Dietmar Hamann (l.) gewann 2005 mit Liverpool die Champiions League © getty

Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann blickt auf den Start der Premier League am Wochenende voraus und nennt seinen Titelfavoriten.

Von Tobias Wiltschek

München - Dietmar Hamann kennt sich aus im englischen Fußball.

Der Mittelfeldspieler wechselte 1998 von Bayern München nach Newcastle, von dort aus ging es für den heute 39-Jährigen weiter nach Liverpool. Mit den "Reds" erlebte Hamann den Höhepunkt seiner Karriere und gewann 2005 die Champions League.

Der frühere Nationalspieler lebt nach wie vor auf der britischen Insel, wo er zuletzt Stockport County trainierte und als TV-Experte arbeitet.

Vor dem Start der Premier League am kommenden Wochenende spricht Hamann im SPORT1-Interview über die neuen Trainer der Top-Klubs und nennt seinen Favoriten auf die Meisterschaft. Zudem zieht er einen Vergleich zwischen der englischen Spitzenliga und der Bundesliga.

SPORT1: Chelsea, Manchester United und Manchester City gehen mit neuen Trainern in die Saison. Denken Sie, in der Premier League werden die Karten neu gemischt?

Dietmar Hamann: Das glaube ich nicht. Bei neuen Trainern weiß man natürlich nie, was passiert. Ich denke aber, dass diese drei Mannschaften den Titel unter sich ausmachen werden. Ich gehe davon aus, dass einer der drei neuen Trainer Meister wird, wobei Jose Mourinho bei Chelsea ja nicht ganz neu ist - im Gegensatz zu David Moyes bei United und Manuel Pellegrini bei City.

SPORT1: David Moyes tritt in die riesigen Fußstapfen von Sir Alex Ferguson. Kann das gut gehen?

Hamann: Bei "Fergie" war es ja nur eine Frage der Zeit, wann er Schluss macht. Nur der Zeitpunkt war möglicherweise etwas überraschend. Moyes hat die Chance verdient, er hat bei Everton hervorragende Arbeit geleistet. Natürlich erwartet ihn jetzt eine andere Aufgabe. United ist im letzten Jahr mit elf Punkten Vorsprung Meister geworden. Von daher haben sie sicherlich eine Mannschaft, die fähig ist, den Titel erneut zu gewinnen.

SPORT1: Was trauen Sie Chelsea-Rückkehrer Mourinho zu?

Hamann: Ich möchte nicht sagen, dass Chelsea einen Umbruch braucht. Aber einige Spieler, die die Mannschaft über Jahre getragen haben, gelangen jetzt ans Ende ihrer Karriere. Es wird interessant sein, wie er damit umgeht. Er hatte ja zu allen ein gutes Verhältnis, auch nach seinem Abgang zu Real Madrid. Petr Cech, Ashley Cole, John Terry und Frank Lampard waren die Stützen, als er zum ersten Mal da war. Jetzt sind sie alle fünf, sechs Jahre älter. Da könnte es noch ein, zwei Jahre dauern, bis es wieder richtig gut läuft.

SPORT1: Kann eine andere Mannschaft in die Top 3 eindringen?

Hamann: Für mich hat Manchester City mit Abstand den besten Kader. Sie haben in Jovetic, Navas, Negredo und Fernandinho vier Topleute geholt. Deshalb gehe ich davon aus, dass City Meister wird. Oben rein rutschen könnten wohl am ehesten Arsenal und Tottenham. Wobei Arsenal noch keinen großen Namen verpflichtet hat. Tottenham hat in Soldado und Paulinho zwei Topleute geholt. Wenn sie Gareth Bale noch abgeben und für ihn zwei, drei weitere Stars holen, ist Tottenham für mich der erste Kandidat, der die Top 3 angreifen kann.

SPORT1: Manchester United hat noch keinen Hochkaräter verpflichtet. Glauben Sie, dass da noch etwas passiert?

Hamann: United muss noch zwei, drei Spieler holen, wenn sie City gefährden wollen. Vieles hängt an Gareth Bale. Geht er zu Real? Kann ManUnited ihn verpflichten? Bleibt er in Tottenham? Sollte Manchester bei dieser Personalie leer ausgehen und Bale nach Madrid wechseln, ist es möglich, dass United Cristiano Ronaldo zurückholt. Auch Luka Modric würde Manchester unheimlich weiterbringen. Auf seiner Position im Mittelfeld brauchen sie jemanden.

SPORT1: Nicht nur Bale will seinen Klub verlassen. Auch Uniteds Wayne Rooney und Liverpools Luis Suarez forcieren ihren Weggang.

Hamann: Das stimmt. Arsenal will Suarez, Chelsea will Rooney. Ich denke, dass mindestens einer, möglicherweise zwei oder vielleicht sogar alle drei noch wechseln werden.

SPORT1: Im vergangenen Jahr stand kein Premier-League-Klub im Viertelfinale der Champions League. Wird es in dieser Saison besser laufen?

Hamann: Ich sehe im Moment keinen englischen Verein, der die Champions League gewinnen kann. Die Mannschaft, die am gefährlichsten sein wird, ist Manchester City. ManUnited und Chelsea sind nur Kandidaten für das Viertel- oder Halbfinale. Ich denke, dass die deutschen und spanischen Vereine einen Schritt voraus sind.

SPORT1: Ist die Premier League trotzdem noch die stärkste Liga der Welt?

Hamann: Fakt ist, dass die beiden deutschen Vereine ein großes Stück vor den spanischen Vereinen waren. Und die waren ein großes Stück vor den Engländern. Ich wäre aber immer vorsichtig zu sagen, die oder die ist die stärkste Liga. Ich denke, dass es zwischen der spanischen, englischen und deutschen Liga in der Dichte keinen großen Unterschied gibt. Aber bei den Spitzenteams muss man sagen, dass die Bayern und Dortmunder in den vergangenen Jahren großartige Arbeit geleistet haben.

SPORT1: Andre Schürrle ist neu bei Chelsea. Kann er sich an der Stamford Bridge durchsetzen?

Hamann: Es gibt keinen Grund, warum er das nicht klappen sollte. Es ist mit Sicherheit eine Umstellung für ihn. In England wird ein anderer Fußball gespielt. Aber er ist ein hervorragender Fußballer und hat sich in den vergangenen ein, zwei Jahren hervorragend entwickelt. In Mata, Hazard und Oscar spielen außergewöhnliche Spieler auf seiner Position. Aber wenn er den Kampf annimmt, wird er für Chelsea eine Bereicherung sein.

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