Anwalt Christoph Schickardt (l.) und Hertha-Manager Preetz bei der Verhandlung © imago

Nach fast sieben Stunden vertagt das DFB-Sportgericht die Verhandlung über Berlins Relegations-Einspruch. Stark kontert Hertha.

Frankfurt - Hängepartie statt Wiederholungsspiel und jede Menge blaue Augen am Grünen Tisch:

Die Urteilsverkündung über den Einspruch von Hertha BSC gegen die Wertung des chaotischen Relegationsrückspiels bei Fortuna Düsseldorf (2:2) ist auf Montag vertagt worden.

"Es gab kontroverse Anträge. Wir wollten nichts übers Knie brechen. Das muss in Ruhe entschieden werden", begründete der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, am Freitagabend nach knapp siebenstündiger Verhandlung.

Das mit Spannung erwartete Urteil wird am Montagnachmittag um 15.00 Uhr verkündet.

Nach den Pläydoyers der beiden Seiten wurde die emotional geführte Verhandlung unterbrochen. Für die Hertha wurde der Freitag auch ohne das Urteil zum PR-Desaster, nachdem zahlreiche Spieler vor dem Sportgericht extrem ins Zwielicht geraten waren.

Stark spricht von Jagdszenen

Referee Wolfgang Stark berichtete von Schlägen, üblen Beschimpfungen und Jagdszenen nach dem Abpfiff am Dienstagabend (EINWURF: Nicht erstligareif).

"Der Spieler Lewan Kobiaschwili hat mit ausgestreckter Faust in meine Richtung geschlagen. Ich habe mich weggeduckt, bin dann am Hinterkopf getroffen worden. Einzig das Treppengeländer verhinderte einen Sturz, und das wären fünf bis sechs Meter gewesen", sagte der Unparteiische aus Ergolding, der als wichtigster Zeuge zur Klärung des Einspruchs beitragen sollte.

"Aufs Schärfste attackiert"

Von Christian Lell sei er zudem "aufs Schärfste attackiert und am Arm gepackt worden", sagte Stark. "Die Beleidigung, die dabei gefallen ist, war: Du feiges Schwein!"

Auf dem Weg zur Schiedsrichterkabine seien die Unparteiischen dann von weiteren Spielern von Hertha BSC abgefangen und unter anderem als "Arschloch" und "Wichser" (Andre Mijatovic) beschimpft worden.

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Die Berliner hätten "die Kabine stürmen" wollen (BERICHT: Paragraphen auf Hertha-Seite).

Stark gegen Berliner Offizielle

"Wir mussten die Türen immer wieder zudrücken. Ich konnte Mijatovic und Kraft (Torhüter Thomas Kraft, d. Red.) erkennen. Ich hatte Angst und war den Tränen nahe und musste mir auf die Lippen beißen. So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte der 42 Jahre alte FIFA-Schiedsrichter und stellte die entscheidende Behauptung der Berliner Offiziellen infrage:

"Wenn man unmittelbar nach dem Schlusspfiff so massiv und gezielt auf das Schiedsrichter-Team losgehen kann, stellt sich die Frage nicht, ob die Spieler Todesängste ausgestanden haben".

Er habe, sagte Stark, nach einer 20-minütigen Unterbrechung wegen des verfrühten Platzsturms der Düsseldorfer Fans von der Polizei grünes Licht für die Fortsetzung bekommen.

Stark: Kein Druck der Polizei

"Ich habe das Spiel nicht abgepfiffen, sondern lediglich unterbrochen", sagte Stark, der auch der Behauptung der Hertha-Verantwortlichen widersprach, er habe auf Druck der Polizei das Spiel fortgesetzt - wohl wichtige Gründe für die Entscheidung des Sportgerichts, kein Wiederholungsspiel anzusetzen.

Über persönliche Strafen soll in der kommenden Woche entschieden werden. Hertha-Keeper Kraft wies auf die Ängste der Berliner Profis während der Unterbrechung hin.

"Speziell Raffael und Ronny hatten Tränen in den Augen. Das waren keine Abstiegstränen. Es war die Angst vieler, was mit den Kindern auf der Tribüne passiert", sagte der Schlussmann und berichtete von Frauen, Freundinnen und Familienangehörigen der Hertha-Spieler, die im Tribünenbereich hinter der Bank saßen.

Mijatovic klagt

Kapitän Andre Mijatovic klagte: "Keiner von uns hat mehr an Fußball gedacht. Wir haben uns nur gefragt, was passiert, wenn wir das dritte Tor schießen?" Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt sagte in seinem Plädoyer, dass an diesem "schrecklichen Abend Anarchie geherrscht" habe.

Zuvor waren in der emotionalen Marathon-Sitzung insgesamt zehn Zeugen vernommen worden. Nach dem 2:1-Hinspielerfolg der Fortuna in Berlin war es am Dienstag beim Rückspiel in Düsseldorf zu einem Chaos gekommen.

Nachdem beide Fanlager schon während der Partie Bengalische Feuer gezündet hatten, stürmten Tausende Fortuna-Anhänger den Platz in der Nachspielzeit in der Annahme, das Spiel sei beendet.

Aufstiegsfeier abgesagt

Die Düsseldorfer haben ihre für Samstag geplante Aufstiegsfeier in der Arena abgesagt. Begründet wurde dies mit organisatorischen und zeitlichen Abläufen. Auch die Politik hatte sich nach dem Skandalspiel eingeschaltet.

Innenminister Hans-Peter Friedrich setzte den 54 Profiklubs inzwischen ein Ultimatum und forderte, dass sie sich vor Saisonbeginn auf "Verhaltensregeln einigen" müssten.

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