Oliver Kreuzer war bis Juli Sportdirektor beim Hamburger SV
Seit Juni Vorstandsmitglied und Sportchef beim HSV: Oliver Kreuzer © imago

Der stolze HSV hinkt den eigenen Ansprüchen hinterher. Manager und Trainer sind angefressen. Europa scheint außer Reichweite.

Von Philipp Heinemann

München - Der Trainer schwieg.

Thorsten Fink blieb nach der blamablen Niederlage gegen Dynamo Dresden lieber in der Kabine.

Der Sportchef des Hamburger SV hätte es ihm wohl gerne gleichgetan. Doch nach einer Viertelstunde musste Oliver Kreuzer seinem Frust dann doch Luft machen:

"Das war eine Katastrophe. Ein Auftritt, der an Peinlichkeit nicht zu überbieten war. Es ist mir unbegreiflich, wie sich das Team so präsentieren kann. Das ist keine Frage der Qualität, sondern der Mentalität und der Einstellung."

Kader ohne Alternativen

Worte, die man nach einem Benefizspiel in der Vorbereitung normalerweise nicht hört.

Doch das 0:4 gegen den Zweitligisten war für den angeschlagenen HSV die letzte Gelegenheit, sich vor dem Pokal-Auftakt am kommenden Sonntag beim SV Schott Jena (ab 15.45 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) zu beweisen.

Gerade deswegen gab Fink seiner zweiten Reihe die Möglichkeit, sich in den Vordergrund zu spielen.

Das Schweigen des Trainers machte sehr deutlich: Niemand nutzte diese Chance.

Chancenlos durch die Vorbereitung

Vielleicht noch erschreckender: Auch die vermeintlichen Stammspieler konnten dem Spiel keine Wendung geben.

Dresden hätte noch höher gewinnen können.

Finks Mannschaft war im wahrsten Sinne des Wortes chancenlos. Mehr als einen flattrigen Freistoß hatte der schwache HSV nicht zu bieten.

Die verpatzte Generalprobe vor dem DFB-Pokalspiel am Sonntag beim Fünftligisten aus Thüringen stellt den Tiefpunkt der Vorbereitung dar. Es war die vierte Niederlage in den letzten fünf Testspielen.

Einziger Lichtblick: Ein Remis gegen Inter Mailand.

Standpauke von Fink

Am Donnerstag hatte Fink seine Sprache wiedergefunden. Einer Standpauke in der Kabine folgte ein Straftraining.

"Ich bin stinksauer", sagte der Coach: "Der HSV hat einen großen Namen, und wir können uns nicht immer blamieren. Wir haben noch ein bisschen extra trainiert, weil ich gesehen habe, dass wir es gebrauchen können."

Dann setzte er seine Mannschaft vor dem Spiel in Jena unter Druck: "Ich werde genau hinschauen, wer seine Leistung bringt. Ich erwarte eine Top-Leistung, Wille, Leidenschaft."

Kein Geld, kein Stürmer

Wille und Leidenschaft also. Weitere personelle Verstärkungen? Sind kaum in Sicht.

Roque Santa Cruz hat abgesagt, Wunschspieler Nikica Jelavic ist zu teuer. Dem Sportchef sind bei der Stürmersuche die Hände gebunden.

Kreuzer muss den Kader verkleinern, um auf dem Transfermarkt noch mal zuschlagen zu können. Auf der Verkaufsliste steht angeblich auch der Zwölf-Tore-Mann Artjoms Rudnevs.

Dass der treffsicherste Stürmer den Verein möglicherweise verlassen muss, liegt wohl daran, dass an den meisten anderen Spielern des HSV einfach kein Interesse besteht.

Wo eine billige und ähnlich erfolgreiche Alternative für den Letten herkommen soll, ist unklar.

Europa ist Pflicht

Fink hat als Saisonziel die internationalen Ränge ausgegeben. Nicht nur die jüngsten Auftritte lassen große Zweifel an dieser Zielsetzung aufkommen.

Auch das gigantische Schuldenloch spricht gegen einen HSV auf Europa-Tour.

Doch: Die Teilnahme am internationalen Geschäft wird für die Hanseaten schon rein wirtschaftlich fast zur Pflicht. Mit dem aktuellen Kader scheint das aber nicht möglich.

"Bild der Uneinigkeit"

Auch die mehr als zweifelhafte Außendarstellung entspricht nicht der eines Topvereins.

"Es hat sehr viele Querelen gegeben, die offen ausgetragen wurden. Es sind Probleme entstanden, die nicht nachvollziehbar sind. Nun gilt es dringend, dieses Bild vergessen zu machen", meinte der ehemalige HSV-Manager Günther Netzer in der "Hamburger Morgenpost".

Vorstand und Aufsichtsrat würden ein Bild der Uneinigkeit abgeben, die Mannschaft bezeichnete Netzer als "Wundertüte".

Van der Vaart verglüht

Die Fehler der Vergangenheit verfolgen den HSV. Die aktuelle Vorbereitung erinnert die leidgeprüften Fans an die Frühphase der Vorsaison.

Gegen den Viertligisten Holstein Kiel gab es damals im Testspiel nur ein Unentschieden, im Training gerieten die Spieler aneinander.

Hoffnung machte lediglich die lange umkämpfte und am Ende erfolgreiche Rückhol-Aktion von Rafael van der Vaart.

Nach einer ernüchternden Spielzeit fehlt aber auch dem Niederländer längst die Strahlkraft, um die Schwächen des Kaders vergessen zu machen.

Angst vor dem frühen Aus

Dem HSV steht erneut eine schwere Saison bevor.

Fehlendes Geld und mangelnde Alternativen drohen, den stolzen Dino zur grauen Maus schrumpfen zu lassen.

Der Kader ist auf die Teilnahme am internationalen Geschäft ausgelegt, der Trainer ist zum Erfolg verdammt.

Und wie in der Vorsaison droht der erste Nackenschlag schon vor dem Bundesliga-Auftakt:

2012 schied der HSV in der ersten Runde des DFB-Pokals sensationell gegen den Karlsruher SC aus.

Kreuzer schlägt Alarm

Das frühe Pokal-Aus soll dieses Mal auf jeden Fall vermieden werden.

Nach der der frustrierenden Generalprobe könnte aber auch die vermeintliche Pflichtaufgabe gegen Fünftligist Schott Jena zur Zitterpartie werden.

Sportchef Kreuzer schlägt noch einmal Alarm:

"Es ist egal, ob man im Pokal gegen einen Dritt-, Viert-, oder Fünftligisten spielt. Mit der Einstellung von heute werden wir auch dort Probleme bekommen."

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