Rafael Van der Vaart wechselte von Tottenham Hotspur zurück zum HSV © getty

Rafael van der Vaart lobt im SPORT1-Interview den neuen HSV-Sportchef für dessen klare Worte. Vor überzogenen Erwartungen warnt er.

Von Mathias Frohnapfel

München - Der Start in die 51. Bundesliga-Saison ist für den Hamburger SV eigentlich ein Grund zur Freude.

Als einzige Mannschaft ist der HSV seit 50 Jahren ununterbrochen dabei in der deutschen Eliteklasse.

Doch die Stimmung ist vor dem Auftakt-Kracher beim FC Schalke 04 (So., ab 17.15 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm) deutlich angespannt in der Hansestadt.

In deutlichen Worten soll Sportchef Oliver Kreuzer die Profis nach dem 0:4-Testspiel-Debakel bei Dynamo Dresden kritisiert haben. "Immer nur Gucci hier, Gucci da", soll er seinen Spielern laut "Sport Bild" vorgeworfen haben, die mangelnde Einsatzbereitschaft angeprangert haben.

Hinzu kommt der Zoff mit Abwehrspieler Paul Scharner, der gar einen "Krieg" als Antwort auf seine Degradierung zur U 23 ins Gespräch bringt.

Hoffnungen, sportlich doch wieder bessere Zeiten zu erleben, weckten zuletzt nur wenige. Immerhin Rafael Van der Vaart glänzte beim Pokalerfolg bei Schott Jena mit einem schönen Freistoßtreffer.

Im SPORT1-Interview erklärt der Niederländer seine neuen Kompetenzen und verrät, wie realistisch er einen Europa-League-Platz hält.

SPORT1: Sie machten den Fans kürzlich Angst, als Sie sagten, dass das Team nur auf Platz 14 lande, wenn es solch eine "Sch?." wie gegen Dresden spielt. Wie ist jetzt Ihre Einschätzung unmittelbar vor Saisonstart?

Rafael Van der Vaart: Nach dem Abend in Dresden musste ich niemandem Angst machen. Die war schon da (lacht). Aber im Ernst: So einen Auftritt dürfen wir uns nicht erlauben, auch nicht in einem Benefizspiel. Dennoch müssen wir uns auch nicht tagelang an den Diskussionen über so ein Spiel beteiligen. Dafür ist das Geschäft viel zu schnelllebig. Wir haben da Mist gebaut - fertig. Wir sind im Pokal eine Runde weitergekommen - fertig. Jetzt geht es nach Schalke. Da haben wir eine erste ernstzunehmende Standortbestimmung. Am Ende der Vorbereitung ist eine genaue Einschätzung immer schwer.

SPORT1: Der Auftaktgegner Schalke spielt dort, wo der HSV hinmöchte: international. Was fehlt Ihrem Team noch zu diesem Anspruch?

Van der Vaart: Wir sollten nicht so viel von Ansprüchen reden. Die Ansprüche des HSV holt man doch in erster Linie aus der großen Vergangenheit des Vereins. Und da ist der Anspruch immer Champions League. Wenn man sich dann darunter bewegt, befindet man sich gefühlt immer in der Krise und verliert die Realität aus den Augen. Unser Blick sollte nur nach vorn gehen. Wir müssen uns unsere eigenen Ziele setzen, die realistisch sind. Nach Platz sieben in der vergangenen Saison, haben wir uns jetzt den sechsten Platz zum Ziel gesetzt. Das ist kein Versprechen und keine Pflicht, aber ein Ziel. Und ein Ziel brauchst du im Profisport. Zuletzt haben uns drei Punkte gefehlt. Die probieren wir in dieser Saison aufzuholen.

SPORT1: In Gelsenkirchen geht es gegen Ihren Nationalmannschaftskollegen Klaas-Jan Huntelaar. Wie stoppt man den "Hunter"?

Van der Vaart: Das haben schon viele probiert. Klaas-Jan ist aber nie ganz auszuschalten. Manchmal siehts du ihn das ganze Spiel nicht, dann schlägt er plötzlich zu. Man muss ihn so weit wie möglich vom Tor weghalten. Und ein bisschen darauf hoffen, dass er sich noch nicht warmgeschossen hat.

SPORT1: Was muss der HSV überhaupt tun, um auf Schalke zu bestehen?

Van der Vaart: Zuerst müssen wir dort selbstbewusst und überzeugt auftreten. Ich persönlich spiele immer gern auf Schalke. Die richtige Taktik wird uns der Trainer dann schon vermitteln. Es ist gut, dass es jetzt endlich losgeht.

SPORT1: Trainer Thorsten Fink will Ihnen mehr Freiräume geben. Sie sollen keine kräftezehrenden Laufwege mehr gehen müssen, sondern sich ganz auf Ihren Job als "Schaltzentrale" konzentrieren. Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle?

Van der Vaart: In der vergangenen Saison musste ich diese Laufwege machen. Natürlich wollen wir jetzt probieren, mich wieder ein bisschen näher an den Strafraum zu bringen. Da kann ich der Mannschaft sicher am besten helfen. Ich denke schon, dass ich jemand bin, der seine größten Qualitäten in der Offensive hat. Das sieht der Trainer genauso.

SPORT1: Fink hat zuletzt von Ihnen eine Leistungssteigerung gefordert und gesagt: "Ich erwarte in seinem zweiten Jahr noch mehr von ihm." Brauchen Sie so eine Motivationsspritze?

Van der Vaart: Das wurde aus meiner Sicht immer ein bisschen falsch dargestellt. Ich selbst habe mehr von mir gefordert im zweiten Jahr. Der Trainer hat diese Haltung dann unterstützt. Ich habe jetzt die komplette Vorbereitung durchgezogen, private Probleme hinter mir gelassen. Die Motivationsspritzen verpasse ich mir selbst.

SPORT1: Wie hat sich bisher der neue Sportchef Oliver Kreuzer präsentiert?

Van der Vaart: Auf mich macht er einen sehr klaren, zielstrebigen Eindruck. Seine Herangehensweise und seine Mentalität gefallen mir. Er hat keine Lust lange zu quatschen. Er will lieber Entscheidungen treffen und voran kommen. Und er sagt uns Spielern auch ordentlich Bescheid, wenn es nötig ist. Wie zum Beispiel in Dresden...

SPORT1: Kann er es schaffen, Ruhe in einen zuletzt ziemlich unruhigen Verein zu bringen?

Van der Vaart: Das schaffen wir nur alle zusammen. Mannschaft, Trainer, Vorstand. Aber nicht durchs Reden.

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