Christian Streich ist seit dem 27.11.2011 Cheftrainer beim SC Freiburg © getty

Vor dem Heimspiel gegen die Bayern spricht Freiburg-Coach Christian Streich bei SPORT1 über den Sportclub und seinen Kultstatus.

Von Reinhard Franke

München - Plötzlich ist er das Gesicht einer ganzen Stadt.

Christian Streich ist ziemlich genau seit einem Jahr Cheftrainer beim SC Freiburg und schon ein Held im Breisgau.

Den Sportclub rettete er in der letzten Saison vor dem Abstieg und hat sich in dieser Saison mit seinem Team an die internationalen Plätzen herangeschoben (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Streich hat mit seiner authentischen und humorigen Art die Herzen vieler im Sturm erobert.

Die Freiburger Fußballfans lieben den 47-Jährigen genauso wie er in der Branche einen exzellenten Ruf als Fachmann genießt.

"Er ist bescheiden, kompetent und lässt modernen Fußball spielen", pries ihn jetzt auch Bayern-Trainer Jupp Heynckes, der mit seinem Starensemble auf keinen Fall in Freiburg (ab 19.30 Uhr im LIVE-TICKER) stolpern möchte.

Vor dem Heimspiel gegen die Bayern spricht Streich im SPORT1-Interview über den Sportclub, den Hype um seine Person und das Verhältnis zu seinen Spielern.

SPORT1: Herr Streich, seit einem Jahr stehen sie im Fokus der Öffentlichkeit. Hat Sie dieses neue Leben im Blitzlichtgewitter überrollt?

Christian Streich: Ich führe kein neues Leben. Ab und zu erscheine ich auf dem Bildschirm, aber das ist so in der Bundesliga. Ansonsten führe ich ein ähnliches Leben wie zuvor. Ich war früher parallel Profitrainer und Jugendtrainer, habe jetzt sogar mehr Zeit als früher, als ich Co-Trainer, A-Jugendtrainer und Sportlicher Leiter der Fußballschule war. Ich habe die gleichen Freunde, mache die gleichen Dinge. Ich habe wirklich kein wesentlich anderes Leben.

SPORT1: Macht Ihnen Ihre Popularität Angst? Sie kommen als Typ überall an.

Streich: Ich freue mich sehr, aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich weiß ja um die Fehlbarkeit und für viele Menschen bist du dann eine Projektionsfläche. Die meisten Menschen da draußen kennen mich nicht. Dann denke ich oft "hoffentlich bin ich nicht mal die Projektionsfläche für ganz negative Dinge", weil das auch passieren kann. Aber ich habe keine große Angst, weil ich ein Umfeld habe, das sich nicht dafür interessiert, ob ich Profi- oder Jugend-Trainer bin.

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SPORT1: Am Anfang kannten Sie nur Insider aus Freiburg, inzwischen die ganze Fußball-Branche. Sind Sie der Gleiche geblieben?

Streich: Nein. Man bleibt ja nie gleich. Man wird von neuen Tätigkeiten geprägt, schon durch die Arbeit mit den Medien. Es geht nicht darum, krampfhaft gleich zu bleiben. Es geht darum, ob man bei den Menschen, die einem nahe stehen, noch erkennbar ist. Ich habe Glück gehabt, komme aus einer Familie, die eine Metzgerei hatte und mein Onkel hatte einen Landgasthof. Ich wurde in einem normalen Umfeld sozialisiert.

SPORT1: Nervt Sie der ganze Bundesliga-Rummel dann nicht manchmal?

Streich: Gar nicht, wir werden ja davon bezahlt. Ich bin schon dankbar, nur manchmal wäre es gut, wenn mal jemand weg hört. Aber das sind die Mechanismen.

SPORT1: Wenn man Sie nach Siegen sieht, wie Sie auf den Platz rennen und Ihre Spieler herzen, dann hat man das Gefühl, dass Sie keine Distanz brauchen.

Streich: Doch, wir haben Distanz. Das wäre nicht gut. Es gibt ja auch Privatsphäre. Aber wenn man auf dem Fußballplatz gewinnt, dann ist ein Ausdrucksmittel, dass man sich umarmt. Das ist ein menschlicher Zug und das mache ich natürlich auch.

SPORT1: Duzen oder siezen die Spieler Sie?

Streich: Die machen alles durcheinander. Manche sagen Trainer, mache Christian, andere Herr Streich. Die Jungs aus der Fußballschule wollen mich nicht duzen, aber die sind so daran gewöhnt. Ich habe früher den Herrn Stocker (Freiburgs langjähriger Präsident, Anm. d. Red.) auch nie geduzt. Ich sage zu den Jungs 'sag du', aber dann machen sie es doch nicht.

SPORT1: Sie sind seit 17 Jahren beim SC Freiburg. Viele sehen in Ihnen den etwas anderen Trainer. Sie auch?

Streich: Ist Armin Veh ein anderer Trainer oder ein Mike Büskens? Oder der Jupp Heynckes mit 67? Jeder ist anders. Ich weiß, welche Situation gemeint ist. Ich fahre mit dem Fahrrad und werde gefilmt, aber ich steige nicht vom Fahrrad, weil mich jemand filmt. Zuerst bin ich Fahrrad gefahren und dann kam die Kamera. Das sind absolute Selbstverständlichkeiten, wenn ich darüber anfange nachzudenken, dann könnte es sein, dass ich ein Problem kriege. Ich fahre auch oft genug mit dem Auto zum Training, weil meine Freundin auch ein Fahrrad hat. (lacht)

SPORT1: Wann wussten Sie eigentlich, dass Sie Trainer werden möchten?

Streich: Ich habe früher wahnsinnig gerne viele Stunden am Tag gekickt. Ich war früher oft in Basel und habe den FC Basel angeschaut mit dem Vater. Das waren dann Highlights, weil er sonst so viel schaffen musste. Da habe ich den Fußball lieben gelernt.

SPORT1: Kommen wir zum heutigen Gegner: Stuttgart kam mit einem 5:1 über Bukarest im Rücken nach Freiburg und wurde dann vom Sportclub 3:0 zerlegt. Auch die Bayern erzielten zuletzt fünf Tore. Sind die Bayern das nächste Team, das Sie zurück auf den Teppich holen?

Streich: Nach allem, was ich in dieser Saison von den Bayern gesehen habe, gibt es überhaupt keinen Grund zur Annahme, die Bayern hätten den Teppich verlassen. Sie werden dieses Spiel in Freiburg verdammt ernst nehmen. Wir allerdings auch.

SPORT1: Vergangene Saison gelang Ihnen zu Hause gegen die Bayern ein achtbares 0:0. Was spricht dafür, dass es wieder zu einem oder gar drei Punkten reicht?

Streich: Zunächst sind wir in der entspannten Situation, dass wir jetzt zweimal in Folge gewonnen haben. Da spielt es sich auf jeden Fall leichter, als wenn man nach 13 Spielen sieben oder acht Punkte hat und der Bayern-Bus fährt vor. Ansonsten haben wir zuletzt in Hannover und gegen Stuttgart Leistungen gezeigt, an die wir anknüpfen können. Aber das müssen wir auch, es geht wieder einmal darum, dass alle beim SC Freiburg absolut über ihre Grenzen gehen müssen.

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