Markus Babbel ist seit Februar 2012 Trainer bei 1899 Hoffenheim © imago

Vor dem Spiel bei Hertha BSC spricht Hoffenheims Trainer Babbel bei SPORT1 über das brisante Wiedersehen und die neuen Ansprüche.

Von Reinhard Franke

München - Wenn Markus Babbel am Samstag aus dem Hoffenheimer Mannschaftsbus aussteigt, wird er bestimmt nicht locker drauf sein.

Der Trainer der Kraichgauer trifft zum ersten Mal wieder auf seinen Ex-Verein Hertha BSC (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER), von dem er im Dezember im Unfrieden geschieden war.

Vor allem zwischen ihm und Herthas Manager Michael Preetz ist das Tischtuch zerschnitten.

Es ist daher kein normales Wiedersehen. Auch sportlich steht viel auf dem Spiel.

Schon mit einem Unentschieden kann der geschasste Ex-Coach seinem früheren Klub eins auswischen.

Dann wird die Hertha den bitteren Gang in die Zweite Liga antreten müssen.

Doch Babbel wehrt sich gegen Vorwürfe, er würde den Berlinern den Abstieg gönnen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Vor dem Duell mit der "Alten Dame" spricht der 39-Jährige bei SPORT1 über das brisante Wiedersehen, das neue Anspruchsdenken in Hoffenheim und schwärmt von seiner zukünftigen Nummer 1, Tim Wiese.

SPORT1: Herr Babbel, am Samstag müssen Sie mit Hoffenheim ausgerechnet zu Ihrem gegen den Abstieg kämpfenden Ex-Klub Hertha BSC. Wie gehen Sie in das für Ihre Mannschaft nicht mehr ganz so wichtige Spiel?

Markus Babbel: Wer sagt das? Es ist unser letztes Bundesliga-Spiel in dieser Saison und das wollen wir gut zu Ende bringen, das heißt drei Punkte holen. Wenn einer glaubt, dass das Spiel für uns nicht mehr wichtig wäre, täuscht er sich gewaltig.

SPORT1: Sie haben mehrfach betont, dass die Hertha mit Ihnen hundertprozentig nicht abgestiegen wäre. Klingt da immer noch Enttäuschung durch, dass man Sie entlassen hat?

Babbel: Überhaupt nicht. Mich ärgert das. Das ist wie in einem schlechten Film. Sobald man etwas Negatives heraushören könnte, wird gleich eine Riesen-Schlagzeile daraus gemacht von wegen "Babbel tritt nach" oder "Babbel wünscht Hertha den Abstieg".

SPORT1: Ist es nicht so?

Babbel: Das ist absoluter Blödsinn. Mir liegt der Verein am Herzen, weil ich da tollen sportlichen Erfolg hatte. Ich habe viele Freunde dort, auch wenn es nach dem Spiel ein paar weniger sein könnten (lacht). Ich bin der letzte Mensch, der will, dass Hertha absteigt. Alle, die mich kennen, wissen genau, dass ich keine Schadenfreude in mir trage.

SPORT1: Aber Ihnen ist schon bewusst, dass Sie Hertha ins Verderben schicken können?

Babbel: Schon, aber denken alle, wir schenken das Spiel her? Ich habe eine Verantwortung meinem Verein gegenüber, aber auch gegenüber dem 1. FC Köln. Die werden auch hoffen, dass wir alles dafür tun, um in Berlin zu gewinnen. Man hat 34 Spieltage Zeit und die Situation ist jetzt so für Hertha, aber das ist nicht mein Problem. Mich ärgert es, wenn ich jetzt hingestellt werde, als ob ich Rachegelüste hätte. Man hat sich getrennt und das ist im Fußball so. Jetzt bin ich in Hoffenheim und das ist eine schöne Sache. Aus, Äpfel, Amen.

[kaltura id="0_sbwxjxo4" class="full_size" title="Hertha BSC: Siegen oder fliegen"]

SPORT1: Sie wirken gereizt...

Babbel: Mich haben die letzten Tage genervt. Dass unser Sieg für Berlin der Worst Case ist, das ist nicht mein Problem, ich bin Angestellter von Hoffenheim. Wir müssen nach zwei Niederlagen wieder in die Spur finden.

SPORT1: Werden Sie auf Michael Preetz zugehen, der Sie nach Ihrer Trennung der Lüge bezichtigt hatte?

Babbel: Wenn Preetz mir über den Weg läuft, dann gebe ich ihm die Hand, weil ich höflich erzogen wurde. Ich muss aber mit ihm kein Bier trinken gehen.

SPORT1: Preetz hat gesagt, dass es für Nachtreten im Fußball Rot geben müsse und auch der ehemalige Hertha-Profi Pal Dardai macht Stimmung gegen Sie. Zudem haben die Berliner Sie per Anwalt aufgefordert, kritische Äußerungen gegenüber dem Verein zu unterlassen. Was sagen Sie zu alledem?

Babbel: Gar nichts. Ich bin kein Typ, der nachtritt.

SPORT1: Tut Ihnen die Hertha leid?

Babbel: Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie eine bessere Ausgangsposition erarbeiten. Sie sind auf andere angewiesen und das ist immer schlecht. Für die Liga wäre es bitter, wenn so ein Klub absteigen müsste.

SPORT1: Sie sagten das Anspruchsdenken in der Hauptstadt sei zu hoch.

Babbel: In der Stadt Berlin ist es unglaublich schwer zu arbeiten, weil die Erwartungshaltung extrem hoch ist. Das ist eine internationale Top-Stadt und von der Ausgangsposition ist es für den Klub viel schwieriger als bei uns, wo man ruhiger arbeiten kann. Zu meiner Zeit hätte ich mir gewünscht, dass manche Sachen realistischer eingeschätzt worden wären. Aber das ist schwierig in Berlin, da mache ich dem Verein nicht mal einen Vorwurf. So ein Tages-Business wie dort habe ich noch nie erlebt.

SPORT1: In Hoffenheim soll es dagegen demnächst endlich nach Europa gehen?

Babbel: Wir wollen das Anspruchsdenken weiter nach oben schrauben, nicht zufrieden sein mit dem bisher Erreichten. Es muss die nächste Stufe genommen werden. Ich will nicht wieder im Mittelfeld landen. Wir haben beste Bedingungen, auch von der Infrastruktur her, und müssen jetzt sportlich nachziehen. Dafür braucht man Spieler, die für den weiteren Weg hungrig und willig sind, aber auch Spieler mit der nötigen Erfahrung.

SPORT1: Mit Tim Wiese, Matthieu Delpierre und Eren Derdiyok wurden drei erfahrene Spieler verpflichtet. Vor allem Wiese war Ihr Wunsch-Spieler. Wie froh sind Sie, dass es geklappt hat?

Babbel: Sehr froh. Tim wird uns weiterbringen. Er ist ein internationaler Top-Spieler mit einer hohen Eigenmotivation. Wir haben alles investiert, ihn zu bekommen. Dass es jetzt geklappt hat, freut uns sehr. An ihm können sich junge Spieler anlehnen. Tim hat es bis in die Nationalelf geschafft. Das sagt eigentlich alles. Er weiß, dass hier ein Verein ist, der nach oben kommen will.

SPORT1: Können Sie nachvollziehen, dass ein Tom Starke, der in Hoffenheim beliebt war, enttäuscht ist?

Babbel: Na klar. Ich bin auch Sportler. Solche Aussagen treffen einen. Es gibt aber Situationen, in denen ich eine unpopuläre Entscheidung treffen muss. Es ist aber meine Aufgabe als Trainer und Manager, die besten Leute nach Hoffenheim zu lotsen. Das hat nichts mit Tom Starke zu tun.

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