Trainer Otto Rehhagel (l.) sitzt eventuell doch noch einmal auf der Hertha-Bank © getty

Das DFB-Sportgericht entscheidet über eine mögliche Wiederholung des Skandalspiels. Vieles spricht wohl für die Berliner.

Von Björn Seitner und Andreas Ziepa

München - Am Freitagmittag um 13.30 Uhr beginnt die juristische Nachspielzeit des Skandalspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC.

Die Berliner legten nach dem 2:2 im Relegationsrückspiel in Düsseldorf (Bericht) und dem vorläufigen Abstieg in die Zweite Liga Protest ein, die Fortuna sagte die für Samstag in der Esprit-Arena angesetzte Aufstiegsfeier ab (Bericht).

Selbst Berlins Coach Otto Rehhagel verschiebt seinen zuvor lapidar angekündigten Urlaub und erklärt in der "Bild": "Jetzt zählt nur noch Hertha und der Protest."

Alles wartet auf die Entscheidung des DFB-Sportgerichts: Bekommen die Hauptstädter mit dem erhofften Wiederholungsspiel noch eine Chance auf den Klassenerhalt?

Die Chancen stehen offenbar nicht schlecht.

Düsseldorf der Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen

"Der Verein hat Aussicht auf Erfolg", sagte der renommierte Sportrechtsexperte Michael Lehner.

Die Berliner seien durch die Spielunterbrechung einer großen Chance beraubt worden, die gesamte Mannschaft sei in ihrem Spielfluss gestört worden.

Der Veranstalter - in diesem Fall Fortuna Düsseldorf als gastgebender Verein - sei seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen, erklärte Lehner: "Deswegen müsste es aus juristischer Sicht eine Spielwiederholung geben."

Fans am Spielfeldrand

Laut des zweiten Absatzes von § 3 Nr. 2 der "Richtlinien zur Spielordnung" des DFB "darf sich niemand am Spielfeldrand aufhalten. Auch der Aufenthalt hinter den Toren ist verboten."

Fakt ist: Bereits vor dem ersten platzstürmenden Fortuna-Anhänger stauten sich hunderte Fans hinter den Werbebanden und teilweise direkt hinter dem Tor von Fortuna-Keeper Michael Ratajczak.

Ein Bereich, in dem sich nur Offizielle, Fotografen und Ordner aufhalten dürfen.

Zu diesem Zeitpunkt lief das Spiel noch. Schiedsrichter Wolfgang Stark hätte also bereits hier die Partie mindestens unterbrechen müssen.

[kaltura id="0_nm0horho" class="full_size" title="Hertha Letzte Chance durch die Hintert r"]

Sicherheit muss gewährleistet sein

Auch für den früheren FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann wäre "ein Spielabbruch angemessen gewesen", wie er SPORT1 bestätigte:

"Die Sicherheit war für keinen mehr gewährleistet."

Absatz eins des zuvor genannten Paragraphen besagt jedoch, dass der gastgebende Klub "für den Schutz und die Sicherheit der Spieler, des Schiedsrichters und der Schiedsrichter-Asistenten" verantwortlich ist (EINWURF: Nicht erstligareif).

Wie Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt erklärte, saßen die Berliner Spieler "mit Todesangst leichenblass in der Kabine" ( 559883 DIASHOW: Die Bilder des Spiels ).

Nachspielzeit beendet?

Auch das Thema Nachspielzeit muss das DFB-Sportgericht genau untersuchen.

Sieben Minuten wurden als offizielle Nachspielzeit angegeben, nun gilt zu klären, ob diese der Hertha auch in voller Länge ermöglicht wurde.

Laut DFB-Regelwerk darf der Schiedsrichter die Nachspielzeit zwar bei Bedarf verlängern, nicht aber kürzen.

Cherkeh räumt Einspruch Erfolg ein

Wie Lehner glaubt auch Kollege Rainer Cherkeh aus Hannover an einen Erfolg des Berliner Protests:

"Letztendlich hat das DFB-Sportgericht darüber zu entscheiden. Dem Einspruch könnte aber stattgegeben werden."

Ermittlungen gegen Spieler

Zusätzlich wird sich der Kontrollausschuss auch noch einigen Spielern widmen:

Gegen die Berliner Levan Kobiashvili, Thomas Kraft, Christian Lell und Andre Mijatovic sowie Fortunas Andreas Lambertz wurden ebenfalls Ermittlungen aufgenommen.

Kobiashvili wird vorgeworfen, Stark nach Spielschluss in den Nacken geschlagen zu haben. Dem Georgier drohen angeblich sogar zivilrechtliche Konsequenzen.

Seine drei Mannschaftskollegen sollen den FIFA-Referee beleidigt haben, ebenfalls nach Abpfiff.

Lambertz soll nach Abpfiff im Innenraum ein Bengalisches Feuer gehalten haben.

Abschaffung der Stehplätze?

Unterdessen wird auch bereits über langfristige Konsequenzen nachgedacht.

DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock sieht die Privilegien der Fußball-Fans in Deutschland in Gefahr. Dies könnte bedeuten, dass künftig auch in deutschen Stadien die Stehplätze abgeschafft werden.

"Wir sind die einzigen in Europa, die sich für den Erhalt der Stehplätze eingesetzt haben. Zu den Privilegien gehören auch die billigen Eintrittspreise und der Wegfall der Zäune. Nun muss auch erlaubt sein, über die Privilegien nachzudenken", sagte Sandrock im "ARD-Brennpunkt".

Nun gelte es aber erstmal schnellstmöglich Klarheit zum Fall in Düsseldorf zu haben: "Das Sportgericht ist eine unabhängige Instanz, wir müssen jetzt den Gang der Dinge abwarten", so Sandrock.

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