt: 'Eintracht Braunschweig bleibt dieses Jahr definitiv drin'. Den hat es noch nicht gegeben, weil das andere statistisch gesehen wahrscheinlicher ist. Wenn ich sage, da ist ein zwei Monate altes Kind, das wird wohl noch nicht laufen können, dann ist es normal. Wenn es aber laufen kann, dann sagst Du hoppla das habe ich jetzt nicht gewusst.

SPORT1: Wie werden die ersten Gehversuche in der Bundesliga nach 28 Jahren aussehen?

Lieberknecht: Die Entwicklung des Kaders ist okay. Es ist ein Kader, mit dem du in der Zweiten Liga durchaus aufsteigen kannst. Vor einem Jahr wollten wir uns Stück für Stück etablieren und jetzt sind mit diesen unglaublichen Jungs in der Bundesliga. Nun müssen wir sehen, was dabei rauskommt. Es gibt große wirtschaftliche und sportliche Unterschiede und wir werden alles versuchen, was geht, um drin zubleiben.

SPORT1: Ein Trainer ist ja auch ein Stück weit Motivator. Haben Sie im Vorfeld ein paar Bilder vom letzten Jahr Bundesliga für Ihre Spieler hervorgekramt?

Lieberknecht: Hat SPORT1 mein Handy abgehört? (lacht) Das war wirklich ein Thema mit einem Bekannten, den ich damit beauftragt habe. So etwas werden wir machen, weil ich das sehr emotional finde. Meine Spieler sollen die Entwicklung sehen, wir haben uns das Privileg erarbeitet und jeder Einzelne darf sich als ein Teil dieser Geschichte der Eintracht fühlen, der das fortführen kann nach 28 Jahren.

SPORT1: In der Zweiten Liga ist jedem noch die witzige Szene im Kopf, als Sie in Köln vor Ihrem Kollegen Holger Stanislawski mit ihrer Mütze herum wedelten. Werden Sie in der Bundesliga vor den Trainer-Kollegen anders auftreten?

Lieberknecht: Es wird natürlich emotionale Momente und Ausbrüche geben, aber ich versuche mich da nicht groß zu verstellen, will so bleiben wie ich bin, aber immer respektvoll. Das versuche ich auch weiterhin umzusetzen.

SPORT1: Wie geht man in das erste Spiel gegen Werder Bremen, die im vergangenen Jahr Probleme hatten und im Pokal auch raus sind?

Lieberknecht: Egal wer kommt, wir sind so in der Underdog-Rolle wie noch nie, seit ich hier Trainer bin. Es ist ein herausragender Moment das Spiel bestreiten zu dürfen und wir werden alles daran setzen, dass wir uns bestmöglich präsentieren. Werder Bremen ist immer noch ein Verein mit einer großen Strahlkraft.

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