Die Berliner wollen nach den Krawallen in Düsseldorf wohl Protest einlegen © getty

Berlins Spieler verfolgen den Schiedsrichter. Hertha will nach dem Skandalspiel in Düsseldorf Protest einlegen. Rehhagel warnt.

Aus Düsseldorf berichtet Thorsten Langenbahn

Düsseldorf - Draußen stürmten die allzu euphorischen Fortuna-Anhänger zum zweiten Mal den Platz der Düsseldorfer Esprit-Arena, drinnen jagte Hertha BSC Berlins Kapitän Andre Mijatovic nach dem endgültigen Schlusspfiff Schiedsrichter Wolfgang Stark hinterher.

"Feige seid ihr, das waren keine zwei Minuten", schrie er dem Unparteiischen aus Ergolding und seinen Assistenten nach. Auch Christian Lell pflaumte die Schiedsrichter auf dem Weg zur Dopingprobe an.

Mijatovics Vorwurf nach dem 2:2 im Relegations-Rückspiel (Bericht): Stark habe aus Furcht vor den Fortuna-Fans nicht mehr die volle Nachspielzeit runterlaufen lassen.

"Hast Du noch nie gepfiffen?"

Schon 22 Minuten zuvor war Mijatovic nach Starks Unterbrechung 90 Sekunden vor dem Ende dem Schiedsrichter auf dem Weg in die Kabine gefolgt: "Hast Du noch nie gepfiffen?", brüllte er völlig außer sich.

Ironie des Schicksals: Erst am Wochenende hatte Stark, der als einziger deutscher Schiedsrichter für die EM 2012 nominiert ist, in der "taz" mehr Respekt für seine Zunft gefordert.

Rösler jagt Fans vom Rasen

Das Relegations-Rückspiel wird nicht nur für Herthas kroatischen Verteidiger ein Nachspiel haben. In Starks Spielbericht stehen neben acht gelben Karten und Gelb-Rot für Herthas Änis Ben-Hatira auch der drohende Spielabbruch 559883 (DIASHOW: Die Bilder des Spiels) .

Tausende Fortuna-Fans hatten um 22.26 Uhr vorbei an den Ordnern den Platz gestürmt, sie rissen Stücke aus dem Aufstiesgsrasen, zündeten bengalische Feuer. Knapp fünf Minuten der siebenminütigen Nachspielzeit waren da erst absolviert.

Der Stadionsprecher wies immer wieder darauf hin: "Liebe Fans von Fortuna Düsseldorf, das Spiel ist noch nicht beendet." Vergeblich.

Fortuna-Stürmer Sascha Rösler jagte die Fans einzeln vom Platz, während Christian Lell Düsseldorfs Verteidiger Assani Lukimya provozierte. Chaos total.

DFB-Präsident sitzt auf der Tribüne

Das Skandalspiel vor den Augen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, eingefleischter Fortuna-Anhänger, stellte den Aufstieg zunächst in den Schatten.

"Das war eine Eskalation, wir können froh sein, dass es so glimpflich ausgegangen ist", sagte Hellmut Krug, Schiedsrichterchef der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Als sich die Tumulte beruhigt hatten und das Spielfeld nach 20 Minuten wieder geräumt war, pfiff Stark ein letztes Mal wieder an.

Allerdings ließen sich die Hertha-Spieler, die zuvor vehement geschimpft hatte, diesmal bitten. Erst fünf Minuten nach Aufforderung durch den Referee kamen sie aus der Kabine.

"Die haben ja überlegt, gar nicht mehr rauszukommen und Protest einzulegen. Dann hätten sie sich komplett lächerlich gemacht", sagte Rösler zu SPORT1.

Hertha erwägt Protest

Die Berliner erwägen nun einen Protest, um den Abstieg in einem möglichen Wiederholungsspiel doch noch zu verhindern.

"Das ist unsere Verantwortung für Hertha BSC", sagte Berlins Sportdirektor Michael Preetz.

"Der Schiedsrichter hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation ? man hat von einem Blutbad gesprochen ? zu verhindern", erklärte Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt bei "Sky":

"Spieler hatten Todesangst"

"Die Spieler saßen mit Todesangst leichenblass in der Kabine. Im Gesetz steht: Wenn Einflüsse von außen auf ein Spiel treffen, die nichts mit dem Spiel zu tun haben, muss wiederholt werden."

Ob die Berliner mit dieser Forderung Erfolg haben, ist zumindest nicht auszuschließen. Der DFB-Kontrollausschuss nahm am Mittwoch Ermittlungen auf.

"Das Sicherheitskonzept hat nicht funktioniert", gestand Fortuna-Präsident Peter Frymuth ein.

15 Jahre hatte die Fortuna auf den Aufstieg gewartet, innerhalb weniger Minuten schienen Unverbesserliche diesen Traum zu zerstören.

Düsseldorfs Manager Wolf Werner räumte ein: "Es ging bei diesen Szenen nicht um Gewalt, sondern um Freude. Das ist natürlich keine Entschuldigung. Das Wort Gewalt will ich in diesem Zusammenhang nicht angewendet haben."

Rehhagel warnt vor "Katastrophe"

Hertha-Chaoten hatten bereits nach dem 2:1 in der 59. Minute mit dutzenden Feuerwerkskörpern fast für einen Spielabbruch gesorgt. Nach fünfminütiger Unterbrechung setzte Stark die Partie jedoch fort.

"Es hält immer mehr Einzug, dass die Zuschauer versuchen, auf ein Spiel einzuwirken. Da sind jetzt auch die Medien gefordert, sonst endet es in einer Katastrophe", forderte Hertha-Trainer Otto Rehhagel nach seiner gescheiterten Rettungs-Mission.

Derweil freuten sich die Fortunen über die Rückkehr ins Oberhaus.

"Es war ein langer und harter Weg, aber es hat sich gelohnt. Das war das packendste Finale, das ich je erlebt habe", meinte Kapitän Andreas Lambertz.

Dabei zitterten sich die Düsseldorfer allerdings ins Ziel. "Wenn man noch ein einen kassiert, ist man wieder raus aus der Nummer. Das war so nervenaufreibend, ich bin froh, dass es vorbei ist. Heute wird noch gefeiert", sagte Lambertz erleichtert.

Lell: "Da gibt es keine Ausreden"

Christian Lell gestand immerhin ein, dass nicht der Schiedsrichter den sechsten Abstieg in der Vereinsgeschichte zu verantworten hatte.

"Wir suchen keinen Sündenbock. Wir wissen selber, dass wir über die gesamte Spielzeit, gerade in der Rückrunde, nicht erstligareif gespielt haben. Da gibt es auch keine Ausreden", sagte Lell (DATENCENTER: Die Relegation).

"In der Kabine herrschte Sprachlosigkeit. Ich möchte der Fortuna zum Aufstieg gratulieren. Es ist ein sehr, sehr bitterer Abend für uns, den Verein und die Fans", fasste Hertha-Mittelfeldspieler Peter Niemeyer mit verheulten Augen, bevor er im Mannschaftsbus verschwand.

Rehhagel meinte: "Die Welt wird nicht untergehen. Jetzt können wir noch eine Nacht weinen. Dann muss der Blick wieder nach vorne gerichtet sein."

In Düsseldorf feierten die Fans an der längsten Theke der Welt dagegen die ganze Nacht.

Meier lobt den Schiedsrichter

"Für mich ist das schon eine kleine Fußballsensation, dass wir das mit unserer Mannschaft geschafft haben. Wir haben ein ganz bewegtes Jahr hinter uns mit einem Wechselbad der Gefühle", sagte Fortuna-Trainer Norbert Meier glücklich.

"Herr Stark hat immer die Übersicht behalten. Der Schiedsrichter hat gut reagiert und alles richtig gemacht", lobte Meier.

Hertha-Hooligans zerstören Zug

Die Hertha-Rowdys ließen ihrem Frust auf der Rückfahrt in die Hauptstadt freien Lauf. In einem Sonderzug schlugen sie Scheiben ein, zündeten aus dem Zug heraus Pyrotechnik.

Die Zerstörung war nach Polizeiangaben so groß, dass der Zug in Hamm abgekoppelt werden musste.

Der riesige Imageschaden für den deutschen Fußball nach diesem Skandalspiel wird sich nicht so einfach abkoppeln lassen.

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