Tim Wiese absolvierte seit seinem Debüt 269 Spiele in der Bundesliga © getty

Tim Wiese wollte mit seinem Wechsel nach Hoffenheim hoch hinaus. Nun ist er vorläufig gescheitert - und mit ihm der Klub.

Von Mike Lukanz

München - Es ist Tim Wieses Lebensmotto, offiziell verkündet auf seiner eigenen Homepage: "Man lebt nur einmal."

Vielleicht wünscht sich der Keeper aktuell, die eine oder andere Entscheidung aus diesem Leben doch noch korrigieren zu können. Den Wechsel von Bremen nach Hoffenheim, zum Beispiel. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Er wollte damals einen Tapetenwechsel, mit einem neuen Klub oben angreifen, in dem er eine tragende Rolle spielt. Nun wird der ehemalige Nationaltorwart beim Tabellenvorletzten nach knapp sieben Monaten aussortiert. Der aus Tottenham neu verpflichtete Heurelho Gomes schließt die Lücke.

Es ist das vorläufige Ende einer unrühmlichen Posse im Kraichgau, die nur Verlierer kennt.

"Er ist keine Maschine"

"Einen Tim Wiese aus dem Fokus zu nehmen, war für mich unerlässlich", begründete Hoffenheims Trainer Marko Kurz eine Entscheidung die Wiese kurzfristig nicht direkt aus dem Fokus nimmt: "Er ist keine Maschine. Sorgfalt ist ein tolles Thema. Wir sollten sorgfältiger sein mit den guten Menschen und nicht immer drauf knüppeln."

War Wiese im Sommer noch das Gesicht der Hoffenheimer Sehnsüchte nach höheren sportlichen Weihen, ist er nun das Sinnbild des Scheiterns. Oder wird er nur dazu gemacht?

In der Bundesliga gibt es nicht wenige, die die Ehe zwischen dem Retortenklub Hoffenheim und dem extrovertierten Torwart vom ersten Tag an spöttisch belächelt haben.

Wiese war nie Liebling der Massen

Und sie lächelten weiter, als der damalige 1899-Trainer Markus Babbel ihn sofort zum neuen Kapitän ernannte. Oder als er im neuen Dress in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals beim peinlichen 0:4 gegen den Viertligisten Berliner AK patzte. Und auch dann, als er in der Folge immer wieder daneben griff. Bis zuletzt.

[kaltura id="0_mdaylgf4" class="full_size" title="Wiese ist raus"]

"Ein Tim Wiese", um mit Kurz zu sprechen, hat eben schon immer polarisiert, seit er beim 1. FC Kaiserslautern 2002 sein Bundesligadebüt gab. Die gegnerischen Fans beobachteten ihn stets argwöhnisch bis ablehnend. Immer einen Tick zu breitschultrig, zu prollig, mit Brilli im Ohr und zu viel Sonnenbank.

Wiese selbst hat all dies vermeintlich kalt gelassen. Seine Sprüche passten zu seinem Habitus, er gab gerne den Coolen, den Direkten.

"Verlierer der Hinrunde"

Denn der Erfolg hatte ihm stets recht gegeben. Stammspieler bei Werder, Champions League gespielt, 2009 den DFB-Pokal gewonnen, Einsätze in der Nationalmannschaft und laut eigener Aussage mit einem Angebot von Real Madrid ("Ich habe mit Mourinho telefoniert") konfrontiert.

Und selbst als Wiese im Winter von den eigenen Kollegen in der Bundesliga zum "Verlierer der Hinrunde" gewählt wurde, kommentierte er knapp: "Das ist mir scheißegal."

Wenige Wochen und einige Patzer später soll der Druck, vor allem der Medien, nach Hoffenheimer Lesart "unmenschlich" geworden sein.

Schon Babbel wollte ihn degradieren

Der Verein versucht mit der Degradierung die Scherben beiseite zu fegen, die er selbst verursacht hat. Die TSG hat keine Möglichkeit ausgelassen, ihrem Zugang zu demontieren, ob gewollt oder ungewollt.

Den Anfang machte Ex-Trainer Babbel, der kurz nach Wieses Knieverletzung vergangenen Herbst erklärte, er hätte ihn sowieso ausgewechselt.

Schon zuvor waren aus seiner ehemaligen Heimat Bremen keine trauernden Worte gekommen. "Es ist es kein Rückschritt, dass statt Wiese jetzt Mielitz im Tor steht", ließ sich Manager Klaus Allofs, damals noch im Diensten von Werder, in der "Bild" zitieren.

Als Kapitän abgesetzt

In Hoffenheim folgte der Trainerwechsel von Babbel auf Marco Kurz, der nach dem Wintertrainingslager sowohl die Kapitäns- als auch die Torwartfrage offen ließ, dann jedoch Wiese schließlich die Binde abnimmt. "Die Entscheidung beschneidet Tim nicht in seiner sportlichen Wichtigkeit", sagte Kurz damals.

Die Wichtigkeit nahm offenbar rapide ab, denn nun folgte der radikalste aller Schnitte. "Tim ist in der jetzigen Situation chancenlos. Egal, was er macht, er hat keine Möglichkeit, vernünftig bewertet zu werden", begründete Manager Andreas Müller.

Es passt ins chaotische Bild, dass der Klub am Freitag via Pressemitteilung bekanntgab, dass Wiese ab Sonntag wieder im Training stehe. Wiese habe begriffen, dass er sich "im Training neu beweisen" müsse.

So klingt die Degradierung dann doch mehr nach einer sportlich begründeten Entscheidung statt nach Schutzmaßnahme.

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