Michael Preetz ist seit 2009 Manager bei Hertha BSC Berlin © getty

Nach dem Chaos-Spiel in Düsseldorf hofft Berlin nun auf ein Wiederholungsspiel. SPORT1 analysiert die wichtigsten Fragen.

Von Jakob Gajdzik und Daniel Michel

München - Am Ende verkam der Aufstieg zur Nebensache.

Beim Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC (2:2) stürmten kurz vor dem Abpfiff die Fortuna-Fans den Rasen und sorgten für eine 20-minütige Spielunterbrechung und beinahe für einen Abbruch (Bericht).

Bereits zuvor hatten vor allem die Hertha-Fans aus ihrer Kurve massenweise Pyrotechnik abgefeuert und bereits für die erste Zwangspause gesorgt.

Die Ereignisse in Düsseldorf werden Konsequenzen haben - wahrscheinlich für beide Klubs.

Verhandlung am Freitag

Die Berliner legten am Mittwochnachmittag offiziell Protest gegen die Spielwertung ein und hoffen auf eine Spielwiederholung. Bereits am Freitag wird vor dem Sportgericht des DFB verhandelt.

"Es ging nur noch um die Sicherheit unserer Spieler, ein regulärer Spielablauf war nicht mehr möglich. Die Spieler hatten Angst. Es ging nicht mehr um das Sportliche. Deshalb haben wir unseren Anwalt Christoph Schickhardt beauftragt, formell und fristgerecht Einspruch gegen die Spielwertung einzulegen", sagte Manager Michael Preetz im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin.

"Einziger Zweck der Wiedereröffnung dieses Spiels war, eine weitere Eskalation zu verhindern. Es war Polizeitaktik, das Spiel unbedingt zu Ende zu führen, um weitere Ausschreitungen zu vermeiden", sagte Schickhardt anschließend zur Begründung.

Die Erfolgschancen des Protests bezeichnete er als "absolut groß. In der DFB-Satzung steht eindeutig, dass ein Spiel unter diesen Umständen nicht gewertet, sondern wiederholt wird."

Fortuna sagt Aufstiegsfeier ab

"Die Fortuna sagte die für Samstag geplante Aufstiegsfeier in der Esprit-Arena ab. Das habe "verschiedene organisatorische Gründe", sagte der Fan-Beauftragte Jörg Emgenbroich der "Rheinischen Post".

Pressesprecher Tom Koster kündigte für Donnerstag eine Erklärung des Klubs an.

"Hertha spielt Schwarzer Peter"

"Wir gehen davon aus, dass das Spiel ordnungsgemäß abgepfiffen wurde und das Spielergebnis Bestand hat", sagte Fortunas Präsident Peter Frymuth:

"Ich finde es doch verwunderlich, die nicht genutzten Chancen in zwei Spielen nun an zwei Minuten festzumachen."

Die Fortuna habe "bisher nicht darüber geredet, dass nach dem 2:1 für uns massiv Sachen aus dem Hertha-Block geflogen sind und die Partie vor dem Abbruch stand. Wir haben uns nicht an dem Schwarzer-Peter-Spiel beteiligt. Hertha macht das nun."

[kaltura id="0_88izglc0" class="full_size" title="Hertha Die Spieler hatten Angst "]

"Sicherheit nicht gewährleistet"

"Für mich wäre ein Spielabbruch angemessen gewesen", sagte der frühere FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann SPORT1: "Die Sicherheit war für keinen mehr gewährleistet. Wann soll man ein Spiel abbrechen, wenn nicht in dieser Situation - will man warten, bis einer stirbt?"

Fakt ist: Nach den Vorfällen in Düsseldorf, einen Tag zuvor ins Karlsruhe oder am letzten Bundesliga in Köln zeigt sich, dass der deutsche Fußball ein massives Sicherheitsproblem hat. (EINWURF: Nicht erstligareif)

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen nach dem "Chaos-Spiel".

Wie konnte es zum Platzsturm kommen?

Nach dem 1:2 feuerten Berliner Anhänger zahlreiche Feuerwerkskörper auf das Spielfeld und brannten bengalische Feuer ab.

Schiedsrichter Wolfgang Stark unterbrach die Partie für einige Minuten, bis die Feuer auf dem Rasen gelöscht waren. Die Folge war eine siebenminütige Nachspielzeit. 559883 (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

Sicherheitskräfte konzentrieren sich auf Hertha

Auch wenn zur gleichen Zeit Pyrotechnik im Düsseldorfer Block brannte, als Konsequenz sammelten sich die Ordnungskräfte verstärkt vor dem Gästeblock, um weitere Vorkommnisse zu unterbinden.

Die Fortuna-Fans nutzen das und kletterten über die Absperrung bereits vor dem Abpfiff auf den Spielfeldrand.

Knapp 90 Sekunden vor dem Ende der angezeigten Nachspielzeit stürmten die Fans den Rasen, noch bevor der Pfiff von Stark ertönte.

"Dass euphorisierte Düsseldorfer Fans den Platz stürmen, dafür kann man sogar Verständnis aufbringen. Wenn einer rennt, rennen sie alle", zeigte Fanforscher Gunter A. Pilz Verständnis für diese Aktion, verurteilte aber den Einsatz der Pyrotechnik als "verboten" und "gefährlich".

Werner dementiert Unterbesetzung

Dass zu wenige Ordner im Stadion waren, dementierte Fortuna-Manager Wolf Werner umgehend.

Aber auch die Sicherheitskontrollen in Düsseldorf müssen auf den Prüfstand gestellt werden, um zu verhindern, dass erneut eine derart hohe Anzahl an Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt werden kann.

Welche Chancen ergeben sich für Hertha BSC?

Die Berliner haben Protest gegen die Spielwertung eingelegt, um vielleicht noch am "Grünen Tisch" eine Entscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen.

"Die Spieler saßen mit Todesangst leichenblass in der Kabine. Im Gesetz steht: Wenn Einflüsse von außen auf ein Spiel treffen, die nichts mit dem Spiel zu tun haben, muss wiederholt werden", sagte Herthas Anwalt Christoph Schickhardt "Sky".

Schickhardt: "Blutbad verhindert"

Im "Morgenmagazin" des "ZDF" ergänzte er: "Schiedsrichter Wolfgang Stark hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern wohl nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern."

Schickhardt sieht dieses Spiel als "irregulär" an und fordert den DFB und die DFL auf, zu reagieren.

Unterstützung erhält Schickhardt vom renommierten Sportrechtsexperten Michael Lehner

Wiederholung aus juristischer Sicht möglich

"Das Spiel ist nicht ordnungsgemäß nach dem Prinzip der Chancengleichheit zu Ende gebracht worden. Es gab einen Bruch im Sinne der Spielentwicklung", sagte der Anwalt.

"Die Mannschaft von Hertha BSC ist durch das Verschulden Dritter einer reellen Chance beraubt worden, das Spiel noch zu gewinnen. Deswegen müsste es aus juristischer Sicht eine Spielwiederholung geben."

Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, selbst Jurist, unterstützte erwartungsgemäß einen Protest: "Hertha konnte sich nicht mehr konzentrieren nach dieser Unterbrechung."

Welche Konsequenzen drohen Fortuna Düsseldorf?

Den Düsseldorfern drohen als gastgebende Mannschaft Sanktionen in Form von Geldstrafen, Geisterspielen oder einer Platzsperre.

Auch ein Ausschluss aus dem DFB-Pokal, wie es bereits bei Dynamo Dresden der Fall war, wäre eine Option. Im extremsten Fall könnte es gar zu einem Wiederholungsspiel kommen.

Die Polizeigewerkschaft (GdP) geht sogar noch weiter.

"Appelle an Vernunft und Verstand bringen nichts"

"Offensichtlich bringen Appelle an Vernunft und Verstand nichts. Der DFB ist jetzt vor dem angekündigten Anti-Gewalt-Gipfel von Fußball und Justiz in der Pflicht, zu prüfen, ob über Punktestrafen die Fans diszipliniert werden können", sagte der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut.

"Erst wenn die Fans begreifen, dass ihre unbeherrschten Gewaltausbrüche zu Punktabzügen bei ihrem Lieblingsverein und somit im schlimmsten Fall zum Abstieg führen können, dürfte die Gewalt eher eingrenzbar sein."

Zudem wird offenbar gegen Andreas Lambertz ein Verfahren eingeleitet, weil der Fortuna-Kapitän nach Spielende mit einem bengalischen Feuer auf dem Rasen stand.

Welche Konsequenzen drohen Hertha BSC?

Auch für die Berliner dürfte die Partie ein Nachspiel haben.

In erster Linie geht es um die Reaktionen der Spieler gegenüber Schiedsrichter Stark, der nach der Spielunterbrechung anstatt der angekündigten 120 Sekunden nur 90 hat nachspielen lassen.

Hat Kobiashvili Stark geschlagen?

Im Fokus steht besonders der Berliner Levan Kobiashvili, der in den Katakomben Stark ins Gesicht geschlagen haben soll.

Zudem soll Christian Lell Stark übel beleidigt haben. Die "Bild" zitierte Lell mit den Worten: "Du feiges Schwein, da brauchst du gar nicht mehr anzupfeifen."

Lukimya beschuldigt Lell schwer

Das soll nicht sein einziges Vergehen gewesen sein. Auch Düsseldorfs Verteidiger Assani Lukimya erhebt bei "Sky" schwere Anschuldigungen.

Er soll ihn bei Schlichtungsversuchen angespuckt haben. "Ich hoffe, dass das auf Kameras festgehalten wurde und dass da noch etwas passiert", so Lukimya.

Zudem droht dem Verein wegen der Pyrotechnik im Hertha-Block Sanktionen in Form von Geldstrafen oder Platzsperren.

Die Gewaltorgie einiger Berliner setzte sich auch im Sonderzug zurück in die Hauptstadt fort, in dem ein kompletter Waggon zerstört wurde.

Wie reagiert der DFB?

Mögliche Konsequenzen zu den beiden Teams verkündete der DFB noch nicht.

Fest steht aber: Nach dem Skandal muss und soll der Fokus verstärkt auf die Gewaltprävention gelegt werden.

"Bestürzung und Sorge"

Mit "Bestürzung und Sorge" hat der Verband auf die erneute Randale reagiert.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Liga-Boss Reinhard Rauball gestanden in einer gemeinsamen Erklärung ein, dass "die bisherigen Konzepte und Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen".

In den vergangenen Monaten sei "in der eigens gegründeten Task Force Sicherheit mit Vertretern aus Vereinen, Verbänden, Justiz, Polizei und Fanstrukturen ein Katalog erarbeitet" worden, der vorgibt, an welchen Stellen in den Bereichen Prävention und Sanktion angesetzt werden könne".

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, forderte Konsequenzen:

"Das, was in Düsseldorf geschehen ist, besitzt eine neue Qualität. Man muss jedes Detail unter die Lupe nehmen, damit solche Auswüchse in Zukunft verhindert werden können. Da sind DFL, DFB, Politik und Polizei gefordert."

Hat der Schiedsrichter korrekt gehandelt?

Hier scheiden sich die Expertenmeinungen. Dass Stark die Partie nach 90 anstatt nach 120 Sekunden Nachspielzeit abgepfiffen hat, lag in seinem Ermessensbereich und war daher vollkommen regelkonform.

Auch sonst gab es großes Lob von offizieller Seite.

"Wir sind sehr froh, dass wir unseren erfahrensten Mann zu diesem Spiel geschickt haben. Wir können alle froh darüber sein, dass er mit seiner starken Persönlichkeit alle schwierigen Situationen sauber gelöst hat", sagte Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel.

Und Hellmut Krug, Schiedsrichterbeauftragter der DFL, erklärte: "Es war eine sehr gute Schiedsrichterleistung. Es war bewundernswert, mit welcher Ruhe und Gelassenheit Wolfgang Stark diese schwierige Situation bewältigt hat".

Heynemann freilich sieht das genauso wie die Sportrechtler Schickhardt und Lehner völlig anders: "Wann soll man ein Spiel abbrechen, wenn nicht in dieser Situation - will man warten, bis einer stirbt?"

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