Sorgenvoller Blick: Jürgen Röber war von 1996 - 2002 Trainer bei Hertha BSC Berlin © getty

Herthas Ex-Coach Jürgen Röber spricht bei SPORT1 über die schlimme Lage in Berlin, die Babbel-Rückkehr und übt harrsche Kritik.

Von Reinhard Franke

München - Er hat ein besonderes Verhältnis zur "Alten Dame".

Jürgen Röber lebt in Berlin und trägt Hertha BSC im Herzen. Er spricht von "meinem Verein" und möchte gar nicht mehr aufhören über den Traditionsklub aus der Hauptstadt zu reden, wenn er mal angefangen hat.

Kein Wunder, mit der Hertha erlebte Röber seine schönste Zeit und feierte sportlich seine größten Erfolge als Trainer. Der 58-Jährige führte die Berliner zur Saison 1997/98 in die Bundesliga und 1998/99 mit dem dritten Tabellenplatz in die Champions League.

Von solchen Erfolgen träumen sie heute in Berlin. Der Verein steht mit einem Bein in der 2. Liga (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Am Samstag muss ein Sieg gegen 1899 Hoffenheim her, sonst gehen in Berlin die Bundesliga-Lichter aus.

Im SPORT1-Interview spricht Röber über die schwierige Situation, die Rückkehr von Herthas Ex-Coach Markus Babbel und bietet dem Verein seine Hilfe an.

SPORT1: Herr Röber, Hertha BSC Berlin steht nach 33 Spielen auf dem 17. Tabellenplatz mit zwei Punkten Abstand auf den Relegationsplatz. Der direkte Klassenerhalt klappt nicht mehr. Ist die "Alte Dame" noch zu retten?

Jürgen Röber: Die Möglichkeiten sind eigentlich größer als vor dem letzten Spiel, wenn man die Konstellation jetzt sieht. Dass Hertha auf Schalke (NACHBERICHT: Hertha orientierungs- und sprachlos) verliert, war schon klar und die Kölner hätten in Freiburg schon auch punkten können. Hertha hat jetzt das vermeintlich leichtere Spiel gegen Hoffenheim und der 1. FC Köln spielt zu Hause gegen Bayern. Von daher hat Hertha die bessere Ausgangslage.

SPORT1: Klingt verrückt, oder?

Röber: (lacht) Stimmt. Normalerwiese hat es Hertha nicht verdient drinzubleiben, aber ich wohne in Berlin, will weiter Erstligafußball sehen und von daher hoffe ich, dass sie es schaffen.

SPORT1: Warum hat es Hertha nicht verdient in der Liga zu bleiben?

Röber: Weil sie einfach nicht das gezeigt haben, was man in so einer Situation zeigen muss. Dass wird ja auch von Michael Preetz (Hertha-Manager, Anm. d. Red.) und von Otto (Hertha-Coach Otto Rehhagel, Anm. d. Red.) ganz krass kritisiert. In der Rückrunde gingen die Spieler ran wie "Luschis". Druck hin oder her, aber dafür ist die Mannschaft selber verantwortlich.

[kaltura id="0_fjs68670" class="full_size" title="Hoffnung vor den Abstiegsendspielen"]

SPORT1: Rehhagel sollte der Retter sein, doch unter ihm wurde es nur schlimmer. Hat sich König Otto entzaubert?

Rehhagel: Natürlich hat man sich da etwas anderes erhofft. Der Fokus sollte sich auf Otto lenken, das war auch dann der Fall. Man hat gehofft, dass der Druck von den Spielern abfällt und dass man wieder in die Spur kommt. Aber die Truppe hat es einfach versaut.

SPORT1: Im Winter wurde Markus Babbel nach einem Zoff mit Preetz entlassen, obwohl er mit der Hertha in der Hinrunde 20 Punkte holte. Babbel kommt nun am Samstag mit Hoffenheim zurück und hat wenig Mitleid mit der Hertha. Er verspricht einen heißen Tanz und kann das Zünglein an der Waage spielen.

Röber: Es kann sich alles rächen. Aber ganz ehrlich, da spielt nicht Babbel gegen Preetz. Man hat bei den Hoffenheimern doch auch das Gefühl, wenn die nicht müssen, dann passiert da nicht viel. Ich würde nicht darauf wetten, dass die Spieler Babbels Ankündigung so ernst nehmen. Die interessiert das wenig, ob Babbel mit Preetz Theater hatte oder nicht.

SPORT1: War es ein Fehler Babbel zu entlassen?

Röber: Das kann ich nicht sagen. Auch vor der Entlassung wurden die letzten sechs Spiele nicht mehr gewonnen. Fakt ist, dass die Situation nach Babbel nicht besser wurde. Ich weiß nicht, was zwischen Babbel und Preetz vorgefallen ist, aber wenn man sich zum Saisonende getrennt hätte, wäre es sicher die bessere Variante gewesen. Dann hast du sechs Monate Zeit für die Trainersuche und hast Ruhe im Bau.

SPORT1: Der Ex-Herthaner Andreas Schmidt, der auch unter Ihnen lange Spieler war, äußerte besorgt, dass der Klub sich bei einem Abstieg im Zweifelsfall auf mehrere Jahre 2. Liga einstellen müsse. Hat er Recht?

Röber: Wenn Andreas das sagt, dann muss man das schon ernst nehmen, weil er die Abläufe im Verein kennt und weiß, wie die finanziellen Möglichkeiten bei Hertha sind, welche Sponsoren sich eventuell zurückziehen. Einen Kraftakt wie vor zwei Jahren werden sie nicht mehr hinkriegen. Einige Spieler zieht es wohl weg, so wie die spielen. Es ist traurig, was da passiert. Da laufen Profis rum, die in Berlin spielen können und dann wird das so versaut. In Berlin lohnt es sich für jeden Spieler und Trainer zu arbeiten.

SPORT1: Die Verantwortlichen sagen nichts. Es gibt kein öffentliches Training und keine Interviews. Ist das richtig?

Röber: Das hat Otto schon früher so gemacht. Das kommt nicht immer gut an. Eigentlich braucht man jetzt die Medien. Man sollte sie mit ins Boot nehmen. Wenn man in so einer Phase Kritik bekommt, muss man damit leben. Sich jetzt ganz abzuschotten, finde ich nicht richtig.

SPORT1: Würden Sie der Hertha eigentlich nochmal als Trainer helfen wollen?

Röber: Ich könnte sicherlich noch etwas bewegen. Ich brenne noch, aber ich möchte am Montag kein guter Mensch sein, wenn ich gewonnen habe und kein schlechter, wenn ich verloren habe. Es macht mir noch Spaß und ich denke, dass ich noch einer der Besten bin. Aber ich habe mich dazu entschlossen, dass ich das nicht mehr mache. Ich will kein Manager werden und kein Trainer, ich würde einfach gerne diesem Verein, wo ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht habe, helfen. Gerne in beratender Funktion. Hertha ist für mich eine Herzensangelegenheit.

SPORT1: Wer wird denn ab Sommer neuer Trainer bei Hertha? Thomas Doll wird gehandelt, Ralf Rangnick hat abgesagt, weil er auch den Manager machen wollte und Preetz wohl auch beim Abstieg bleiben darf.

Röber: Ich habe gehört, dass Doll kein Thema mehr ist. Bei Ralf Rangnick bin ich überrascht. Er ist ein guter Trainer, aber es hat mich gewundert, wenn einer vom Burnout wiederkommt und dann gleich beide Funktionen ausüben will. Da weiß ich auch nicht, wie ich das einordnen soll. Ich könnte mir so einen Typ wie Stanislawski (Ex-St. Pauli-Coach Holger Stanislawski, Anm. d. Red.) vorstellen.

SPORT1: Ist es richtig an Preetz festzuhalten?

Röber: Keine Ahnung. Werner Gegenbauer (Hertha-Präsident, Anm. d. Red.) ist ein sehr guter Präsident und ich hoffe er bleibt im Amt. Als Trainer wünschst du dir so einen Präsidenten. Michael ist ein guter Manager, wenn er jemand an seiner Seite hat, der ihm hilft.

SPORT1: Schafft es die Hertha?

Röber: Ich habe das Gefühl, dass sie jetzt begriffen haben, worum es geht. Jeder muss am Samstag sehen, dass auf dem Platz die Luft brennt. Es gibt Spieler, die geben Gas, aber auch andere, die nicht erstligatauglich sind. Normalerweise müsste man auf diesen Sauhaufen draufhauen. Wenn Hertha die Kurve kriegt, müssen alle ihre Situation überdenken.

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