Düsseldorfs Maximilian Beister versucht, die Gemüter zu beruhigen © getty

Nach der verschobenen Relegationsverhandlung droht ein Prozess-Marathon. Berlin entschuldigt sich, Fortuna trainiert wieder.

Frankfurt/Main - Als die Anwälte beider Parteien nach knapp siebenstündiger Verhandlung in der Abenddämmerung den DFB-Hauptsitz im Frankfurter Stadtwaldt verließen, hatte jeder von ihnen ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen.

Am Montagnachmittag (ab 15 Uhr) aber kann es erst einmal nur einen geben, der sich als Gewinner eines Musterprozesses fühlen darf, in dem es um mehr geht als einen Bundesliga-Abstieg von Hertha BSC oder die Erstliga-Zugehörigkeit von Fortuna Düsseldorf. (Bericht)

Dass das von Freitag auf Montag vertagte Urteil eine immense Tragweite in puncto Fankultur haben wird, weiß auch Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt.

"Es sollte davon ein Signal ausgehen, bevor es irgendwann Tote gibt. Es geht darum, den Spielbetrieb vor Verrohung, Anarchie und Gewalt zu sichern. Vielleicht ist das die letzte Chance", sagte Schickhardt. (BERICHT: Paragraphen auf Hertha-Seite).

In seinem flammenden Plädoyer hatte der 57-Jährige wegen der chaotischen Umstände "mit historischen Maßstäben" im Relegationsrückspiel (2:2) in Düsseldorf die Ansetzung eines Wiederholungsspiels gefordert: "Dazu bedarf es keines Blutvergießens", fügte Schickhardt an. (EINWURF: Verplemperte Zeit)

Kontrollausschuss empfiehlt Protest abzuschmettern

Allerdings empfahl der DFB-Kontrollausschuss in Person des Vorsitzenden Anton Nachreiner dem Sportgericht, den Hertha-Protest abzuschmettern.

Wohl auch, weil der als wichtigster Zeuge geladene Schiedsrichter Wolfgang Stark unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er nach der 20-minütigen Spielunterbrechung "ohne Druck der Polizei" wieder angepfiffen habe.

Damit wurde das Argument der Berliner entkräftet, Stark habe die Partie auf Anraten der Sicherheitskräfte lediglich wieder fortgesetzt, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Düsseldorfs Anwalt denkt positiv

Fortuna-Anwalt Horst Kletke hat keinen Zweifel daran, dass das Spiel "ordnungsgemäß" zu Ende geführt worden sei. "Wir können positiv nach vorne gucken", meinte Kletke mit Blick auf den Tag der Entscheidung.

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Im Fall einer Niederlage in erster Instanz haben allerdings beide Parteien noch die Chance, das DFB-Bundesgericht anzurufen.

Und dieses Szenario erscheint sehr wahrscheinlich. Ein Gerichts-Marathon droht - und das Wochen nach Beendigung der Bundesliga-Saison.

"Psychologische Schwächung"

Die Hertha-Seite indes beruft sich auf die "psychologische Schwächung" ihrer Profis nach der Unterbrechung, die wegen des vorzeitigen Platzsturms Tausender Düsseldorf-Fans notwendig geworden war.

Nach dem Wiederanpfiff sei es für die Gästespieler "nur noch um die Rettung der eigenen Haut" gegangen, behauptete Schickhardt und sprach von irregulären Begleitumständen während der anderthalbminütigen Nachspielzeit.

Schickhardt: "Regelwerk nur Makulatur"

Nicht zuletzt, weil Eckfahnen fehlten und ein voreiliger Düsseldorfer Fan den Elfmeterpunkt ausgebuddelt und als Trophäe mitgenommen hatte.

"Zu einem ordentlichen Spielbetrieb gehört ein vollständiger Spielaufbau. Das Regelwerk war nur noch Makulatur", erklärte Schickhardt.

Allerdings geriet die Hertha auch extrem ins Zwielicht und bat am Samstag für das Fehlverhalten einiger Spieler um Entschuldigung.

Hertha entschuldigt sich

"Wir entschuldigen uns offiziell und ausdrücklich für alle Verfehlungen unserer Spieler bei allen Beteiligten, insbesondere auch bei den Schiedsrichtern."

Der Hertha-Profi Lewan Kobiaschwili soll Stark nach dem Abpfiff des chaotischen Spiels in den Nacken geschlagen haben.

Im Zeugenstand berichtete Stark am Freitag von einer "Hetzjagd" auf das Schiedsrichtergespann und üblen Beschimpfungen seitens der Berliner Spieler.

Urteil nicht vor Montag

Persönliche Urteile werden nicht vor Mitte kommender Woche erwartet, zunächst geht es um die wichtigere Frage: Wiederholungsspiel oder nicht?

Der Sportgerichts-Vorsitzende Hans E. Lorenz verteidigte die Vertagung von Freitag auf Montag.

"Es gab kontroverse Anträge. Wir wollten nichts übers Knie brechen. Das muss in Ruhe entschieden werden", sagte der Berufsrichter und machte damit die Bedeutung des Urteils deutlich.

Fortuna sagt Mallorca-Fahrt ab

Lorenz verwies andererseits auf den "ungeheuren Zeitdruck" für das Gremium, da die Saison ja eigentlich "schon längst abgeschlossen" sei.

Deshalb wollten die Fortuna-Spieler auch zu ihrer Mannschaftstour nach Mallorca starten, die sie am Samstag absagten. Stattdessen nahmen sie wieder das Training auf.

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