Bedröppelte Mienen: Jupp Heynckes (l.) ist in seiner dritten Amtszeit Trainer beim FC Bayern © getty

Nach dem Tiefschlag in Leverkusen schreiben die Münchner vorerst die Meisterschaft ab und richten den Blick erstmal nach unten.

Aus Leverkusen berichtet Martin Volkmar

Leverkusen - Als die Leverkusener Spieler mit den Fans noch das Ende ihrer 14 Bundesligaspiele dauernden schwarzen Serie gegen den FC Bayern feierten, da kapitulierte Christian Nerlinger bereits.

"Unsere Rückrundenbilanz auswärts ist katastrophal, deswegen brauchen wir heute nicht mehr von der Meisterschaft zu reden", sagte der FCB-Sportdirektor bei LIGA total! nach der 0:2-Pleite (Bericht).

"Wenn Dortmund die Steilvorlage nutzt, dann sind sie sieben Punkte weg - und dann wird es richtig schwierig für uns." 525990 (DIASHOW: Der 24. Spieltag)

Der Deutsche Meister ließ sich dann im Abendspiel gegen Mainz 05 die Chance nicht entgehen und ist nach dem 2:1-Heimsieg (Bericht) auf dem besten Weg zur Titelverteidigung (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Gladbach kann FCB auf Platz drei verdrängen

Und am Sonntag kann Borussia Mönchengladbach mit einem Erfolg beim 1. FC Nürnberg die seit der Winterpause schwächelnden Münchner sogar von Platz zwei verdrängen.

Daher richtete Toni Kroos den Blick nach der sechsten Saisonniederlage auch nicht mehr nach oben, sondern - ungewöhnlich genug für den erfolgsverwöhnten Rekordmeister - nach unten:

Kroos: "Priorität hat Platz zwei"

"Bei sieben Punkten Rückstand müssen wir nicht auf Dortmund schauen. Für uns muss es Priorität haben, Zweiter zu werden."

Und auch Arjen Robben scheint den Glauben an den nach der Hinserie selbstverständlich scheinenden Meistertitel schon verloren zu haben:

"Es wird ganz schwierig, da muss man realistisch sein", erklärte er. "Wir müssen uns mehr mit uns selbst als mit der Meisterschaft beschäftigen."

Boateng und Müller gehen sich an den Kragen

Das gilt sowohl für die defensive Anfälligkeit und die offensive Ideenlosigkeit und Ausrechenbarkeit wie für das offenbar gestörte Binnenklima, das beim verbalen Scharmützel und Geschubse zwischen Jerome Boateng und Thomas Müller deutlich wurde.

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Der auch diesmal im Abschluss glücklose Robben bewies nach der Partie immerhin wie Kroos und Kapitän Philipp Lahm die Professionalität, nach Gründen für den vielleicht entscheidenden Rückschlag zu suchen.

Sprachlose Bayern

Die anderen Profis eilten mit gesenktem Kopf und zusammengepressten Lippen dem Mannschaftsbus entgegen.

Etwa Stürmer Mario Gomez, der die wohl größte der vielen Bayern-Chancen vergab, als er in der 40. Minute den starken Bayer-Keeper Bernd Leno schon ausgespielt hatte, doch Manuel Friedrich den Schuss ins leere Tor noch verhinderte.

Neuer patzt vor dem 0:1

Oder Manuel Neuer, der die Gäste in der Drangphase der Leverkusener nach der Pause mit glänzenden Paraden im Spiel hielt, ehe er vor dem 0:1 zu spät herauslief und so die Führung durch Stefan Kießling (79.) einleitete.

Der eingewechselte Karim Bellarabi machte dann in der Schlussminute den umjubelten Sieg für Bayer perfekt.

Danach verweigerten auch die sichtbar angefressenen Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge in den beinahe gespenstisch ruhigen Katakomben der BayArena jeglichen Kommentar.

Erstmals seit 1996 zwei Jahre ohne Meisterschale?

Vermutlich wollten sie weder zum drohenden K.o. im Titelkampf Stellung nehmen noch aus den daraus fast zwangsläufig resultierenden Fragen nach Trainer Jupp Heynckes.

Seit den beiden Dortmunder Titelgewinnen 1995 und 1996 hat der FC Bayern nie mehr zwei Jahre ohne Meisterschale hinnehmen müssen.

Und Heynckes ist seit seinem allerersten Amtsjahr in München 1987/88 bis heute der einzige Bayern-Trainer, der nach einem ersten Jahr ohne Titel nicht gehen musste.

Offen, ob das auch in der notorisch unruhigen Medienstadt an der Isar diesmal so wäre.

Heynckes trotzt Trainerdiskussion

Immerhin bleibt der 66-Jährige trotz des wachsenden Drucks bemerkenswert cool.

"Wer Trainer beim FC Bayern ist, muss mit solchen Situationen umgehen", sagte er. "Da muss man gelassen und souverän mit umgehen. Ich denke, dass ich dazu die Erfahrung habe."

Ob der zunehmend ratlos wirkende Heynckes aber auch die Kraft besitzt, den scheinbar unaufhaltsamen Trend gegen sein Team umzudrehen, wird mit jeder Pleite fraglicher.

"Als Verlierer hat man wenig Argumente"

"Das ist eine riesige Enttäuschung für uns. Als Verlierer hat man nur wenig Argumente", gab der Coach zu, wollte die Flinte aber nicht ins Korn werfen:

"Ein Sieben-Punkte-Vorsprung ist komfortabel für Dortmund. Aber am Ende wird abgerechnet."

Darauf setzen sie auch in Leverkusen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Die Champions League schien schon abgehakt, dann gewann Bayer dreimal in Serie und liegt jetzt nur noch vier Punkte hinter Schalke.

Keine großen Sprüche in Leverkusen

Doch auf große Sprüche verzichteten die Rheinländer trotz des prestigeträchtigen Erfolgs. "Wir müssen wie in den letzten Wochen auf unsere Leistung schauen und nicht auf irgendwelche Platzierungen", sagte Andre Schürrle nur.

Den Erfolg schrieb nicht nur der Nationalspieler maßgeblich Robin Dutt zu, der trotz des hochkarätigen Gegners zur zweiten Halbzeit in Eren Derdiykok einen zweiten Stürmer gebracht hatte - der dann prompt mit einer artistischen Einlage die Vorarbeit zum 1:0 leistete.

"Der Trainer hat in der Pause gesagt, wir sollen einfach mutiger spielen und die Bayern früher stören. Das ist komplett aufgegangen", erklärte Schürrle und gab immerhin zu: "Es ist immer wieder schön, die Bayern zu schlagen. Das tut den Fans gut und das tut uns gut."

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