SPORT1-Redakteur Reinhard Franke (l.) im Gespräch mit Andreas Müller © getty

Vor dem Spiel gegen Bayern spricht Manager Müller bei SPORT1 über Hoffenheims Lage und seine Hoffnung auf den Klassenerhalt.

Von Reinhard Franke

München - Andreas Müller ist krisenerprobt. Schon als Manager bei Schalke 04 erlebte der Schwabe so manches Mal sein blaues Wunder.

Nach seiner Karriere als Spieler war der 50-Jährige von 2006 bis 2009 bei den Königsblauen der Nachfolger von Rudi Assauer. Nach dem Aus bei S04 nahm sich Müller eine dreijährige Pause.

Im September 2012 kehrte er zurück und wurde Manager bei 1899 Hoffenheim. Dort erlebte er vom ersten Tag an Chaos. Die Kraichgauer stecken in der größten Krise der Vereinsgeschichte.

Vor dem Heimspiel gegen die Bayern (So., ab 15 Uhr im LIVETICKER) spricht Müller im SPORT1-Interview über die schwere Situation bei 1899, seine Hoffnung auf den Klassenerhalt und Trainer Marco Kurz (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

SPORT1: Herr Müller, Ihr halbes Jahr war von vielen Negativ-Ereignissen geprägt. Inwieweit fühlten Sie sich wie im falschen Film?

Andreas Müller: Ich wusste, dass die Aufgabe hier eine große Herausforderung sein würde. Die Umstände bringen es mit sich, dass diese Herausforderung noch größer ist als gedacht. Aber ich bin lange im Geschäft, und mich haut so schnell nichts um. Wir haben gute Leute hier und gute Voraussetzungen. Wir werden den Verein wieder in die Spur bringen. Ich würde gerne in Hoffenheim bleiben - unabhängig vom Klassenerhalt.

SPORT1: War das 1:2 beim FC Augsburg der absolute Tiefpunkt der Saison?

Müller: Die Art und Weise des Spiels war ein richtiges Brett, was wir da vor den Kopf bekommen haben. Die Augsburger haben uns vorgemacht, wie man in dieser Situation Fußball spielen muss: mit viel Laufbereitschaft, hoher Leidenschaft und dem absolutem Willen Eins-gegen-Eins-Duelle zu gewinnen.

SPORT1: Es ist fünf vor 12. Warum ist das den Spielern nicht bewusst?

Müller: Die Gründe liegen im Saisonbeginn. Die Mannschaft ist mit hohen Ambitionen gestartet und musste dann in der Hinrunde ein böses Erwachen erleben. Diese Spirale aufzuhalten, wenn man mit internationalen Zielen startet und das auch von vielen Experten bestätigt wird, war nicht einfach. Es war in der Vorrunde einfach nicht jedem bewusst, in welche Situation man da geraten ist.

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SPORT1: Mit Beginn der Rückrunde sprach keiner mehr von internationalen Zielen und es wurde nicht besser.

Müller: Da waren wir schon mittendrin im Schlamassel. Wir haben uns neu aufgestellt mit neuen Spielern und einem neuen Trainerteam und die ersten Eindrücke zu Beginn der Rückrunde haben mich sehr positiv gestimmt. Doch die letzten zwei Ergebnisse und die Art und Weise (0:1 zu Hause gegen Stuttgart und 1:2 in Augsburg, Anm. d. Red.) waren ein ganz dickes Alarmzeichen.

SPORT1: Unter dem neuen Trainer Marco Kurz wurde es gar noch schlimmer als unter Vorgänger Markus Babbel. Wie enttäuschend ist das für Sie, der Kurz ja geholt hat?

Müller: Das ist schon sehr enttäuschend. Aber nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass sich die Arbeit des Trainerteams auszahlen wird. Man muss auch Geduld haben.

SPORT1: Aber Zeit hat man nun wirklich nicht.

Müller: Natürlich hat man keine Zeit. Aber es gibt Momente in einer Saison, da kann man das ganze Ding drehen. Wir müssen das einfach schaffen - in den nächsten zwei Spielen. Ich glaube auch fest daran. Nochmal: ich bin der Überzeugung, dass wir vom Trainerteam her und in der Mannschaft Leute haben, die bereit sind, das zu packen. Die Truppe ist bemüht, das weiß ich.

SPORT1: Andreas Beck sagte jedoch zuletzt, dass man mit der Situation nicht gut umgehen kann. Unterschätzt die Mannschaft die prekäre Lage?

Müller: Nein. Es ist eine reine Kopfsache. Jetzt muss man das mental so annehmen, wie es nun mal ist. Sicherlich haben wir da eine Menge Nachholbedarf, aber es gibt keinen Grund zu resignieren, sondern wir werden weiter an eine Rettung glauben.

SPORT1: Trainer Marco Kurz sagte, dass 50 Prozent der Spieler den Abstiegskampf nicht annehmen, Sie haben den Charakter angezweifelt. Das ist doch eine Bankrotterklärung, oder?

Müller: Da möchte man die Spieler auch etwas kitzeln, an die Ehre der Jungs appellieren, ein bisschen provozieren. Letztendlich muss es die Truppe auf dem Platz richten. Ich denke, dass wir genug geredet haben und den Spielern weiter alle Hilfestellung geben.

SPORT1: Zuletzt haben sie die Mannschaft öffentlich an den Pranger gestellt. Die richtige Methode?

Müller: Nach dem Stuttgart-Spiel war ich einfach sauer. Da gab es heftige Kritik, aber jetzt braucht die Mannschaft Hilfe und die werden wir ihr geben.

SPORT1: Eine Mut-Rede von Präsident Dietmar Hopp konnte vor dem Augsburg-Spiel nicht helfen.

Müller: Man schöpft alle Möglichkeiten aus und wir sollten weiter nichts unversucht lassen, uns aus dieser Situation zu befreien. Ich glaube, es war wichtig, dass Dietmar Hopp nochmal an die Moral und die Ehre der Spieler appelliert hat, alles dafür zu geben, dass wir in der Bundeliga bleiben. Herr Hopp hat in Hoffenheim vieles auf den Weg gebracht und fühlt sich als Gesellschafter eben mit verantwortlich, die Dinge zu verbessern.

SPORT1: Würden Sie mit Marco Kurz eigentlich auch in die Zweite Liga gehen?

Müller: Ja. Ich bin davon überzeugt, dass er genau der richtige Trainer für Hoffenheim ist. Für mich ist die Identifikation wichtig und auch das vorzuleben, was 1899 einmal ausgezeichnet hat. Dafür steht Marco Kurz. Natürlich ist die Zeit sehr knapp und der Klassenerhalt steht zurzeit über allem, aber die Wahl auf ihn war richtig.

SPORT1: Was macht Ihnen noch Hoffnung?

Müller: Ich bin ein Dauer-Optimist. Ich weiß, welche Arbeit gemacht wird und ich bin davon überzeugt, dass nach dem schlimmen Augsburg-Spiel der Letzte begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat. Jeder wird sich dagegen wehren, dass wir absteigen.

SPORT1: Jetzt muss man sich ausgerechnet gegen die Bayern wehren.

Müller: Ganz ehrlich: Auch aus so einem Spiel kann man sich positive Energie ziehen. Es wäre falsch zu sagen, dass man nichts zu verlieren hat. Auch gegen die Bayern hat man etwas zu verlieren, nämlich drei Punkte. Da zieht mein alter Spruch "Form schlägt Klasse." Wir werden uns mit allem, was wir in uns haben, so vorbereiten, dass wir gestärkt in das Spiel gehen. Wir werden das Spiel so angehen, dass eine Überraschung möglich ist.

SPORT1: Glauben Sie also an ein Wunder?

Müller: Nein, nur an harte Arbeit.

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