Jan Schindelmeiser (r., neben Rangnick) war von 2006-2010 Manager in Hoffenheim © getty

1899 Hoffenheim liegt am Boden. Vor dem Augsburg-Spiel sind Ex-Coach Rangnick und der frühere Manager Schindelmeiser besorgt.

Von Reinhard Franke

München - Der Kraichgau ist eine beschauliche Region. Doch sportlich läuft dort schon länger nichts mehr in ruhigen Bahnen.

1899 Hoffenheim befindet sich in der größten Krise der Vereinsgeschichte, taumelt auf Platz 16 dem Abgrund entgegen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Vom einstigen Vorzeigeprojekt zum Abstiegskandidaten.

Nachdem im Dezember Trainer Markus Babbel gehen musste und der Verein mit Nachfolger Marco Kurz die letzte Patrone für das Ziel Klassenerhalt abfeuerte, müssen die Verantwortlichen inzwischen einsehen, dass nach dem 0:1 im Derby zu Hause gegen den VfB Stuttgart nur noch die Relegation ein realistisches Ziel ist.

Vor dem Spiel beim FC Augsburg am Samstag (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) herrscht also Katerstimmung. Wie konnte es so weit kommen?

SPORT1 beleuchtet die prekäre Situation bei den Kraichgauern.

Mit Hopp-Millionen nach oben

Dietmar Hopp, der milliardenschwere Mäzen des Klubs, brachte den Verein einst mit seinen Millionen von der Regionalliga in die Bundesliga. Nun muss er mit ansehen, wie sein Lebenswerk einstürzt. (So., 11 Uhr LIVE im TV auf SPORT1: 1899-Manager Andreas Müller zu Gast im Doppelpass)

Nach monatelangem Schweigen meldet sich der 72-Jährige zu Wort. Einen Ausstieg im Fall des Abstiegs verwies er ins Reich der Fabeln.

"Diese Spekulationen entbehren jeder Grundlage. Selbst wenn Hoffenheim absteigt, was ich nicht glaube, wird es mit großem Elan und Begeisterung weitergehen - auch andere sind schon ab- und wieder aufgestiegen", sagt Hopp in der "Bild".

"Verein kämpft ums Überleben"

Ex-Manager Jan Schindelmeiser hat die guten Zeiten noch miterlebt, ging 2010 aber im Streit.

Er will kein Öl ins Feuer gießen, ist über die aktuelle Lage dennoch bestürzt.

"Der Verein kämpft ums Überleben in der Bundesliga. Das Letzte, was er jetzt braucht, sind Menschen aus einer erfolgreicheren Vergangenheit, die aus der Distanz kluge Kommentare abgeben", sagt Schindelmeiser im Gespräch mit SPORT1.

Der 49-Jährige will sich weiter loyal verhalten und bezeichnet die Zeit bei der TSG als "außergewöhnlich". Schindelmeiser wolle derweil nicht als "Kronzeuge" für die Entwicklung der zurückliegenden zweieinhalb Jahre auftreten, betont er.

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Rangnick befürchtet das Schlimmste

Auch Ex-Trainer Ralf Rangnick, der die TSG 2008 in die Bundesliga führte, schaut mit Sorge auf seinen früheren Klub, prognostiziert eine schwere Zukunft. "Momentan muss man tatsächlich befürchten, dass es in die Zweite Liga geht, was für die gesamte Entwicklung des Projektes ein Desaster wäre", sagte Rangnick bei "Sky".

Der 54-Jährige, seit Juni 2012 Sportdirektor bei Red Bull Salzburg und RB Leipzig, glaubt nicht mehr an den direkten Klassenerhalt: "Seit dem letzten Spieltag geht es nur noch darum, den Relegationsplatz zu sichern. Dies ist in der derzeitigen Situation jedoch nicht selbstverständlich."

Hoffenheimer Himmelsstürmer

2008 war alles anders.

1899 rockte als Aufsteiger unter Rangnick die Bundesliga - mit Spielern wie Demba Ba, Vedad Ibisevic, Carlos Eduardo oder Chinedu Obasi. Die Truppe wurde im Winter sensationell Herbstmeister und die Liga war verzückt vom Hurra-Stil der Hoffenheimer Himmelsstürmer.

Mittelfeldspieler Tobias Weis war damals schon dabei und ist heute noch da. Zurückblicken will der 27-Jährige aber nicht. "Ich will nicht über die Vergangenheit sprechen. Sport ist nicht immer planbar", räumt Weis gegenüber SPORT1 ein.

"Mal ist man oben, mal unten. Und die Herbstmeisterschaft ist kein Maßstab für uns. In dieser Phase jetzt schon mal gar nicht."

25 Millionen Euro für neue Spieler

Dank Hopps Finanzkraft hatte der Klub in der guten Phase Visionen, heute ist davon nichts mehr übrig. Der Verein wollte hoch hinaus und fiel tief.

Weis sieht es nicht so dramatisch: "Dass man sich Ziele setzt, ist im Profisport normal und das finde ich richtig so. Dass man auf die Schnauze kriegt, wenn es dann mal gar nicht läuft, ist nicht schön, aber es gehört dazu und da muss man dann durch."

Droht jetzt der Abstieg, obwohl allein in dieser Saison rund 25 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben wurden?

Sorgen und Störfeuer

Zu dem sportlichen und finanziellen Dilemma kamen in dieser Saison noch interne Sorgen: der tragische Unfall von Boris Vukcevic oder der tiefe Fall von Torwart Tim Wiese.

Marvin Compper, der einst als das Gesicht des Hoffenheimer Höhenflugs galt, konnte sich für den Abstiegskampf nicht motivieren und flüchtete zum AC Florenz.

Vier Trainer in zwei Jahren

Nach Rangnicks Ende 2011 begann der Erfolg zu bröckeln. Die Spielkultur der Hinrunde 2008 war verpufft. Platz sieben im ersten Jahr Bundesliga und drei Mal Rang elf hießen die Platzierungen in den letzten Jahren.

Rangnicks Nachfolger scheiterten allesamt: Marco Pezzaiuoli, Holger Stanislawski und Babbel. Jetzt soll Kurz zusammen mit Müller retten, was noch zu retten ist. Vier Trainer in zwei Jahren. Kontinuität sieht anders aus.

Ein Sieg beim FCA ist Pflicht, sonst kann schon bald für die Zweite Liga geplant werden. Man gehe mit dem Wissen in die Partie, dass "viel auf dem Spiel steht", betont Weis. "Wir wollen dort gewinnen, müssen jeden Zentimeter Rasen umpflügen. Ausreden gibt es nicht mehr."

Wohl wahr. Zumindest den Sinn für die Realität haben sie bei 1899 noch nicht verloren.

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