Horst Heldt (l.) und Jens Keller kennen sich schon aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten © imago

Trainer Jens Keller ist angeschlagen, Sportchef Heldt spricht von gereizter Stimmung. Der Mannschaft fehlt Elementares.

Von Thorsten Mesch und Thorsten Langenbahn

München/Gelsenkirchen - "Die Null muss stehen" ist ein Ausspruch, der in den Neunzigern dank Huub Stevens zum geflügelten Wort im deutschen Fußball wurde.

Mit einer ausgefeilten Defensivtaktik führte Schalkes Jahrhunderttrainer die Königsblauen 1997 zum UEFA-Cup-Sieg, die Eurofighter werden bis heute verehrt.

Mike Büskens ist einer der Schalker Helden von damals. Am Samstag lief der 44-Jährige jubelnd über den Rasen der Schalker Arena - allerdings als Trainer von Greuther Fürth.

Der Tabellenletzte blamierte den selbsternannten Champions-League-Kandidaten bis auf die Knochen - und deckte dessen Schwächen schonungslos auf (Bericht).

Fürth siegt mit Schalker Tugenden

Fürth zeigte genau das, was Schalke in den vergangenen Wochen und Monaten vermissen ließ: Kampfgeist und Leidenschaft. Die Franken waren ein Team, die Westfalen eine Anhäufung von Individualisten.

Schalkes Offensive spielte gefällig, vergab aber mehrere gute Chancen. Die Defensive agierte zum wiederholten Mal naiv und ließ neben den Gegentoren weitere Großchancen des Schlusslichts zu.

Unwucht in der Mannschaft

31 Gegentore kassierten die Knappen in den bisherigen 20 Ligaspielen, die Unwucht innerhalb der Mannschaft ist nicht wegzudiskutieren.

"Jeder muss sich selbst hinterfragen, ob in den entscheidenden Situationen nicht ein paar Prozent fehlen", mahnte Sportvorstand Horst Heldt an.

Heldt selbst ist verantwortlich für die Zusammenstellung des Kaders, doch anstatt die Abwehr zu stärken verpflichtete er in der Winterpause neue Kräfte für die Offensive. Michel Bastos erzielte auch gleich ein Tor und Raffael traf den Pfosten, doch hinten brannte es lichterloh.

Magath kritisiert Holtby-Transfer

Dass Lewis Holtby in der Winterpause vorzeitig an Tottenham Hotspur transferiert wurde, war ein riskanter Schachzug, der Kritiker auf den Plan rief.

"Es ist ein Risiko, so einen Spieler zu diesem Zeitpunkt abzugeben", sagte der ehemalige Schalke-Trainer Felix Magath bei LIGA total!.

"So eine Entscheidung hat auch eine Wirkung auf das Umfeld, auf die anderen Spieler. Wenn man so einen abgibt wie ihn - einen guten Vorbereiter, der in der Vorrunde auch einige Tore gemacht hat - dann ist es schwer zu vermitteln, dass man noch unter die ersten Drei will", sagte Magath.

Zum fünften Mal ein Vorsprung verspielt

"Nach einem solchen Spiel sollten wir nicht über die Champions League reden", meinte Heldt. Der Rückstand auf Platz vier beträgt sechs Punkte, zu Platz drei fehlen sieben Zähler (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Gegen Fürth wurde zum fünften Mal ein Vorsprung verspielt. Die Mannschaft wirkt immer noch verunsichert wie schon unter Stevens, der nach dem letzten Hinrundenspiel gehen musste und durch den vorherigen Schalker Jugendcoach Jens Keller ersetzt wurde.

Berthold: "Trainerwechsel war ein Fehler"

"Es bewahrheitet sich für mich, dass der Trainerwechsel von Huub Stevens zu Jens Keller ein Fehler war", sagt SPORT1-Experte Thomas Berthold in seiner Kolumne.

Diese Mannschaft brauche "einen Trainer mit einem anderen Anforderungsprofil: Einen, vor dem sie Respekt hat, der eine gewisse Ausstrahlung hat", meint Berthold.

Zahlen sprechen gegen Keller

Keller ist ein eher farbloser Typ, am Wochenende wirkte er zudem ratlos und konnte den schwachen Auftritt gegen Fürth nicht nachvollziehen.

Sein Team habe schließlich "richtig gut trainiert", sagte der Trainer und ergänzte: "Die Mannschaft ist intakt, die Mannschaft funktioniert."

Die Zahlen allerdings sagen das Gegenteil aus: Von den letzten neun Spielen verlor Schalke fünf und gewann nur den Rückrundenauftakt gegen Hannover - das 5:4 war allerdings rechts glücklich.

Beim Vorletzten in Augsburg reichte es nur zu einem 0:0, das 1:2 gegen Schlusslicht Fürth ist der vorläufige Tiefpunkt.

Heldt: "Werde mich nicht selbst belügen"

"Jens Keller leistet gute Arbeit, auch wenn das nackte Ergebnis etwas anderes aussagt", meinte Heldt anschließend. Der Coach habe "wenig Kredit" und es sei "klar, dass jetzt die Diskussionen kommen, und es auch noch heftiger" werde.

Er selbst werde sich "auch nicht aus der Verantwortung rausziehen", betonte der Sportchef und fügte an: "Ich werde jetzt nicht gegen meine Überzeugung handeln und mich selbst belügen."

Di Matteo und Jol als Kandidaten

Auf die Frage, ob Keller bis zum Saisonende definitiv Trainer der Profis bleiben werde, sagte Heldt bei LIGA total!: "Ja, das wird so sein."

Sollte es nicht so sein, gelten Chelseas ehemaliger Teammanager Roberto di Matteo und Ex-HSV-Trainer Martin Jol als mögliche Nachfolge-Kandidaten. Zudem wurde Büskens zuletzt immer wieder mit seinem Ex-Klub in Verbindung gebracht.

Klar ist: Keller ist bereits nach vier Pflichtspielen, im Pokal gab es bei seinem Debüt ein 1:2 gegen Mainz, schwer angeschlagen. Eine Verbesserung ist unter ihm nicht zu erkennen.

"Es wird ungemütlich"

"Heldt muss in nächster Zeit Rückgrat zeigen und sollte in der Trainerfrage einen Plan B in der Tasche haben", findet Berthold.

"Die Stimmung ist insgesamt gereizt. Und es wird sicher nicht leichter. Von daher wird es jetzt insgesamt ungemütlich", meinte Heldt.

Sollte das Experiment mit Keller scheitern, dürfte es auch für den Manager immer ungemütlicher werden.

Schwere Aufgaben vor der Brust

Die nächsten Spiele haben es in sich: Am Samstag beim FC Bayern, in der Woche darauf in Mainz und in der Champions League in Istanbul.

Schwer vorstellbar, dass dreimal die Null stehen wird.

Gegen Fürth wurden Büskens und der Ex-Schalker Gerald Asamoah von den Schalker Fans gefeiert, die eigene Mannschaft jedoch mit Pfiffen versehen.

Die Reaktion des Anhangs macht klar: Nur wenn die Spieler kämpfen wie einst die Eurofighter, wird sich Schalke aus der Krise befreien können.

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