Dieter Hoeneß wurde als Spieler mit Bayern fünf Mal Deutscher Meister. Als Manager holte er ein Mal die Schale © getty

Dieter Hoeneß analysiert zum Saisonstart für SPORT1 die Kräfteverteilung in der Liga, Bayerns Kader und die Transferbilanz.

Von Florian Pertsch

München - Er ist ein absoluter Liga-Insider. 14 Jahre lang arbeitete Dieter Hoeneß als Manager für den VfB Stuttgart, Hertha BSC und den VfL Wolfsburg.

Als Spieler traf er 102-mal für den FC Bayern, der schlaksige Stürmer eroberte mit den Roten in den achtziger Jahren zudem fünfmal die Meisterschaft.

Sein Bruder Uli Hoeneß lenkt als Präsident die Geschicke der Bayern, auch deshalb schaut der 60-Jährige ganz genau auf den Ligastart der Münchner gegen Gladbach (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm).

Für den Analytiker Hoeneß ist klar, dass Bayerns neuen Coach Pep Guardiola eine extreme "Fallhöhe" erwartet.

Im SPORT1-Interview spricht der gebürtige Ulmer außerdem über die Dauerrivalität zwischen Dortmund und Bayern, die Trends im Transfergeschäft und die Newcomer der Liga.

SPORT1: Herr Hoeneß, in der ersten Runde des DFB-Pokals hat es mit Gladbach, Nürnberg, Bremen und Braunschweig wieder einige Bundesligisten erwischt. Wo ist vor dem ersten Saisonspiel schon der meiste Druck auf dem Kessel?

Dieter Hoeneß: Ich denke bei Werder Bremen, denn die haben auch keine gute Vorbereitung gespielt. Bei Gladbach zum Beispiel war die Vorbereitung in Ordnung, da war das Pokal-Aus ein Ausrutscher - ein sehr ärgerlicher Ausrutscher. Bei Bremen hat man das Gefühl, dass sie noch sehr weit von dem entfernt sind, was sie sich vorstellen. Allerdings hat sich schon oft gezeigt, dass die Vorbereitung nicht immer Aufschluss auf die Saison gibt.

SPORT1: Der SC Freiburg überraschte vergangene Saison mit seinem jungen Team und erreichte die Europa League. Welcher Mannschaft trauen sie in dieser Saison eine ähnliche Entwicklung zu?

Hoeneß: Das könnte der VfL Wolfsburg sein. Sie haben eine relativ homogene Mannschaft und die Erwartungen sind nicht zu hoch gesteckt. Wenn sie einigermaßen vernünftig starten, könnte Wolfsburg vorne ein bisschen mitmischen.

SPORT1: Bayern und Dortmund rüsten auch in dieser Saison wieder auf. Bei den restlichen Vereinen halten sich die Transferausgaben dezent in Grenzen. Geht die wirtschaftliche Schere in der Bundesliga noch weiter auf?

Hoeneß: Mit den direkten Einnahmen aus der Champions League und den damit verbundenen Steigerungen zum Beispiel in den Bereichen Sponsoring und Merchandising, haben beide Teams natürlich enorme wirtschaftliche Vorteile. Dieses Geld kann dann im Optimalfall in die Qualität der Mannschaft investiert werden. Die anderen Teams tun sich sicherlich etwas schwerer, aber ich glaube nicht, dass Leverkusen und Schalke so weit von Dortmund weg sind.

SPORT1: Daran die Anschlussfrage: Wird die Bundesliga langweilig, drohen spanische Verhältnisse, wie es ihr Bruder Uli mal genannt hat?

Hoeneß: Ich befürchte, dass es ganz wenige Mannschaften geben wird, die ganz nach vorne durchstoßen können. Es müsste schon sehr viel passieren, dass ein Team wie Wolfsburg oder Stuttgart noch einmal überraschend Meister wird. In naher Zukunft sehe ich diese Möglichkeit nicht.

SPORT1: Bayern München hat wohl ohne Zweifel den besten Kader und mit Pep Guardiola einen der besten Trainer der Welt. Wo lauert für den ehemaligen Barca-Coach die größte Gefahr im Bayern-Kosmos?

Hoeneß: Da gibt es mehrere Punkte. Zunächst einmal ist die Erwartung riesig und damit die Fallhöhe für Guardiola extrem hoch. Die Mannschaft ist übermäßig gut besetzt, gerade im Mittelfeld. Das wird ein Hauen und Stechen, Nationalspieler und Weltklassespieler werden teilweise auf der Tribüne sitzen. Das auf Dauer zu managen wird die große Herausforderung. Eine weitere Unwägbarkeit ist das System. Sollte die Taktik ohne echten Stürmer nicht funktionieren, muss er rechtzeitig umdenken. In Barcelona hatte er Lionel Messi, der gut 60 Tore als offensiver Mittelfeldspieler erzielte. So etwas gibt es in Deutschland nicht. Ich bin davon überzeugt, dass Pep Guardiola genau der Richtige ist, diese Herausforderungen zu meistern.

SPORT1: Im Sommer 2013 gab es einige Wechsel, die durch Klauseln begünstigt wurden (Mario Götze, Adam Szalai; Anm. d. Red.). Zusätzlich gibt es das Wechsel-Hick-Hack um Dortmunds Robert Lewandowski. Was sind Verträge in der Bundesliga noch wert?

Hoeneß: Das ist relativ einfach. Ist eine Klausel im Vertrag verankert, dann wird der Kontrakt eingehalten. Drängt der Spieler ohne eine Ausstiegsklausel auf einen Wechsel, dann in der Regel weil er eine neue Sprache kennenlernen will? (lacht)

SPORT1: Natürlich nur deswegen...

Hoeneß: Nein im Ernst, zum Fall Lewandowski. Das Gerücht, dass es eine Zusage für einen Wechsel bei einer bestimmten Summe gab, hält sich sehr konsequent. Diese Zusage wurde dann insofern revidiert, dass ein Transfer zu Bayern nicht möglich ist. Das dürfte zu Lewandowskis Unzufriedenheit geführt haben. Ich bin prinzipiell dafür, Verträge einzuhalten.

SPORT1: Bei Hoffenheim gibt es die Problematik der suspendierten Spieler. Tim Wiese, Tobias Weis und Co. dürfen nicht mehr mit der Mannschaft trainieren. Wie bewerten sie die Lage, und wie hätten Sie in solch einem Fall gehandelt?

Hoeneß: Die Situation ist schwierig zu beurteilen, da es nur eine Ferndiagnose ist. Was in Hoffenheim passiert, ist einfach nicht gut für den Fußball. Möglicherweise weiß 1899 sich nicht mehr anders zu helfen. Aber auch hier gilt: Vertrag ist Vertrag. Hoffenheim hat sicher Gründe für sein Vorgehen, aber ob die Maßnahmen richtig sind, dahinter steht zumindest ein Fragezeichen. In einer kleinen Trainingsgruppe zu arbeiten, ist kurzfristig sicherlich eine Maßnahme, aber auf Dauer entspricht das nicht den Pflichten des Vereins aus dem Lizenzspielervertrag und die notwendige Spielpraxis durch Trainingsspiele und Spielformen wie 11:11 fehlen einfach.

SPORT1: Max Kruse war einer der Shooting Stars der vergangenen Saison. Welchem Youngster trauen Sie dieses Jahr den Durchbruch zu?

Hoeneß: Bei Borussia Mönchengladbach habe ich einen hochinteressanten jungen Spieler gesehen: Mahmoud Dahoud. 17 Jahre alt, Deutscher mit syrischen Wurzeln. Was ich von dem gesehen habe, hat mich richtig begeistert.

SPORT1: Aus Sicht eines Ex-Managers: Welches Team hat sich dieses Jahr in seinem finanziellen Rahmen am besten verstärkt?

Hoeneß: Ich würde sagen Gladbach. Max Kruse ist ein sehr guter Spieler mit enormem Potenzial. Rafael ist auch ein hervorragender Spieler, dazu kommen noch ein paar gute junge Spieler. Das passt bei Gladbach alles sehr gut zusammen. Bei Bayern weiß man zum Beispiel nicht, ob es nicht sogar zu viel des Guten war. Bei Leverkusen bin ich mir ziemlich sicher, dass noch etwas passieren wird.

Weiterlesen